Rosmarie Mehlin

Brav wie ein Buchhalter hinterm Schreibpult sitzt er da, die Füsse ordentlich nebeneinandergestellt, den Rücken gerade, das sich lichtende Haar akkurat gekämmt. Seine Miene hat etwas Pastorales an sich. Leise gibt er Antwort auf die Fragen von Gerichtspräsident Benno Weber. Zunächst weist er nur immer auf seine Aussagen in den Akten hin, allmählich aber beginnt er in seinen Erinnerungen zu kramen, wo er aber immer wieder auf Lücken stösst.

Es ist offensichtlich, dass Georg (Name geändert) vieles verdrängt. Doch die Anklageschrift deckt auf, was er seinen drei Töchtern angetan hat. Heute 22-, 21- und 18-jährig, hatte eine von ihnen sich letztes Jahr einer Verwandten anvertraut und damit war der Stein ins Rollen gekommen. Georg hatte drei Monate lang in U-Haft gesessen. Seine drei Töchter hatten den Untersuchungsbeamten ausführlich geschildert, was sich zugetragen hatte, und Georg hatte es, obgleich zögerlich, bestätigt.

Im Ehebett, im Kinderbett, in der Badewanne hatte er alle drei Mädchen an den Brüsten und im Schambereich gestreichelt und stimuliert, hatte sich von ihnen am Penis berühren und sie bis zur Ejakulation an ihm reiben lassen. Angefangen hatte er Ende 1994 mit der da-mals 6-jährigen mittleren Tochter. Ab 1995 machte er das reihum regelmässig mit allen drei Mädchen, oft mehrfach die Woche. Laut Aussagen der Opfer hat Georg bis 2006 nicht von ihnen abgelassen. Er behauptet, nach 2002 diesbezüglich nichts mehr getan zu haben.

«Irgendwie natürlich geschehen»

Dies ist insofern relevant, als zwischen 2003 und 2006 die beiden älteren Töchter 16-jährig geworden sind und Georg sich dadurch nach den sexuellen Handlungen mit Kindern auch solchen mit Abhängigen schuldig gemacht hat. Überdies war er angeklagt, die polizeiliche Sachbearbeiterin schriftlich bedroht zu haben und - was weitaus schlimmer wiegt - der Schändung. Georg war, in Ausübung seines Berufes, einer geistig und körperlich schwerstbehinderten jungen Frau körperlich nahegekommen, was durchaus angebracht gewesen wäre, hätte er dabei nicht - wie Georg selbst bekannte - «erotische Gefühle» empfunden.

Heute ist Georg 58, die Frau hat sich von ihm getrennt, der Kontakt zu den Töchtern ist ihm untersagt, seine Arbeit hat er verloren, er wird vom RAV unterstützt. Vor Gericht sagt er zwar, es sei ihm bewusst, dass er seine Töchter in ihrer sexuellen Entwicklung stark belastet habe, und das tue ihm sehr leid. «Aber massiv sexuell ausgebeutet, nein, das habe ich sie nicht. Ich hatte das alles ja nicht geplant, es ist einfach geschehen, zusammen mit der Neugier der Kinder irgendwie natürlich.»

Wenig Einsicht und Reue

Tatsache ist, dass alle drei Mädchen über kürzere oder lange Zeit psychotherapeutisch behandelt werden mussten, dass sie beruflich nur schwer Fuss zu fassen vermögen und auch grosse Schwierigkeiten haben in ihren Beziehungen zu Männern. Der von Georg angerichtete Schaden sei praktisch irreversibel, hielt denn auch der Staatsanwalt dezidiert fest. Zu Beginn seines Plädoyers wies er darauf hin, dass dieser Fall deutlich zeige, was statistisch feststeht, nämlich dass 95 Prozent aller sexuellen Missbräuche von Kindern im trauten Familien- und Bekanntenkreis vorkommen. «Der Beschuldigte zeigt aber wenig Einsicht und keine Reue», stellte der Ankläger fest, der eine Freiheitsstrafe von 4½ Jahre forderte.

Ihr Mandant, so die Verteidigerin, habe nicht nur die Grenze nicht gezogen, als alles noch harmlos war, «er hat sie klar überschritten». Er habe aber mit seinen Töchtern weder den Beischlaf vollzogen noch beischlafähnliche Handlungen. Auch habe er nie Gewalt oder Drohungen angewendet. «Sexuelle Handlungen können ganz ein anderes Ausmass annehmen, als was Georg sich zuschulden kommen liess.» Die Anwältin beantragte, Georg nur in einem Punkt - der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern - schuldig zu sprechen und ihn dafür mit maximal zwei Jahren bedingt zu bestrafen.

Das Gericht sprach Georg, mit einigen Ausnahmen in Nebenpunkten, schuldig gemäss Anklage und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 2 Monaten. Den beiden jüngeren Töchtern sprach es eine Genugtuung von je 30 000, der ältesten eine solche von 40 000 Franken zu.