Von Jürg Krebs

«11 Zentimeter Gefälle auf 40 Zentimeter Länge», sagt Marguerite Weber laut, sodass Regula Huwyler ein paar Meter daneben das Ergebnis ihrer Messung gut hören kann. Dann notiert sie sich die Angaben auf einem Papierblock, während Huwyler die Stelle auf ihrer Karte «Zürcher Wanderwege» kennzeichnet.

Die beiden Frauen befinden sich beim Kloster Fahr neben dem Restaurant Zu den zwei Raben auf der Fussgängerbrücke, die zur Limmat weist. Mit Messband, Wasserwaage, Papier und Stift ausgerüstet, machen sie sich auf den Weg. Weber zu Fuss, Huwyler im Rollstuhl. Es ist ein Experiment, das die beiden an diesem Morgen durchführen. Ihr Ziel ist die Beantwortung der Frage: Ist der Wanderweg rollstuhltauglich?

Hinter der Aktion steht Mobility International Schweiz mit Sitz in Olten, eine Reisefachstelle für Menschen mit Behinderung. Für sie nehmen Mitglieder des Rollstuhlclubs Zürich (RCZ), allen voran Präsidentin Regula Huwyler, die Wanderrouten der Region Zürich unter die Lupe. Finanziert und unterstützt wird die Aktion aus dem Erlös der Fahrdienste von Nez Rouge Zürich.

Die Organisation sammelte im vergangenen Dezember gemäss Präsidentin Marguerite Weber rund 32 000 Franken. Beteiligt ist auch die Zürcherische Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege. Sie wird die ersten für gut befundenen Routen in diesem Herbst neu beschildern.

Eine mehrere Kilometer lange Strecke haben Regula Huwyler und Marguerite Weber vor sich. Zum Ende werden sie dafür zweieinhalb Stunden benötigt haben. Vom Kloster Fahr aus folgen sie der Limmat bis nach Dietikon Glanzenberg. Dort überqueren sie den Fluss, um sich auf der anderen Seite Richtung Zürich zu wenden. Über Schlieren und Unterengstringen führt der Wanderweg sie zurück zum Ausgangspunkt beim Kloster.

Alle paar hundert Meter halten die beiden an, um Notizen zu machen. Huwyler hat einen Swiss-Trac vor ihren Rollstuhl gespannt, eine Motorhilfe. Dank ihm lassen sich auch grössere Hindernisse relativ problemlos überwinden. Weil Huwyler nicht weiss, was sie auf dem Weg erwartet, hat sie ihn vorsichtshalber mitgenommen.

Der Wanderweg ist abschnittweise naturbelassen oder mit Kies belegt. Ein gemütlicher Spaziergang für Marguerite Weber. Eine Herausforderung für Regula Huwyler. Sie deutet auf einen Stein vor ihrem Rollstuhl, der aus dem Boden drängt.

«Da ist Vorsicht geboten. Obwohl er nicht sehr gross ist, kann er wie ein Katapult wirken, weil der Schwerpunkt des Rollstuhls hinten liegt und die Vorderräder klein sind - das kann den Fahrer aus dem Gleichgewicht und zu Fall bringen», sagt Huwyler. Weiter gehts. Geschickt passiert sie Steine, Wurzeln, Unebenheiten, kleinere und mittlere Steigungen und Gefälle.

Regula Huwyler ist eine sportliche Rollstuhlfahrerin. Sportlich war sie schon immer. Doch in Jugendjahren erlitt sie beim Kunstturnen einen Unfall und ist nun seit 34 Jahren von Mitte Rücken an querschnittgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie heiratete, zog zwei Kinder gross und lebt heute in Dielsdorf.

Dem RCZ mit seinen 260 Mitgliedern stand sie ein erstes Mal zwischen 1980 und 1985 vor und zum zweiten Mal seit 1997. Sportlich ist Regula Huwyler heute noch; sie trifft sich regelmässig mit anderen Rollstuhlfahrern zum Training.

