Heilig
Die Kirche will eine Kaiserin aus dem Freiamt adeln

Die letzte Habsburger Kaiserin Zita soll seliggesprochen werden. In Muri, wo heute ihr Herz in der Loretokapelle der Klosterkirche liegt, war die Monarchin oft anzutreffen. Einmal klopfte sie auch an die Tür bei Pfarrer Lorenz Baur.

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Kaiserin Zita

Kaiserin Zita

Zur Verfügung gestellt

Jörg Baumann

Muri pflegt sein historisches Erbe nicht aus Zufall. 1027 gründeten die Habsburger das Kloster Muri. Die letzte Habsburger Kaiserin Zita lebte von 1962 bis zu ihrem Tod 1989 im Schweizer Exil im St.-Johannes-Stift in Zizers. «Die Kaiserin war auch ein paar Mal im Jahr in Muri», erinnert sich Lorenz Pfarrer, von 1983 bis 2000 Pfarrer in Muri. Zita logierte dabei im Benediktiner Hospiz, innerhalb der Mauern des 1841 gewaltsam aufgehobenen Klosters.

Nach dem Kaiser die Kaiserin?

Bereits 2004 sprach Papst Johannes Paul II. den früh auf Madeira verstorbenen Gatten der Kaiserin, Kaiser Karl I., selig. In diesen Stand soll nun auch die Kaiserin erhoben werden. Die Herzen des Ehepaares sind in der Loretokapelle in Muri bestattet worden. Für die Kaiserin ist der Seligsprechungsprozess angelaufen. Vorerst ist sie nur Kandidatin. Stark machen sich für die Seligsprechung die Erzdiözese Wien und der Bischof von Le Mans.

«Für mich war die Kaiserin eine heiligmässige Frau», sagt Pfarrer Lorenz Baur. «Sie war eine tapfere Frau, die im Stillen viel Gutes getan hat. Eine Frau mit Stärken, aber auch mit Schwächen.» Zuckersüsse Heilige, die so gar keine Schwächen zu haben scheinen, gefielen ihm sowieso weniger, meint Baur. Da lägen ihm Menschen aus Fleisch und Blut wie die Kaiserin näher.

Man weiss: Seligsprechungsprozesse dauern in der katholischen Kirche lange. Heute und morgen wird die Kaiserin nicht im Kreis der Seligen aufgenommen. Lorenz Baur: «Man sollte nun zuerst abwarten, was passiert.» Für ein Jubelfest in Muri wäre es noch zu früh. Der amtierende Murianer Pfarrer Urs Elsener betont, dass Heilige als Vorbilder wichtig seien. Es sei aber noch nicht an der Zeit, darüber nachzudenken, «was die Seligsprechung der Kaiserin für Muri bedeuten wird».

Die Kaiserin an der Pfarrhauspforte

In den ersten Maitagen 1983 begegnete Pfarrer Lorenz Baur der Kaiserin zum ersten Mal. Der Pfarrer hatte sein Amt in Muri gerade angetreten. Seine Wohnung war noch nicht richtig eingerichtet. «Die Möbel standen quer durcheinander», erinnert sich Lorenz Baur. Da läutete es an der Pfarrhaustür. Draussen stand eine alte, schwarz gekleidete Frau. Sie wollte mit dem Pfarrer sprechen. «Wer sind Sie?», fragte Baur. «Die Kaiserin von Österreich», entgegnete die Dame. Baur war perplex. Baur glaubte, eine Bewohnerin der Pflegi vor sich zu haben. Um ein Haar wäre ihm der Satz entwischt: «Wenn Sie die Kaiserin sind, dann bin ich der Kaiser von China.» Baur: «Zum Glück habe ich nicht gesagt, was ich dachte. Denn der Begleiter der Kaiserin, Graf Forni, bekräftigte: «Das ist die Kaiserin.»

Anrede: «Ihre Majestät»

Pfarrer Baur bat die Gäste in die Küche. Zuerst wollte Baur die Formalitäten geregelt haben. «Wie soll ich Sie anreden?», fragte er die Kaiserin. Die Antwort war eindeutig: «Ihre Majestät.» Die Kaiserin liess sich vom Pfarrer einen Kaffee servieren. Dann kam sie ohne Umschweife direkt zum Thema: Sie wollte mit dem Pfarrer über ihr Begräbnis reden. Er, der örtliche Pfarrer, müsse auch die Abdankung in Muri halten, meinte die Monarchin.

