Scheidungsstatistiken
Der Zivilstand fährt Achterbahn

Im Baselbiet haben im vergangenen Jahr die Scheidungen deutlich zu-, in Basel-Stadt dagegen massiv abgenommen. Doch die jährlichen Schwankungen sagen nicht viel: Langfristig nähmen die Scheidungen nämlich zu, sagen Fachleute.

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Risiko

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Daniel Haller

Beim Heiraten sind sich Baselbiet und Basel-Stadt für einmal fast einig: Auf dem Land stieg 2008 die Zahl der Eheschliessungen gegenüber 2007 um 6,1 Prozent (von 1309 auf 1389), in der Stadt um 7,6 Prozent (von 949 auf 1021). Damit verstärkten beide den eidgenössischen Trend: Gesamtschweizerisch stieg die Zahl der Eheschliessungen um 2,3 Prozent an.

Anders bei den Scheidungen: Während in der Stadt 10,2 Prozent weniger Paare ihre Ehe juristisch zu Grabe trugen (von 587 auf 527), gaben die Baselbieter Gas und trafen sich um 7,9 Prozent häufiger vor dem Scheidungsrichter (von 630 auf 698). Damit verpasste das Baselbiet klar den Eidgenössischen Trend von minus 1,4 Prozent.

Bei den Scheidungen bleiben die beiden Halbkantone also geschieden - könnte man meinen. Doch die Statistik trügt: «2004 hatten wir im Baselbiet 622 Scheidungen, 2005 deren 727 und 2006 dann 766, 2007 gings auf 630 zurück», berichtet Christine Baltzer, Präsidentin der zivilrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts. «Es ist ein Auf und Ab.» Wenn die Bezirksgerichte im Dezember einen zusätzlichen Scheidungstag ansetzen, könne dies statistisch 50 Scheidungen vom einen ins andere Jahr verschieben.

Konkubinatspaare unterschlagen

Wo die Zahlen Objektivität nur vortäuschen, ist ihre Interpretation umso verzwickter: «Ich wäre zurückhaltend», meint Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Uni Basel zu den Eheschliessungen. Die Statistik erfasse die realen Beziehungen zu wenig. «Es gibt viele Konkubinatspaare, die an der Statistik vorbei wie in einer Ehe leben. Wenn dann das erste Kind kommt, heiraten sie und rutschen in die Statistik rein.» Steigende Heiratszahlen könnten allenfalls auf ein zunehmendes Bedürfnis nach Verbindlichkeit hinweisen.

Mehr Paarberatungen

Auch Reinhard Felix-Lustenberger, Psychologe in der Beratungsstelle für Partnerschaft, Ehe und Familie der Reformierten Kirche Baselland, erwähnt die Konkubinatspaare: «Die Scheidungsstatistik erfasst nicht, wie viele Konkubinatspaare sich trennen.» Dass Trennung und Scheidung abnehmen würden, kann er nicht bestätigen: «Wir verzeichnen steigende Beratungsziffern. Und rund die Hälfte der Paare, die Beratung suchen, trennen sich schliesslich.»

Dafür gebe es viele und auch widersprüchliche Gründe: So löse oft die Geburt eines Kindes eine Beziehungskrise aus. Andererseits seien Kinder aber auch Scheidungs-Verzögerungsfaktoren. Felix weist darauf hin, dass viele Ehen nur wenige Jahre nach der Heirat geschieden werden. So sei die Statistik nicht zuletzt davon beeinflusst, wie viele Ehen gerade «im scheidungsfähigen Alter» seien: Auf einen heiratsstarken Jahrgang folge zwei bis drei Jahre später ein scheidungsstarkes Jahr.

Dazu kämen äussere Faktoren, etwa sich abzeichnende Änderungen im Scheidungsrecht, die eine Entscheidung beschleunigen oder verzögern können. Christine Baltzer liefert dafür das Beispiel: 1999 gabs unter dem alten Scheidungsrecht im Baselbiet 820 Scheidungen, 2000 unter dem neuen Gesetz gerade noch 234.

Persönliche Unterentwicklung

Felix weist darauf hin, dass neben den klassischen Scheidungsmotiven wie Fremdgehen oder Krisen die persönliche Unterentwicklung eines Partners zunehme. «Es gibt immer mehr Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, die sehr schnell gekränkt sind, wenig Sozialkompetenz an den Tag legen oder eine Suchtdynamik entwickeln.» Er sei oft erstaunt, wie hoch die Leidensbereitschaft sei, die Macken des Partners auszuhalten. Darauf verweist auch Mäder. «Ich habe in einer familienpolitischen Studie - das wurde heftig kritisiert - geschrieben, dass man gewisse Paare eigentlich zwangsscheiden müsste.»

Mäder bezweifelt auch, ob Scheidungen, wie oft befürchtet, Zeichen einer Destabilisierung der Gesellschaft seien. «Vielleicht ist es genau umgekehrt: Weil die Gesellschaft stabil ist, ist es leichter geworden, den Schritt zur Scheidung - mit all seinen wirtschaftlichen Folgen - zu wagen.»

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