Geisel

«Die Anteilnahme hat mir sehr geholfen»

Zurück in der Schweiz: Andreas Notter an der Medienkonferenz.

Andreas Notter

Zurück in der Schweiz: Andreas Notter an der Medienkonferenz.

Nach 93 Tagen Geiselhaft ist der IKRK-Mitarbeiter Andreas Notter gestern in die Schweiz zurückgekehrt. Mit klarer und kräftiger Stimme berichtete der 38-jährige Andreas Notter in Genf erstmals über seine Erlebnisse als Geisel, den Alltag im Dschungel und den Moment seiner Heimkehr.

Martin Rupf, Genf

Etwas schüchtern nimmt Andreas Notter im Presseraum Platz. Mit klaren Augen blickt er in die Schar der Journalisten, die sich an diesem Nachmittag am Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf eingefunden haben. Sein Haar ist gepflegt. Der Bart gestutzt. Sein Gesicht leicht abgemagert. Vor wenigen Stunden ist der IKRK-Mitarbeiter in der Schweiz gelandet - fünf Tage nach seiner Freilassung. Was hat dieser Mann in den letzten drei Monaten auf der philippinischen Insel Jolo wohl durchgemacht?

Als Erstes bedankte sich Notter bei all jenen, die zu seiner Befreiung beigetragen haben. «Ich bin sehr erleichtert, wieder in der Schweiz zu sein», sagte Notter. «Seit ich wieder in Freiheit bin, habe ich realisiert, wie viele Menschen, die uns gar nicht kannten, für uns gebetet hatten und sich Sorgen um uns gemacht hatten. Das hat mich sehr berührt.» Gleichzeitig sei er in grosser Sorge um seinen italienischen Kollegen Eugenio Vagni (62), der sich immer noch in den Händen der islamistischen Terrorgruppe Abu Sayyaf befindet. Anschliessend berichtete Notter zum ersten Mal ausführlich und detailliert über die eigenen Erfahrungen seiner Geiselhaft:

Alltag

«Es hat sehr viel geregnet. Und da waren noch all die Tiere im Dschungel, die eine wirkliche Herausforderung darstellten », so Notter lachend. «Um 5.30 Uhr wurden wir jeweils vom Morgengebet geweckt, dann wurde gefrühstückt - meistens ein Reis-Porridge.» Den Tag hätten sie dann oft mit Kartenspielen, Lesen oder Waschen verbracht. «Manchmal durfte ich Holz schlagen. Das war eine gute Beschäftigung, so konnte ich mich körperlich fit halten», blickte Notter zurück. Wenn sich die Rebellen unter Druck befunden hätten, seien zudem jeweils längere Tagesmärsche auf dem Programm gestanden. Als sehr belastend empfand Notter die Ungewissheit. «Rückblickend kommt mir die Geiselhaft wie eine Achterbahnfahrt vor. Manchmal war es ruhig und es schien, als wäre alles bald zu Ende - das Licht am Ende des Tunnels sozusagen.» Doch dann sei plötzlich wieder der Befehl gekommen, schnell zu packen, weil man weiter müsse. Dabei hätten sie oft innerhalb von Sekunden all ihre Sachen packen müssen.

Behandlung

«Wir wurden anständig behandelt. Wir haben auch versucht, den Entführern zu erklären, wer wir sind und was wir tun, doch nicht alle verstanden es.» Wie gross die ganze Gruppe der Kidnapper war, konnte Andreas Notter nicht genau sagen, da immer wieder neue Leute dazugestossen seien und andere die Gruppe verlassen hätten. Natürlich hätten sie in den über drei Monaten Geiselhaft eine Art Beziehung zu den Geiselnehmern aufgebaut, «doch eigentlich ist nie richtig klar geworden, was die Geiselnehmer wollten.»

Bedrohung

«Es war schwierig einzuschätzen, wie ernst die Lage tatsächlich ist, weil die Geiselnehmer uns gut behandelt haben. Ich hatte natürlich von früheren Geiselnahmen gehört und wusste, dass ich das ernst nehmen muss. Es war nicht einfach, mit der Angst umzugehen. Ich habe oft versucht, sie auszublenden. » Geholfen habe ihm das Wissen, dass das IKRK und die beteiligten Regierungen alles nur Mögliche für ihre Befreiung unternahmen. «Auch wussten wir dank Telefonaten mit Angehörigen um die grosse Anteilnahme in der Schweiz; das hat mir sehr geholfen.»

Die Flucht

«Ich weiss immer noch nicht genau, wie ich vor fünf Tagen aus der Geiselhaft gekommen bin. Ich würde sagen, ich ging einfach verloren.» Die Gruppe hätte sich auf einem Marsch durch den Dschungel befunden, als er sich plötzlich allein wiedergefunden habe. «Ich nutzte die Gelegenheit und hab mich aus dem Staub gemacht.» Als Flucht würde er es trotzdem nicht bezeichnen, da es nicht geplant gewesen sei.


Rückkehr in die Schweiz

«Ich bin heute Morgen um zirka acht Uhr in Genf gelandet. Es war natürlich ein sehr schönes Erlebnis, meinen Bruder in die Arme zu schliessen.» Jetzt freue er sich vor allem darauf, viel Zeit mit seinen Familienangehörigen zu verbringen. «Ja, ich habe vom geplanten Fest in Lenzburg gehört. Ich sehe es aber weniger als ein Fest für mich, sondern als Gelegenheit, mich bei all meinen Freunden und Bekannten für ihre Unterstützung zu bedanken.»

Zukunft

«In den nächsten Tagen möchte ich ein bisschen zur Ruhe kommen und mich erholen», sagte Andreas Notter zum Schluss und wirkt dabei zum ersten Mal an dieser Medienkonferenz müde und erschöpft. Eine Rückkehr als IKRK-Mitarbeiter auf die Philippinen könne er sich gut vorstellen. «Ich habe dort sehr gern gearbeitet. Vielleicht kehre ich auch nur für ein paar Wochen zurück, um das Ganze für mich abzuschliessen.» Schliesslich bedankte sich Andreas Notter nochmals für die grosse Unterstützung und Anteilnahme - auch auf philippinisch: «salamat po».

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