Schenkkreise
«Die konnten mehrere Male abkassieren»

Mit dem Mordfall von Grenchen hat sich eine verschlossene Türe in einen Graubereich der Kriminalität einen Spalt breit geöffnet: die Schenkkreise. In Grenchen mit federführend ist ein Familienclan, der es in der Zwischenzeit finanziell weit gebracht hat.

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Schenkkreise

Schenkkreise

Schweiz am Sonntag

von Urs Byland

Schenkkreise sind in Grenchen und Nachbargemeinden keine Seltenheit. Dieser Sumpf wird nicht so schnell aus den Köpfen der Grenchner zu verbannen sein und die Polizei noch über den Mordfall hinaus beschäftigen. Dies hoffen zumindest die Informanten dieser Zeitung.

Besonders aktiv sei ein Ehepaar (A.* und B.*), das in Grenchen in einem zur Villa ausgebauten Einfamilienhaus lebt und in der Region geschäftet. «Diesen Leuten muss das Handwerk gelegt werden», erklärt Informant Z.*, der in Schenkkreisen aktiv war und das Gebaren des Ehepaars und dessen Verwandten zu spüren bekam.

Das Anwerben: Er selber habe zum Ehepaar lose Kontakte gehabt. «Dann kam eines Tages deren Schwiegersohn zu mir, um ein Geschäft abzuwickeln, bei dem es um nicht wenig Geld ging», so Z. Er wurde vom Schwiegersohn auf die wundersame Geldvermehrung durch Schenkkreise aufmerksam gemacht. Eine beliebte Masche, wie der Informant weiss. Auch der Sohn des Ehepaares, angeblich ein Autonarr, habe schon verschiedentlich bei Autokäufen die Garagisten zum Mitmachen in Schenkkreisen aufgefordert, falls diese ein Auto verkaufen wollten.

Die Tochter des Ehepaars, die jeglichen Kontakt in Schenkkreise verneint, macht bei ihrer Geschäftseröffnung auf lukrative Nebenverdienste aufmerksam, wie ein benachbarter Geschäftsinhaber weiss. Und das Ehepaar, respektive die Ehefrau B.*, musste zwar bei der Polizei aussagen, «wegen meiner Bekanntschaft mit Margrit Dubey», will aber auch nichts von Schenkkreisen wissen und droht mit Anzeigen.

Das Abkassieren: Demgegenüber stehen die Aussagen des Informanten Z. Er habe dann nach einigem Hin und Her dem Cousin des Schwiegersohnes seinen Einsatz ausbezahlt. Mehrere Male sei er von einem Schenkkreis in den anderen gewechselt worden. Deshalb äussert Z. den Verdacht, dass der Familienclan die Übersicht über mehrere Schenkkreise hatte und neue, einzahlungsbereite Personen so platzierte, dass einer oder eine vom Familienclan abkassieren konnte. «Der Cousin wurde kurz nach meiner Einzahlung an einer Versammlung der Schenkkreisler in Deutschland als Beschenkter geehrt.»

Das Geld waschen: Erteilt worden seien auch Ratschläge, wie das geschenkte Geld an den Steuerbehörden vorbeigelotst werden kann. Beliebt seien beispielsweise notariell beglaubigte Geschenke von Verwandten aus dem Ausland. Hier 100 000 Franken vom Vater aus Italien oder dort 100 000 Franken vom Grossvater aus der Türkei.

Mit dem im Schenkkreis abkassierten Geld habe der Cousin des Schwiegersohnes diesem dessen Eigentumswohnung abkaufen wollen, weiss Informant Z. Das Grundbuchamt bestätigt Verkaufsabsichten der beiden Personen, aber noch nicht deren Vollzug. Auch der Schwiegersohn habe im letzten Jahr einen Neubau kaufen können, so Z.

Ein grosser Sumpf in Grenchen und Umgebung

«Halb Grenchen hat Kontakte in Schenkkreise», hört man immer wieder. Wie viele Grenchnerinnen und Grenchner involviert sind, weiss niemand. Aber die Tatsache, dass viele Personen erklären, sie seien auch schon angefragt worden, könnte ein Hinweis sein, dass in Grenchen der Markt an Schenkkreisen übersättigt war. Die Blase platzte. Und die Organisation kam in Erklärungsnotstand. Die Schenkkreis-Organisation habe das Gebiet (Deutschland, Schweiz und Österreich) in Regionen aufgeteilt, erklären die Informanten. Margrit Dubey sei in der Region, zu der Grenchen gehört, weit oben in der Hierarchie gestanden. Grenchen stehe im Übrigen nicht allein da. Schenkkreise existierten auch in Solothurn, Selzach, Büren etc. Eine Kunstschaffende sagt, sie sei drei Mal angefragt worden, auch an so hehren Orten wie in Galerien. (uby)

Diesen Kauf bestätigt das Grundbuchamt. «Die haben mehrere Male in Schenkkreisen abkassieren können. Wenn die sahen, dass einer aus ihrer Familie wieder zuvorderst in einem Schenkkreis angekommen war, haben sie Druck aufgebaut, sodass Geld reinkam und ihr Familienmitglied ausbezahlt wurde. Sie haben die Sache für sich ausgenutzt. Deshalb haben sie auch Probleme mit den Leuten, weil sie es immer so drehten, dass ihre Familie profitierte», erklärt Z.

B. habe Z. des Öfteren gesagt, sie werde erst aufhören, wenn sie eine Million gemacht habe. Um dieses Ziel zu erreichen, habe sie auch bei den grösseren Schenkkreisen, mit Einsätzen von 40 000 Franken, mitgemacht. Gemunkelt wird auch von Schenkkreisen mit Einsätzen von 150 000 Franken, «für Reiche und Akademiker», so Z.

Sicher in den teureren Schenkkreisen mitgemacht habe die ermordete Margrit Dubey, sagt der Informant Z., der später in ihren Schenkkreis kam. «Ich wollte nicht mehr in einem Schenkkreis mitmachen, in dem dieser Familienclan die Fäden zog. Da hat sich Margrit Dubey meiner angenommen.» Sie sei diejenige gewesen, die habe helfen wollen, damit Z. zu seinem Geld kam.

«Die Mitglieder des Familienclans bezeichnete sie als ‹Saucheiben›.» Margrit Dubey beteiligte sich in der Folge an den Schenkkreis-Treffen von Z., beriet diese, wie sie werben sollten und den Kreis stärken könnten. «Das war vor zirka einem Jahr. Dann kam Margrit Dubey mit etwas Neuem.»
Z. solle an ein Treffen in Egerkingen mitkommen, dort würde er erfahren, wie er seinen Einsatz zurückbekomme.

«Ich wäre ja nicht mitgegangen, wenn ich gewusst hätte, was mich dort erwartete. Da war dieser Anwalt aus Basel, und dort wurde eine neue Art von Schenkkreis vorgestellt mit einem Einsatz von 300 Euro.» Er habe Margrit Dubey zur Rede gestellt, worauf sie erklärt habe, sie wolle nur, dass Z. sein Geld zurückerhalte.

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