Kreisel

Die Kreiselmoral ist nicht die beste

Temposünder füllen die Kassen der Polizei, dass es für diese eine Wonne ist, und auch Parksünder tragen ein stattliches Scherflein bei. Bei Kreiselsündern aber werden beide Augen zugedrückt. Ein MZ-Test zeigt: Mindestens jeder Vierte verstösst beim Verlassen eines Kreisels gegen das Gesetz.

Rosmarie Mehlin

2008 haben die Polizeikräfte der Gemeinden im Aargau mit Ordnungsbussen insgesamt gegen 13 Millionen Franken kassiert. Fast 8 Millionen wurden bei Geschwindigkeitskontrollen generiert, nahezu 2 Millionen im ruhenden Verkehr. Bei mehr als der Hälfte der restlichen 3 Millionen konnte die Stadtpolizei Baden sich ins Fäustchen lachen: Das Missachten der Sperrung der Schiefen Brücke für den motorisierten Verkehr schlug für sie gewaltig positiv zu Buche.

Eine recht ergiebige Quelle zum Abkassieren aber wird von der Polizei schnöde verschmäht. Laut Paragraf 321.1 des Ordnungsbussengesetzes ist das «Unterlassen der Richtungsanzeige» mit 100 Franken zu ahnden. Ebenso viel kostet (Paragraf 321.2) «nicht Einstellen der Richtungsanzeige nach erfolgter Richtungsänderung».

33 Prozent «Sünder»

Eine Richtungsänderung ist auch das Verlassen eines Kreisels und demzufolge verstossen Automobilisten und Motorradfahrer, die dies nicht mit dem Aktivieren des rechten Blinkers tun, klar gegen das Gesetz. Und das tun nicht wenige, wie ein Test aufzeigt: Wir haben in vier verschiedenen Kreiseln zu vier verschiedenen Zeiten die «Blinker»-Moral der Automobilisten unter die Lupe genommen und dabei innert insgesamt 75 Minuten 599 Fahrzeuge registriert. 138 davon haben den Kreisel ohne Einsatz des Blinkers verlassen.

Kreisel Würenlingen beim Aarepark, Sonntag, Fahrtrichtung Döttingen: Zwischen 15.40 und 15.55 Uhr passieren 90 Motorfahrzeuge, von denen 23 den Kreisel ohne Blinkereinsatz verlassen. Fahrtrichtung Siggenthal: Zwischen 16.00 und 16.15 Uhr queren 119 Lenker den Kreisel, 30 davon zeigen die Richtungsänderung nicht an. Insgesamt haben hier innert 30 Minuten also 25 Prozent der Automobilisten gegen das Gesetz verstossen.

Kreisel Lengnau Surbtalstrasse, Montag, Fahrtrichtung Tiefenwaag: Zwischen 8.10 und 8.25 Uhr passieren 95 Motorfahrzeuge, von denen 16 den Kreisel ohne Blinkereinsatz verlassen. Das sind 17 Prozent.

Kreisel Nussbaumen Landstrasse, Montag, Fahrtrichtung Baden: Zwischen 8.40 und 8.55 Uhr passieren 180 Motorfahrzeuge, von denen 32 den Kreisel ohne Blinkereinsatz verlassen. Das sind 18 Prozent.

Kreisel Wettingen Landstrasse/Staffelstrasse, Montag, Fahrtrichtung Würenlos: Zwischen 12.15 und 12.30 Uhr passieren 115 Motorfahrzeuge, von denen 37 den Kreisel ohne Blinkereinsatz verlassen: Das sind 32 Prozent.

Polizei büsst nicht

138 fehlbare Lenker mal 100 Franken Busse, 13 800 Franken in nur 75 Minuten: ein schlechter «Stundenlohn» für die Polizei. Wäre es, würde sie diese Gesetzesübertretung konsequent büssen. Tut sie aber nicht, wie René Lippuner, Präsident der Aargauer Gemeindepolizeien, frank und frei zugibt: «Wir haben ganz klar gröbere Probleme respektive bedeutend schwerwiegendere Übertretungen, allen voran das Telefonieren am Steuer und das Nichttragen der Sicherheitsgurten. Bei beidem ist die Moral der Lenker leider ebenfalls schlecht.»

Diese beiden Übertretungen können folgenschwer sein: Erstere auch für andere Verkehrsteilnehmer, die zweite für den fehlbaren Lenker selbst. «Wer hingegen einen Kreisel verlässt, ohne dies anzuzeigen, bringt damit niemanden in Gefahr, sondern verhält sich schlicht nicht kommunikativ.

Dadurch kann er höchstens den Verkehrsfluss verzögern und einen nicht vortrittsberechtigten Lenker verärgern.» Würden während einer Verkehrskontrolle zufällig «Kreiselsünder» gesichtet, würden diese, so Lippuner, deshalb auf ihr Fehlverhalten aufmerksam gemacht, aber höchst selten gebüsst - bis dato jedenfalls.

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