Gesundheit

Der Schlaf raubte ihm alles

Tückische Rast: Walker schlief hier einmal ein, während er Django Stöckchen warf. (kus)

Narkolepsie

Tückische Rast: Walker schlief hier einmal ein, während er Django Stöckchen warf. (kus)

Von einem Moment auf den anderen schlief der Aargauer Monty Walker plötzlich ein. Selbst wenn er gerade während einer Sitzung das Protokoll führen musste.

Sabine Kuster

Eines Tages war der Computerbildschirm von Monty Walker (Name geändert) gefüllt mit lauter g und h. Die Buchstaben reihten sich seitenweise mitten in einen Brief, den er am Schreiben war. Walker wunderte sich.

«Ich bin», weiss er heute, «von einem Tag auf den anderen auf der Arbeit einfach eingeschlafen.» Und nicht nur das: Traumwelt und Realität vermischten sich beim Aufwachen am Arbeitsplatz, er sah Personen neben ihm stehen und ihn beobachten. Halluzinationen. Im Zug auf dem Weg zur Arbeit von einem Dorf in der Nähe von Lenzburg nach Zürich verpasste er es regelmässig, auszusteigen. Er fuhr zu weit oder wachte wieder in Lenzburg auf - der Zug war zurückgekehrt. «Meine Zuverlässigkeit war bei null», sagt er.

Er schlief oft an Sitzungen ein

Die Odyssee von Arzt zu Arzt begann. Daneben trank er 20 Kaffee pro Tag, nahm Vitamine und andere Aufbaupräparate. Nichts half, wenige Stunden nachdem er aufgestanden war, überkam den Aargauer weiterhin eine unüberwindliche Schläfrigkeit. Besonders schlimm in monotonen Situationen: Sitzungen etwa, während deren er Protokoll hätte führen müssen. Am Ende schaute er auf das Papier, verstand nichts von dem, was er aufgeschrieben hatte. Automatisches Handeln heisst das, wenn einer im Schlaf einfach weitermacht, was er davor am Tun war.

Monotone Situationen sind auch heute noch gefährlich für Walker. Er berichtet von seiner Krankheit deshalb nicht zu Hause am Küchentisch, sondern auf einem Spaziergang. Er nimmt den Belgischen Schäfer Django an die Leine und erzählt seine Geschichte entlang von Ackerfurchen und bis in einen Buchenwald hinein. Es ist ein langer und steiniger Weg, den er seit dem Jahr 2002, als er das erste Mal einnickte, zurückgelegt hat.

Arbeitslos, geschieden, gekränkt

Im August 2005 wurde er von seinem Arbeitgeber, einer Versicherungsgesellschaft, beurlaubt. «Es ging nicht mehr», sagt Walker. Er, einst erfolgreicher Kadermitarbeiter, räumte den Arbeitsplatz nicht freiwillig. «Sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht, ist sehr schwierig», sagt er. Innerhalb eines Jahres stürzte, was ihm im Leben wichtig war, wie ein Kartenhaus zusammen: seine Ehe, die Familie, sein Zuhause, die Arbeit. «Als die Krankheit ausbrach, steckte ich meine ganze Kraft in die Firma, um weitermachen zu können», sagt er. «Für die Familie reichte es einfach nicht mehr. Es muss schrecklich gewesen sein für meine Frau, an der alles hängen blieb.»

Schliesslich stellte er die Diagnose nach Recherchen im Internet selbst. Er besuchte das Schlaflabor des Zürcher Universitätsspitals, wo die Ärzte seine Vermutung bestätigten: Narkolepsie. Die Schlaf-Wach-Regulierung würde von nun an gestört sein - die «Batterie», wie er es ausdrückt, für immer kaputt.

Die Krankheit zeigte sich bei Walker ausserordentlich heftig. Kein Symptom, von dem er nicht betroffen war. Auch von Kataplexie: Ausgelöst durch emotionale Ereignisse, sind die Muskeln plötzlich gelähmt. Bei Walker war dies zu Beginn so heftig, dass er manchmal auf dem Spitalflur zusammensackte, bloss, weil ihm jemand entgegenkam. Während der Arztvisite konnte er nur noch lallen. Auch unter Schlaflähmungen litt er: «Das ist wie scheintot sein», sagt er, «sehr unheimlich.» Denn die Betroffenen sind bei Bewusstsein.

Medikament für den Tiefschlaf

Er bekam Medikamente verschrieben, die halfen. Eines, eine Art Narkosemittel, katapultiert ihn nachts für zweimal dreieinhalb Stunden in den Tiefschlaf, den er sonst nicht mehr hat. Es wirkt so heftig, dass Patienten geraten wird, es erst auf der Bettkante sitzend einzunehmen. Walker hat mit dem Zubettgehen einmal gezögert und schlief auf der Treppe ein. «Hat man es einmal genommen, gibt es kein Zurück», sagt er, «das Haus könnte brennen, ich würde nicht aufwachen.» Und wenn er morgens erwacht, hat er kein Gefühl für die verschlafene Zeit. Dafür kippt er tagsüber nicht mehr um. Am Vormittag schläft er ohne das Medikament nochmals eineinhalb Stunden und nachmittags zwei bis drei Stunden. So steht er den Tag durch.

8 Stunden wach sein ist nicht einfach

Seit dem März dieses Jahres arbeitet er wieder Teilzeit als Nachtwächter. Der unregelmässige Lebensrhythmus, der sich dadurch ergibt, ist für einen Narkoleptiker ungünstig. Dafür ist die Arbeit abwechslungsreich: Er muss diverse Gebäude kontrollieren und geht 20 Kilometer zu Fuss. Dazwischen fährt er Auto. Während der Nacht nimmt er das Medikament Modasomil; nur so sind acht Stunden Schlaf am Stück möglich. Bevor er heimfährt, legt er sich in seinem Auto schlafen.

Wegen des grossen Schlafbedürfnisses kommt vieles zu kurz. Auch braucht er für viele Aufgaben länger als früher: Rechnungen bezahlen, Steuererklärung ausfüllen, der Gemeinde erklären, warum er als IV-Bezüger ein Auto braucht. Zeit braucht er auch, um Fremden seine Krankheit zu erklären und dass er trotzdem Auto fahren kann. Der ehemalige Kadermann hat sich sein Leben neu aufgebaut: als IV-Bezüger im ständigen Erklärungsnotstand. Der Schlaf ist ein Fluch, wenn er es beim Essen mit Freunden nicht bis zum Dessert schafft und vorher kurz einnickt. Aber wenn er ins Bett sinkt, liebt er das Schlafen über alles. Trotz allem.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1