Peer Meinert, dpa

Beim Kampf gegen die Ölpest verliert die US-Regierung allmählich das Vertrauen in den britischen BP-Konzern. Innenminister Ken Salazar drohte jetzt offen, BP die Führung beim Einsatz gegen das Desaster aus der Hand zu nehmen. Am Sonntag war er eigens ins amerikanische BP-Hauptquartier in Houston im Bundesstaat Texas gereist, um dem Konzern die Leviten zu lesen.

«Wir sind am Tag 33 angelangt, und ein Termin nach dem anderen ist nicht eingehalten worden», machte sich der Minister Luft. «Ich bin wütend und frustriert, dass BP nicht in der Lage ist, das Leck zu schliessen...»

Doch zugleich versucht die Regierung damit geschickt, von einem möglichen eigenen Versagen abzulenken. Wie die «New York Times» berichtete, erteilten die Behörden auch nach dem Unfall der Bohrinsel «Deepwater Horizon» vor rund fünf Wochen weitere Genehmigungen für neue Offshore-Bohrungen — obwohl die Regierung in Washington zunächst keine weiteren mehr vergeben wollte.

Innenminister Salazar machte klar, dass er den BP-Experten nicht viel zutraut. «Habe ich Vertrauen darin, dass sie genau wissen, was sie tun? Nein.» Wenn die Regierung herausfinden sollte, dass BP nicht tut, was der Konzern tun sollte, dann werde die Regierung das Unternehmen beiseiteschieben. Salazar reagierte damit auf Vorwürfe, die Regierung verlasse sich zu stark auf BP.

Operation «Top Kill»

Der ursprünglich bereits für Sonntag geplante Versuch zum Verschliessen des Bohrlochs sollte nun erst am Dienstag oder Mittwoch starten, gab BP bekannt. Begründung: Die Vorbereitungen dauerten länger als angenommen. Bei der Operation — von Experten «Top Kill» genannt — werden schwere Schlammmassen mit hohem Druck auf das Bohrloch «geschossen». Allzu optimistisch, dass der Versuch klappt, ist der zuständige BP-Manager Doug Suttles aber nicht. In einem CNN-Interview betonte er gestern, wie kompliziert das Manöver in 1500 Meter Tiefe sei. «Wir haben noch einige andere Optionen», fügte er hinzu.

Der Kampf gegen die Katastrophe kostete BP bislang rund 760 Millionen US-Dollar (611 Millionen Euro), teilte der Konzern am Montag in London mit. Damit haben sich die Kosten innerhalb von zwei Wochen mehr als verdoppelt.

BP hatte kein Notfallszenario

Seit dem Unfall der Bohrinsel «Deepwater Horizon» am 20. April waren bereits mehrere Anläufe zur Bekämpfung der Ölpest gescheitert. BP musste eingestehen, keine Erfahrungen mit Öllecks in einer solchen Tiefe zu haben. Immer mehr Menschen fragen sich, wie es geschehen konnte, dass ein Ölkonzern vor der US-Küste bohren darf, ohne auf einen Unfall vorbereitet zu sein.

Immer mehr, immer dickeres Öl treibt nun auf die US-Küste zu. In Louisiana seien bereits mehr als 105 Kilometer verseucht, gab Gouverneur Bobby Jindal bekannt. Experten fürchten eine weitere massive Verschmutzung von Buchten und Stränden.

«Wirklich katastrophal»

Auch BP-Geschäftsführer Bob Dudley bezeichnete die Lage nunmehr als «katastrophal». Um sich ein Bild zu machen, wollten Salazar und Heimatschutzministerin Janet Napolitano am Montag das Katastrophengebiet per Helikopter überfliegen.

BP musste unterdessen eingestehen, dass die bisherigen Operationen zur Eindämmung nicht sonderlich effektiv sind. So werde weitaus weniger Öl aufgefangen und abgepumpt als bisher angegeben. Wie ein Unternehmenssprecher sagte, sind es nur gut 300 Tonnen – statt 700 – täglich.

US-Präsident Barack Obama setzte eine unabhängige Untersuchungs- kommission ein, die innerhalb eines halben Jahres einen Bericht über die Ursachen des Öl-Unfalls vorlegen und Konsequenzen vorschlagen soll.