Die Herbstzeitlosen aus Wynigen

Eine Szene aus der Szene: Bei diesem nachgestellten Fall wird ein Zuhälter so gewaltätig, dass das Team Wyno alle Hände voll zu tun hat. (Fotos: ZVG)

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Eine Szene aus der Szene: Bei diesem nachgestellten Fall wird ein Zuhälter so gewaltätig, dass das Team Wyno alle Hände voll zu tun hat. (Fotos: ZVG)

Fieberhaft haben sich die sechs Wyniger Samariterinnen auf die Europameisterschaft im deutschen Oldenburg vorbereitet. Nun blicken sie auf ein Erlebnis zurück, das ihnen zwar alles abverlangte, das sie aber niemals missen möchten.

Marisa Cordeiro

Nach einer längeren Verschnaufpause geht es bei den Frauen des Wyniger Samaritervereins wieder lebhaft zu und her. Zumindest drei von ihnen nehmen kein Blatt vor den Mund und lachen beherzt, während sie sich die Situationen in Erinnerung rufen - vor zwei Wochen im deutschen Oldenburg.

Die Qualifikation für die Samariter-Europameisterschaft 2009 war für das Team Wyno ein wahres Geschenk. Mehr noch: Sie brachte die Frauen sogar aus dem Häuschen. «I ha jo kei Schnöre vou Änglisch chönne», erinnert sich Ursula Hofer (62), die Vereinspräsidentin, an die Ausgangslage und prustet los. Genau das war aber von Nöten: Wer punkten wollte, musste seine Handlungen kommentierten - auf Neudeutsch.

So nahm das Team Englischstunden und übte Vokabeln wie zu Schulzeiten. Gleichzeitig holte es sich das Ehrenmitglied Sylvia Neuhaus (58) als Leaderin ins Boot. Sie kannte bereits einige englische Fachausdrücke. Ausgelassen über die Qualifikation - den Titel des Schweizer Meisters im September 2008 - nahm Neuhaus die Bitte an. Als die Euphorie aber allmählich verblasste, gestand sie sich ein, «dass es eigentlich nicht das war, was ich suchte». Trotzdem: Sie liess ihr Team nicht im Stich, schliesslich kam ihr eine wichtige Funktion zu: die Unfall-Situationen sofort zu erfassen und das Kommando zu übernehmen. Um sich in Form zu bringen, schulte sie ihr Zeitgefühl. «Am Morgen, wenn ich die Milch wärmte, stellte ich die Mikrowelle auf zwei Minuten und schaute, was sich in der Zeit alles erledigen lässt», erzählt sie und schüttelt kichernd den Kopf, als könnte sie dieses Erpichtsein selber kaum mehr begreifen.

«Jetzt geht es zur Sache»

«Eingefahren» sei ihr jener Moment, als das Team, nach einer zweitägigen Anreise, in Oldenburg von der Fangemeinde abgekapselt wurde, erzählt derweil Ursula Rychard (53): «Ein Shuttlebus für die Supporter, einer fürs Team - da wurde mir bewusst, jetzt geht es zur Sache.» Überwältigend und unvergesslich sei auch die Eröffnungsfeier gewesen. Alle 26 Landeshymnen, das persönliche Händeschütteln mit obersten Vertretern des Roten Kreuzes, der Gesundheits- und Stadtbehörden sowie die Prozession zum Wettkampfplatz - hinter den beiden Pferdekutschen direkt angeführt von der Schweizer Delegation.

Am nächsten Morgen, um 7 Uhr in der Früh, galt es dann ernst: 11 Fach-, 9 Fun- und 6 Verpflegungsposten, pro Station 10 Minuten Zeit, dann «weiter Marsch!» auf dem Parcours durch die Stadt. Bisweilen war der Takt gar militärisch und die Fun-Posten hatten es in sich. Geistige Flexibilität und starke Nerven waren gefragt, ein physischer Kraftakt für das Frauenteam aus Wynigen. Ihr Durchschnittsalter von geschätzt 50 Jahren liess sie im Vergleich zu den anderen Teams buchstäblich Alt aussehen. Oft lockte die Versuchung, im Affekt zu handeln. Die realistisch nachgestellten Szenen liessen die Schweizerinnen bisweilen den Selbstschutz vergessen: «Bei einem Überfall stürmten wir einfach die Bank - mit fatalen Folgen», wie Hofer nun realisiert. «Gescheiter wäre gewesen, ausserhalb der Bank auf die Polizei zu warten.» Im Vorfeld auf die langjährige Erfahrung gesetzt, wäre die Strategie «kühlen Kopf bewahren» wohl der bessere Begleiter gewesen, bilanzieren die Samariterinnen einsichtig.

Ungewohnte Härte

Doch nicht nur sie, auch die Figuranten liefen zu Höchstleistungen auf, wie Ursula Hofer findet. Alles authentisch - von Schussverletzungen über Eingeklemmte und gar Tote - alles sei dabei gewesen. «Eine solche Härte war für uns aber ungewohnt», sagt Hofer und fügt an: «Man muss wissen, dass in vielen Ländern das Rote Kreuz die Rettungssanität bestellt. In der Schweiz sind wir Laienhelfer.» Damit war die Basis grundverschieden.

Die Schweizerinnen hatten also verschiedene Handycaps: Nebst dem Altersdurchschnitt, fehlender Manneskraft, der Laienbasis und dem Englisch auch noch unbekannte Verhaltensrichtlinien. «Da ging jedem einmal ‹dr Lade ache›», sagt Sylvia Neuhaus. In solch schwachen Momenten aber stand das Team zusammen. Es ackerte den Parcours durch, bis es schliesslich selber hätten verarzten können. «Doch das Lachen ist uns nie vergangen», sagt Ursula Rychard. «Vor, während und nach dem Wettkampf nicht - das ist entscheidend.»

Teams vor der Zerreissprobe

So kehrten die sechs Samariterinnen erschöpft nach Hause und wurden gefeiert als hätten sie gesiegt - die Dorfmusik spielte am Bahnhof, die Feuerwehr brauste mit dem Einsatzfahrzeug heran, Behördenvertreter, Verwandte und Bekannte nahmen das Team in Empfang. Für die Gemeinde Wynigen waren sie Heldinnen, obschon sie mit 2516 Punkten «nur» den 21. Rang von 26 belegten. Als Sieger gingen zum vierten Mal in Folge die Serben nach Hause (3288 Punkte), gefolgt von Irland (3210) und Italien (3131). Das Schlusslicht bildete Ungarn (2062). Nichts desto trotz: Für das Team Wyno zählte von Beginn weg das Erlebnis. Und dieses hat ihre Erwartungen weit übertroffen. Umstände wie diese, wo die Nerven bisweilen blank liegen, stellen die Teams vor eine Zerreissprobe: entweder sie erliegen dieser oder es schweisst sie zusammen. Bei Wyno traf das Zweite ein: Überwältigt von den Eindrücken gönnten sich die Frauen zu Hause erst einmal eine zweiwöchige Verschnaufpause.

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