Sigrist

«Die Angst wird grösser»

Er ist geprägt von der 80er-Bewegung – und hat als Grossmünster-Pfarrer viel bewegt. Auch ausserhalb der Kirchenmauern ist Christoph Sigrist ein gefragter Mann: Sei es als Präsident des ersten Spendenparlaments der Schweiz, sei es als Armeeseelsorger, dem Manager ihr Inneres offenbaren.

Matthias Scharrer

Herr Sigrist, die Nullerjahre enden. Was bleibt?
Christoph Sigrist: Wir sind als Welt noch näher zusammengewachsen. Trotzdem haben wir uns im Kleinen weiter auseinandergelebt. Zwar haben wir mit dem Internet Kontakt zur ganzen Welt. Aber der Nachbar, die Nachbarin ist weiter weggerutscht. Die Welt ist zum Dorf geworden, doch der Dorfcharakter der persönlichen Beziehungen geht je länger, je mehr verloren.

Was für Kontakte haben Sie zu den Nachbarn?
Sigrist: Gute. Als Pfarrer kann ich mit Vertrauensvorschuss durch jede Tür gehen. Das gehört gewissermassen zu den Privilegien meines Berufes.

Und an Weihnachten?
Sigrist: In der Helferei beim Grossmünster haben wir schon seit Jahren die offene Weihnacht von 18 bis 1 Uhr. Da kommen Hunderte von Menschen aus allen sozialen Schichten und Religionen. Ich bin am 24. zur Weihnachtsfeier in einem Wohnheim für Männer. Am Heiligabend gehe ich auch zu Alleinstehenden.

Gesellschaftlich prägend war in der jüngsten Vergangenheit die Wirtschaftskrise. Wie haben Sie das als Pfarrer erlebt?
Sigrist: Die Wirtschaftskrise ist ein globales und medial präsentes Thema. Aber im Alltag sind die Krisen völlig anders gelagert. Die Wirtschaftskrise ist etwas, das in der Zeitung steht. Das betrifft vor allem die, die in Verbindung sind mit krisengeschüttelten Unternehmen. In der Nachbarschaft hingegen interessiert, wie man den Tag bewältigt, zu Essen bekommt oder die Nacht durchsteht. Aber selbstverständlich haben Sie in dem Sinne recht, dass durch die Krisenerfahrung - und ich meine damit nicht nur Wirtschafts-, sondern auch Umweltkrise und Naturkatastrophen - die Unsicherheit grösser geworden ist. Und dadurch auch die Angst.

Haben Sie dadurch mehr Zulauf in der Kirche?
Sigrist: Die Institutionen sind nicht die ersten, die ein Hort sind für das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Eigentlich hilft nur das persönliche Eingebettetsein in eine Gemeinschaft gegen diese Unsicherheit. Das kann eine Kirchgemeinde sein. Oder eine andere Gemeinschaft. Oder eine Freikirche. Oder Kurse, die sich dem Gefühl der Unsicherheit annehmen.

Viel Konkurrenz . . .
Sigrist: Ich sehe das nicht als Konkurrenz. Das frühere Monopol der Kirche ist nicht mehr da. Die Kirche ist Mitspielerin auf diesem Markt, wo der Mensch in der Spannung zwischen Angst und Zuversicht lebt.

Als Armeeseelsorger erleben Sie, dass sich Topmanager bei Ihnen ausheulen, wie zu lesen war. Haben Sie, gerade bei den Leuten aus der Spitze der Gesellschaft, in letzter Zeit Veränderungen gespürt?
Sigrist: Ja. Dort ist die Wirtschaftskrise unmittelbar spürbar. Die Verantwortung müssen ja meistens mittlere und höhere Kader tragen. Ich stelle fest, dass ich in diesem Milieu in den letzten Jahren immer gefragter werde. Das Bedürfnis, ethische Richtlinien zu haben, Instrumente in die Hand zu bekommen, die die Menschlichkeit einrechnen ins Kalkül der Bilanzen: Dieses Bedürfnis ist gewachsen und ich habe darum - auch als Armeeseelsorger - immer mehr Kontakte und intensive Gespräche mit solchen Leuten.

Was sagen Sie diesen Leuten?
Sigrist: Ich gebe ihnen recht, indem ich sage: Es gibt noch etwas anderes als den Homo oeconomicus. Schlussendlich sind das Menschen wie Sie und ich. Einer sagte mir, er habe zehn Jahre lang einer Lebenslüge nachgelebt. Er stieg mit 55 Jahren aus und ist jetzt im Sozialbereich tätig. Dort ist er eine Perle, denn er hat das ökonomische Denken und kann es jetzt im Sozialen umsetzen. Solche Umkehrungen erlebe ich jetzt in der Generation von Managern im Alter von 50 bis 60 Jahren.

Können Sie denen mit Gott kommen?
Sigrist: Sie kommen mit Gott. Nicht ich.