Das grösste Hindernis, eines, das auf den ersten Blick gar nicht als solches erkennbar ist, treffen Huwyler und Weber auf der Höhe des Bahnhofs Glanzenberg an, als sie die Flussseite wechseln wollen. Es gilt eine kleine, gut fünf Zentimeter hohe Stufe zu überwinden, um auf die Brücke zu gelangen. Für geübte, sportliche Rollstuhlfahrer kein grösseres Problem. Huwyler versucht es - ohne Motorhilfe.

Sie hebt die Vorderräder geschickt an und balanciert diese über die Kante, bis sie mit den Hinterrädern ansteht. Als sie die Vorderräder auf die Stufe stellt, kommen sie just vor eine weitere nur einen Zentimeter hohe Kante zu liegen. Zwei Kanten in einem Zug innerhalb einer Rollstuhllänge, das ist allein nicht zu machen. Marguerite Weber notiert die Beschaffenheit des Hindernisses, während Huwyler die Motorhilfe vor den Rollstuhl spannt, so gehts.

Der Bahnhof Glanzenberg auf der anderen Limmatseite wird ebenfalls unter die Lupe genommen. Wer müde ist, kann von hier den Nachhauseweg antreten. Ein Kiosk bietet Zwischenverpflegung. Viel wichtiger für Rollstuhlfahrer auf Reisen ist: Es gibt ein Behinderten-WC, aufschliessbar mit einem Euroschlüssel, den Behinderte meist mit sich tragen. Huwyler ist zufrieden.

Anders als zuvor beim Kloster Fahr: Weder Kloster noch Restaurant verfügen über ein rollstuhlgängiges WC. «Das ist bei einem so beliebten Ausflugsort unverständlich», sagt Huwyler. Sie und Weber haben deswegen Kontakt mit Marcel Matter aufgenommen, dem kaufmännischen Leiter des Klosters. Laut Weber ist dieser bereit, bei den ebenerdigen Toiletten eine Schiebetür zu prüfen, damit das WC wenigstens bedingt rollstuhlgängig würde.

Damit Rollstuhlfahrer ins eigentliche Restaurant im ersten Stock kommen, helfen ihnen jeweils zwei Kellner über die sechsstufige Aussentreppe hinter dem Haus. Immerhin: «Die Gartenwirtschaft aber ist bei schönem Wetter ideal», so Huwyler.

Die beiden Frauen achten auf ihrem Ausflug durchs Limmattal nicht nur auf die Beschaffenheit des Weges. Vermerkt werden weitere Besonderheiten. Im Schlieremer Gebiet Zelgli angekommen, freut sich Huwyler über den weitgehend ebenen Rastplatz mit Grillstellen, Spielplatz, Brunnen. Alles bestens für Rollstuhlfahrende zugänglich.

«Vom Feinsten», konstatiert Huwyler. Ein paar hundert Meter weiter erklimmt sie dank ihrem Motorantrieb die Aussichtsplattform an der Limmat in Unterengstringen. Die Rampe ist steil, ohne Hilfe aber nicht zu bewältigen - immerhin wurde beim Bau der Anlage daran gedacht.

Auf dem Rückweg zum Kloster Fahr überlegt Huwyler die Klassierung der Wegstrecke. Dereinst werden hier grüne Schilder mit einem stilisierten weissen Rollstuhl auf die Behindertentauglichkeit des Wanderwegs hinweisen. Mit einem zusätzlichen Strich unter dem Piktogramm wird in den Farben Blau, Rot und Schwarz der Schwierigkeitsgrad dargestellt.

Blau steht für leicht befahrbar. Ein roter Weg ist für sportliche Rollstuhlfahrer oder für solche, die Hilfe zur Hand haben. Eine schwarze Strecke kann nur mit der Hilfe einer Motorhilfe bewältigt werden. Huwylers Urteil: «Die Strecke rechts der Limmat ist rot, jene links blau.»

Weitere Informationen:
www.rc-zuerich.ch
www.nezrougezuerich.ch
www.mis-ch.ch