Andreas Valda

«Die Gestelle im Supermarkt sind schon fast leer»

Aufnahme eines Buses auf unbefahrbarenen Strassen in Tacahuana, Südchile.

Chile

Aufnahme eines Buses auf unbefahrbarenen Strassen in Tacahuana, Südchile.

Andreas Valda ist Architekt und Journalist. Seit einem halben Jahr lebt er mit seiner chilenischen Ehefrau und den Kindern in Chile, 400 Kilometer nördlich des Epizentrums. Er schildert a-z.ch, wie er den Tag und die Nacht nach dem grössten Erdbeben der Geschichte Chiles erlebt hat.

«Am Tag nach dem zerstörerischen Hauptbeben der Stärke 8,8 Richterskala zittert die Erde weiter. Am Sonntag riss uns ein Beben der Stärke 7 aus dem Schlaf, ein einzelnes Nachbeben fast so stark wie jenes Hauptbeben in Haiti. Wir, eine 5köpfige Familie, sprangen aus dem Bett, schnappten uns die von uns bereitgelegten Turnschuhe und rannten zur Wohnungstür. Dann gab das Schütteln nach. Nach 30 Sekunden war der Spuk vorbei. Es sei das bisher stärkste Nachbeben gewesen, heisst es später im Radio. Wir legten wieder alles so hin, wie vor dem ins Bett gehen: Handy, Autoschlüssel, Wasser, Milch, Decken, Pullover, Geld, Taschenmesser und zwei batteriebetriebene Radios.

Wir wohnen im 6. Stock eines 26stöckigen Wohnhauses neueren Datums. Die Angst, dass uns das Haus begraben könnte, so wie wir es im Fernsehen gesehen haben, ist uns in die Knochen gefahren. Und will nicht mehr heraus. Alle zehn bis 30 Minuten zittert die Erde. TV-Bilder aus Santiago de Chile zeigten: Selbst einzelne ganz neue Häuser kippten um wie Kartonkisten. Diese Angst beschäftigt die meisten Chilenen, die keine Toten zu beklagen haben und nicht alles verloren haben. Wir wohnen am Meer in der Nähe von Valparaiso, einer grosse Hafenstadt 400 Kilometer nördlich des Epizentrums des Hauptbebens. Hier schlug es mit der Stärke 6 zu. Viele Wohnhäuser haben hier sichtbare Sschäden, die Schaufenster von Läden sind zu Brüche gegangen. Die Strassen sind voller Risse, aber befahrbar. Fast alle Läden sind zu. Offen haben nur solche, die einen Dieselstromgenerator in Betrieb nehmen konnten. So auch unser Haus. Doch die Reserven an Dieseltreibstoff sind knapp. Am Mittag bat mich der Abwart 120 Liter Diesel an der Tankstelle zu kaufen und in Kanistern zu transportieren. Wir haben zwar Strom, aber weder funktioniert das Festnetz, noch Internet, noch das Fernsehen. Nur die Eingangswache hat einen funktionierenden TV, der uns schreckliche Bilder von Dörfern aus dem Süden Chiles, der Region Concepcion, zeigt. Dort haben massive Plünderungen der grossen Lebensmittelläden begonnen, und die Polizei setzte Wasserwerfer gegen Plünderer ein. In den nächsten Stunden wird die Armee in die Strassen geschickt, um für Sicherheit zu sorgen. Auch hier zirkuliert die Polizei. Aber Gewalt ist nicht zu sehen. Wir versichern uns immer wieder: Wir haben Glück gehabt!

Ob dies für alle Schweizer gilt, die in Chile leben, ist offen. Die Präsidenten von Auslandschweizerklubs waren am Sonntag nicht erreichbar. Die hiesige Schweizer Botschaft konnte auf Anfrage keine Einschätzung vornehmen. Der Grossteil der Einwanderer lebt in den vom Erdbeben stark betroffenen Regionen. Die heissen Biobio (Concepcion), Araukanien und demTemuco. Die Botschaft kennt aber Fälle von Schweizern, die wegen des bis Sonntag geschlossenen Flughafens nicht ausreisen konnten. So auch unsere Tochter, die in Genf lebt. So hören wir wie alle Chilenen die ganze Zeit Radio. Ein Seismologe sagte gestern, dass mit schweren Nachbeben "während bis zu einem Jahr" zu rechnen sei. Neben dieser Angst beherrschen drei weitere dinge die Bewohner: haben alle Famileinangehörige überlebt? Wo decken wir uns mit Nahrungsmittel ein? Und wie bewachen wir unser Hab und Gut?

Die Radiostationen werden bestürmt von Anfragen nach der Suche von vermissten Tanten, Onkeln, Grosseltern oder Kindern. So sagte beispielsweise die Hörerin Angela Leiva der lokalen Station "cooperativa": "Bitte, Sergio, melde Dich. Wir sind in grosser Sorge, weil wir Dich nicht erreichen konnten. Ruf uns oder die Radiostation an." Die Regierung konnte bis jetzt nicht beziffern, wie viele Leute vermisst werden. Es sind dies aber Tausende.

Tausende sind auch unterwegs nach der Suche von Bargeld. Moderne Chilenen der Mittelklasse haben ihr Geld auf der Bank und tragen nur das Minimum auf sich herum. Die Banken sind zu, die meisten Bancomaten ausser Betrieb, sei es wegen Stromausfall, sei es weil der Zentralcomputer der Bank beschädigt wurde, sei es, weil die Bancomaten geleert wurden. Die wenigen Läden, die offen sind, akzeptieren aber nur Bargeld. Wir fahren schliesslich 20 Kilometer und verbringen zwei Stunden, bis wir umgerechnet 800 Franken in chilenischen Pesos beziehen konnten. Danach fahren wir zum einzigen Supermarkt zur Region, der offen ist, um uns mit Essen und Trinken für die nächsten 14 Tage einzudecken. Die Gestelle für Milch, Wasser, Konserven, Windeln und Gemüse sind schon fast leer.

Die grösste Sorge unseres Abwarts ist währenddessen, wie er sein Haus vor Diebstahl schützen kann. Ihm, der in Valparaiso in einem kleinen Häuschen aus Lehmmauern wohnt, sind das Dach eingebrochen und eine Aussenmauer umgefallen. Seine Frau und Töchter werden von Cousins bewacht. Er reit mir: "Klar, sie kamen nicht ohne die nötige Bewaffnung." Er hingegen versieht seinen Dienst in unserem Wohnhaus. Er kann nicht anders, denn sein nächster und übernächster Monatslohn werden die Reparaturen finanzieren müssen, die anstehen. Untere soziale Schichten sind hier kaum versichert, sie leben von der Hand in den Mund. Was mit den Leuten geschieht, die in den Regionen des Epizentrums alles verloren haben, selbst die Arbeit, ist die grosse Frage, die sich Chile stellt. Eine Lehrerin im Radio sagte: "Wir haben uns als Land so gut entwickelt. Und jetzt das...."»

(aufgezeichnet von Claudia Landolt)

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