«Die Kreationisten haben keine Chance»

Die Schöpfung: ein Wurf Gottes in sieben Tagen. Daran glauben die so genannten Kreationisten. Aber sie glauben nicht mehr daran, damit in die Schulen vorzudringen. Eine Volksinitiative hätte das erreichen sollen. Man ist himmelweit vom Ziel entfernt.

Max Dohner

In den Köpfen mache die Idee Terrain gut, sagen viele Stimmen. Die Idee von Gottes Schöpfung in einer gewaltigen Woche. Vorher war nichts. Dann begann alles mit dem Wort. Nach nur sechs Tagen stand die ganze Welt. Ohne Entstehung der Arten während Millionen von Jahren. Ohne Verwandtschaft des Menschen zum Affen (und wer sich dessen mehr schämt, Mensch oder Affe, ist erst noch ungewiss). Das ist die Lehre vom Kreationismus, wiederbelebt in einer jungen, noch immer frommen Nation, in den USA, exportiert mittlerweile auch nach Deutschland.

Und hierzulande? Dringt das wirklich in die Köpfe? Wer sieht schon genau in die Köpfe! Einfacher ist darum die Frage: Erreicht der Kreationismus langsam auch die Schulen? Im Aargau hegte man die Befürchtung, als bekannt wurde, dass eine christliche Privatschule in diesem Geist eröffnet werde. Offenbar ein Sturm im Wasserglas: Der Erziehungsrat hat letzte Woche der Sata-Schule für drei Jahre die Bewilligung erteilt. Die gesetzlichen Auflagen seien erfüllt.

Zwei Organisationen aber versuchen erklärtermassen, die Schöpfungslehre im normalen Schweizer Schulunterricht zu verankern, beziehungsweise haben es versucht: die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) und der Verein Pro Genesis, stockkonservative Zirkel. Sie dachten an eine gemeinsame Volksinitiative.

Bis wann sie sich Zeit gaben - darüber las man unterschiedliche Angaben. Die EDU habe die Idee schon letztes Jahr begraben, schrieb der «Tages- Anzeiger». Der Verein Pro Genesis hingegen, wusste der «Beobachter», wolle mit der Unterschriftensammlung erst beginnen, Ende 2009.

Keine Ahnung, dass der Partner ausgestiegen war

Was stimmt? Wir fragen Gian Luca Carigiet, Gründer und Präsident des Vereins Pro Genesis. Carigiet weiss noch gar nicht, dass die EDU ausgestiegen ist. Trotzdem: Sein Verein habe «einen Text ausgearbeitet, um ihn in die Vernehmlassung zu schicken». Darf man den Text sehen? «Dafür ist es noch zu früh», sagt der Unternehmensberater aus Aeugst am Albis. Wer soll sich vernehmen lassen? «Dazu möchte ich mich nicht äussern», sagt Carigiet, «um keine schlafenden Hunde aufzuwecken.» Pro Genesis hat rund 600 Mitglieder, vornehmlich aus dem evangelikalen Lager. Die Initiative des Vereins steckt sich zum Ziel, einen «wertneutralen» Unterricht an den öffentlichen Schulen einzuführen.

«Es geht darum», sagt Carigiet, «den Absolutheitsanspruch von Darwins Evolutionstheorie aufzulösen.» Leute anderen Glaubens sollten nicht diskriminiert werden. Eine «Mikro-Evolution sehen wir als erwiesen an», so Carigiet weiter. Doch die Entstehung der Arten könne nur auf einen Schöpfer zurückgeführt werden. In dieser Form habe die Initiative noch immer eine Chance. Allerdings, räumt Carigiet ein, habe man bisher zu wenige Leute gefunden, um eine Bewegung auszulösen: «Wenn keine grössere Organisation dabei ist, ist das Vorhaben gestorben.»

Kann etwas «sterben», das zuvor nie wirklich gelebt hat? Anders gefragt: Warum hat die EDU die Kreationisten-Initiative so früh fallen gelassen? Der Präsident der Partei, Hans Moser, Buchs SG, sagt: Der Begriff «wertneutraler» Unterricht wäre anderen als christlichen Religionen hochwillkommen gewesen.

Der Saurier im Museum, der nur eine Erfindung sein soll

«Wertneutral» hätte auch bedeutet: offen für den Islam, den Buddhismus usw. Lieber Darwin als Mohammed - darum liess man die Sache fallen. «In der gegenwärtigen Wohlstands-Gesellschaft», sagt Moser, «hat der Kreationismus keine Chance.» In der Sache aber bleibt der neunfache Vater eisern: «Ginge es nach mir, sollte man an den Schulen nur noch die bi- blische Wahrheit lehren. Aller Chrut und Chabis wird gelehrt», nur um die ersten Bibelseiten als unwahr erscheinen zu lassen.

«Chrut und Chabis» fällt Lehrern auch leicht. Zu evident sind die Belege der Evolutionstheorie. Sie müssen ihre Schüler nur ins Sauriermuseum Frick begleiten. Das neu entdeckte Raubtier dort, samt Mageninhalt, ist niederschmetternd älter als 4004 vor Christus, dem Schöpfungsjahr der Erde, nach Berechnung von Erzkreationisten. Sie halten Saurier für eine Erfindung. Das hören die Schüler, während sie davorstehen, und der Lehrer muss nichts mehr kommentieren.

«Wäre ich Moslem», sagt der Christ, «ich bliebe es»

Indes sei das gar nicht das Kernproblem, sagt Moser: «Es ist das Versagen der Christen, die ihren Glauben nicht leben, dessen Werte nicht mehr umsetzen.» Überall Untreue, Scheidungen, Sex ohne Ende . . . «Wäre ich Moslem», äussert Moser einen denkwürdigen Satz, «und sähe all das der Christen hier, ich bliebe Moslem.»

In anderen Worten: Kreationisten wünschen sich primär Moral, nicht Religion. Kreationismus wäre so keine Anschauung mehr, sondern primär ein Mittel, um der Jugend wieder Mores zu lehren.

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