Sie sind Präsident des Zürcher Spendenparlaments. Wie entwickelt sich das finanzielle Engagement der Reichen?
Sigrist: Es entwickelt sich, auf konstantem Niveau. Wir sind inzwischen eine Gruppe von 100 Mitgliedern, die sich regelmässig im Zürcher Rathaus treffen und schon rund 30 Integrationsprojekte unterstützt haben. Derzeit planen wir Projekte für Leute im Alter von 60 bis 80 Jahren. Weitere aktuelle Projekte betreffen leicht behinderte oder psychisch erkrankte Menschen und die versteckte Armut der Working Poor.

Fliessen die Spenden gleich gut wie vor drei Jahren, als Sie das Zürcher Spendenparlament initiierten?
Sigrist: Ja. Das Geld fliesst, wenn es plausibel ist.

Reden wir über die Kirche. Das Gross-münster hat pro Jahr bis zu 200 000 Besucher. Was suchen die dort?                  Sigrist: Stille, innere Erneuerung und das Gespräch mit Gott oder dem, was sie als transzendente Macht bezeichnen.

Sind nicht auch viele Touristen darunter, die einfach eine Attraktion abhaken?
Sigrist: Die suchen das Gleiche dort. Wenn Sie als Tourist in eine Kirche gehen, dort ein Foto eines Fensters oder einer Skulptur kaufen, eine CD mit Orgelmusik erwerben und vielleicht noch eine Kerze anzünden, sind Sie genau in diesem Spannungsfeld. Schlussendlich suchen die Leute in einer Kirche genau das, was man in einer Kirche findet. Und das ist etwas anderes als im Hallenstadion.

Dennoch: Viele Kirchen stehen weitgehend leer. Was sollen wir damit machen?
Sigrist: Gute Frage. Wir haben inzwischen in der Stadt Zürich über 40 reformierte Kirchen, aber genau so viele Mitglieder wie vor 100 Jahren, nämlich knapp 100 000. Die Frage der Umnutzung oder Weiternutzung der Kirchenräume wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen. Aus reformierter Sicht hat die Nutzung eines Kirchenraums mit Friedensarbeit zu tun. Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, sagte sinngemäss: Kirchgebäude sollen ein für alle Menschen geeigneter Ort sein, der für die Erhaltung des Friedens in und ausserhalb der Kirchenmauern dient.

Was heisst das konkret?
Sigrist: Das heisst, in den Bereichen Integration und Migration, Arbeit und Existenzsicherung, Wohlergehen und Gesundheit arbeiten zu können. Im Gross-münster heisst Friedensarbeit zum Beispiel, dass der Tourist eine Oase der Stille, der Meditation, Kultur und Kunst haben kann. Wenn eine Kirche in einem Milieu von Menschen mit Migrationshintergrund steht, kann es heissen, dass der Kirchenraum Begegnungsort für verschiedene Kulturen wird. Im Kirchgemeindehaus Zürich Wipkingen haben zum Beispiel Migrationskirchen Raum erhalten. Jetzt erleben Sie dort afrikanische Gottesdienste. Kirche hat Räume zu riskieren.

In Zürichs neuen Quartieren, die in den einstigen Industriegebieten entstanden sind, fehlen Kirchen. Was tun?
Sigrist: Die Frage ist: Braucht es einen statischen Kirchenraum oder flexible Einrichtungen? In Deutschland hat man mit Zelten oder Wohnwagen gute Erfahrungen gemacht. Gerade das Provisorische ist der Reiz daran.

Gibts in Zürich entsprechende Projekte?
Sigrist: Man denkt darüber nach. Aber konkret sind die neueren Projekte immer noch fest gebaut, zum Beispiel die Kirchen am Flughafen, im Hauptbahnhof oder in Sihlcity. Mir gefallen flexible Einrichtungen.

Sie plädieren für eine Kirche, die sich bewegt - und kommen aus einer Bewegung. Inwiefern haben die Zürcher Jugendunruhen der frühen Achtzigerjahre Sie geprägt?
Sigrist: In der damaligen Zeit ging es ja um die berechtigte Forderung, dass die Kultur nicht nur besseren Gesellschaftsschichten vorbehalten sein soll. Ja, diese damalige Bewegung hat mich ein Stück weit geprägt, obwohl ich nie Aktivist war. Ich finde den Grundsatz auch heute noch richtig und wichtig, dass das Recht auf Kultur, Religion, Natur, Klima nicht ein privates Recht ist. Das kann man nicht privatisieren. Ich wurde sensibilisiert für die Öffentlichkeit dieser Bedürfnisse. Das ist für mich ein Feuer, das nie erloschen ist. Auch wenn ich heute das Gewaltpotenzial der Bewegung kritisch hinterfragen würde. Zivilen Ungehorsam braucht es immer wieder gegenüber gesellschaftlichen Machtfeldern. Die Widerstandskräfte sind wichtig, damit auch die Verantwortungsträger von Staat, Wirtschaft und Bildung besser handeln können.

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