Die Mafia und der Aargau

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

Jörg Meier

«Sie hocken einfach hier. Dabei sollten Sie doch in Genf sein. Gerade Sie!» Polderhorn war wieder grusslos in die Redaktion gestürmt und hatte den Kolumnisten, der über einem Text brütete, ziemlich erschreckt.
«Was? Wo sollte ich sein?», fragte der leicht verwirrt.

«In Genf», erwiderte Polderhorn ungehalten. «Wundert mich eigentlich nicht, dass Sie so einfältig fragen. In Genf tagen zurzeit die weltbesten Journalisten. Die zeigen, wie man investigativen Journalismus betreibt. Wie man Skandale aufdeckt. Wie man Geschichten macht, die die Welt verändern. Da könnten Sie etwas lernen, Sie harmloser Schönschreiber, Sie!»

Das sass. Doch Polderhorn polterte weiter. «Gestern erzählte Mafia-Autor Roberto Saviano, wie er Material über die Mafia gesammelt und veröffentlicht hat. Ein lebensgefährlicher Job. Saviano wird rund um die Uhr von Leibwächtern bewacht. Aber er schreibt weiter. Und Sie? Wann haben Sie letztmals etwas Mutiges geschrieben? Einen Skandal aufgedeckt?»

Der Kolumnist wurde wütend. «Was mischen Sie sich überhaupt in meine Arbeit ein?», sagte er ziemlich laut. «Ich bin auch schon bedroht worden. Erst kürzlich erhielt ich ein Mail...»

Polderhorn fiel ihm ins Wort. «Bleiben Sie ruhig, ich meines es ja nur gut. Ich denke halt einfach, es wäre gut für Ihre Zeitung und Ihre Leserschaft, wenn Sie sich in Genf schlaumachen täten. Dann könnten Sie endlich die grossen Skandale im Aargau aufdecken.

«Aha», sagte der Kolumnist. «Und welches sind denn bitte die grossen Skandale im Aargau?»
«Deshalb sollen Sie ja nach Genf», sagte Polderhorn entnervt. «Um genau das herauszufinden.»

joerg.meier@azag.ch

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