Baur wehrte ab: Dafür sei er wohl nicht der richtige Mann. Die Abdankung müsse eher ein Kardinal übernehmen. Die Kaiserin widersprach heftig: Mit den Kardinälen habe sie es nicht so, sagte sie. Sie ziehe den Pfarrer vor. Die Diskussion über die Abdankung konnte nicht zu Ende geführt werden. Nach einer Stunde verabschiedeten sich die Kaiserin und Graf Forni wieder vom Pfarrer - offenbar in bestem Einvernehmen. Denn die Kaiserin liess dem Pfarrer stets herzliche Grüsse ausrichten, wenn sie in Muri war. Noch einmal sollte Lorenz Baur die Monarchin sehen: in Zizers, wo sie zurückgezogen lebte. Auf der Fahrt ins Kloster Muri-Gries machte Baur einen Zwischenhalt und wechselte mit der Kaiserin einige Worte.

Grosser Abschied in Muri

Erst Kaiserin Zitas Tod führte die beiden wieder zusammen. Wien verabschiedete sich triumphal wie in alten Zeiten von ihrer Kaiserin. In Muri folgte die Abdankungsfeier. Nochmals tauchte die Frage auf, wer den Gottesdienst leiten sollte: Bischof Otto Wüst oder doch der Pfarrer von Muri? «Bischof Wüst sagte, ich wäre der richtige Mann dafür. Ich antwortete ihm, dass ein Bischof am Platz wäre», berichtet Baur.

So kam es auch: Der Bischof leitete den Gottesdienst, Pfarrer Baur beteiligte sich zusammen mit Pater Leodegar Spillmann als einer der Konzelebranten daran. Lorenz Baur erzählt: «Die Klosterkirche war gestossen voll.» Die Habsburger-Kinder hatten keine Sitzplätze. Da kam die alte Habsburger-Disziplin zum Vorschein: «Die Kinder knieten während des ganzen Gottesdienstes auf dem Boden», erinnert sich Baur. «Wie manches Freiämter Kind hätte das ausgehalten?», fragt sich Baur.

Weil die Habsburger-Familie, das Fürstenhaus Liechtenstein und auch der belgische König, wie sich Baur zu erinnern vermag, an der Feier teilnahmen, standen in der Kirche Polizisten in Zivil Posten. «Auch ich wurde zweimal kontrolliert, bevor ich in die Kirche durfte», erinnert sich der Pfarrer. Der Gottesdienst war, weil die Sicherheitsleute ihren Dienst diskret ausführten, trotzdem würdig und bewegend - auch für die republikanisch gesinnten Freiämter, die ihre Sympathie für das Monarchische nicht verbergen mochten.

Leichenmahl im «Ochsen»

Keine Beerdigung läuft in der Schweiz ohne Leichenmahl ab. Das teilte der damalige Kirchenpflegepräsident Hans-Martin Strebel Rudolf von Habsburg einem der Söhne der Kaiserin schon vor der Abdankungsfeier mit. Der Habsburger stutzte: «Ein Leichenmahl - was ist das denn?» Strebel konnte ihm begreiflich machen, worum es bei diesem Brauch geht - und Rudolf von Habsburg willigte ein. Das Leichenessen fand im Gasthof Ochsen in Muri statt. Otto von Habsburg, damals noch der Chef des Hauses Habsburg, führte seine Familie an die Tische im «Ochsen»-Saal. Die Habsburger waren hungrig. Denn sie hatten auf ihrer Reise nach Muri im Hotel Sternen nur ein frugales Frühstück eingenommen. «Ein Gipfeli und einen Kaffee pro Person», wie Lorenz Baur weiss. Bei Tisch, so fiel dem Pfarrer auf, wurde nicht über die verstorbene Kaiserin gesprochen. Vielmehr diskutierten die Tischnachbarn von Baur über den Gang der Börse.

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