Der New Yorker und seine Kleinstadt

Stephen Roger Langenthal zeigt in der gleichnamigen Stadt seinen amerikanischen Pass.

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Stephen Roger Langenthal zeigt in der gleichnamigen Stadt seinen amerikanischen Pass.

In den Fünfzigerjahren merkte der New Yorker Stephen Roger Langenthal durch Zufall, dass er einen Namensvetter mit mehreren tausend Seelen hat – Langenthal im Oberaargau. Ein Gespräch mit dem pensionierten Juristen.

Lukas Etter, New York

Er ist in New York geboren, ging dort zur Schule, an die Uni, und hat sein ganzes Leben in dieser Stadt gewohnt. Und er war schon gegen hundert mal in Langenthal, Kanton Bern. Stephen Roger Langenthal, pensionierter «Vice President East Coast Counsel» bei der Filmgesellschaft Warner Brothers und passionierter Sammler von Langenthal-Porzellanprodukten.

Das Treffen findet im Mercer Hotel im Stadtteil Soho statt. Ein mittelgrosser Mann mit grauem Haar, scheinbar unverändert seit Dezember 1992, als ihn diese Zeitung im Hotel Dreilinden getroffen hat, um ihn mit seinem amerikanischen Reisepass abzulichten. 75-jährig ist er heute. Inmitten seiner Porzellansammlung will er nicht fotografiert werden. Sein Haus sei zu voll davon. «Abgesehen von allen Vasen und Einzelstücken habe ich zwei vollständige Geschirrsets, die wir benutzen, dazu ein weiteres für Gäste, dann mindestens zwei weitere, die wir gar nie benutzen.» Langenthal überlegt, bricht die Aufzählung mit einer beschwichtigenden Handbewegung ab und lacht schalkhaft: «Meine Frau ist nicht glücklich darüber».

Angefangen hat alles Ende der Vierziger Jahre, und zwar damit, dass Langenthal umgezogen war. Es ist die Prüfungsphase in einer High School in New York, die ganze Schülerschaft sitzt in der Bibliothek. Man lernt für die Prüfung - oder versucht sich geschickt davon abzulenken. Langenthal zieht Letzteres vor, stöbert herum, und stösst auf den «Columbia University Gazetteer of the World» - ein Buch so schwer wie ein Goldbarren, welches laut der Titelseite sämtliche Städte und Ortschaften der Welt im Jahre 1950 auflistete. Zum ersten Mal stösst Langenthal auf seinen Namensvetter, die Kleinstadt im Kanton Bern. Es steht die Einwohnerzahl sowie der Hinweis auf vier Wirtschaftszweige: Porzellan, Maschinerie, Tabak und Textilien.

«Es war unglaublich aufregend»

Niemand ahnte damals, dass im Internet dereinst so genannte Suchmaschinen zum Stichwort «Langenthal» anderthalb Millionen Einträge ausspucken würden. Stephen Langenthal blieb hartnäckig und recherchierte erfolgreich nach der Adresse der Porzellanfabrik: «Schliesslich bat ich die ‹Porzi› schriftlich um einen Prospekt. Doch den gab es nicht, das Angebot war viel zu gross dafür.»

Er war Ende Zwanzig und hatte sein Jus-Studium soeben abgeschlossen, als er zum ersten mal im Hotel Bären aufwachte, in den Strassen Langenthal-Schriftzüge sah, an der «Bank in Langenthal» vorbeischlenderte. «Das war unglaublich aufregend.» Er liess sich durch die Porzellanfabrik führen, kaufte reichlich ein, beschenkte alle gleichaltrigen Frischvermählten im Freundeskreis mit neuen Geschirrsets. Es sollte nicht seine letzte Führung durch die «Porzi» sein.

Im Jahr 1977 war Langenthal einer der Juristen, die im Dienste von Warner Brothers mit dem Produzenten Alex Salkind aus Paris über eine Verfilmung von Superman verhandeln sollten. Das Problem: Internet gab es noch immer nicht, und Salkind stieg in kein Flugzeug. «Aus steuertechnischen Gründen wollte er zudem nur in der Schweiz Verträge abschliessen», sagt Langenthal. So trafen sie sich nach ein paar ersten Verhandlungen in Paris regelmässig in Zürich. Salkind, begleitet meist von seinem Sohn, ebenfalls Filmproduzent, traf auf eine Handvoll Warner-Vertreter, darunter Langenthal, plus Assistenten und Sekretärinnen. Man residierte und verhandelte im «Baur au Lac».

«Wie lange sich die Verhandlungen hinzogen - das ist einzigartig im Filmbusiness», sagt er. Die Verhandlungen dauerten mehr als sechs Jahre. Sage und schreibe 46 mal flog Stephen Langenthal mit seinem Team zwischen 1977 und 1983 nach Zürich. Und fast jedes mal machte er einen Abstecher in den Oberaargau. Er lernte die Umgebung kennen, nahm Freunde mit, Businesspartner, seine Frau, seine Tochter, die heute 38-jährig ist. Im «Baur au Lac» wie im «Bären» registrierte man seine Ankunft als Routine. Ebenfalls Routine waren seine «Porzi»-Besuche, so dass er auch mal - unerlaubterweise - selber seine Bekannten durch die Fabrikationsanlagen führte.

Er will wieder kommen

Langenthal erzählt mit Enthusiasmus vom alten Gasthof zum Tell; von einem Stall beim heutigen Spitalplatz; von Kuhherden in der Märitgasse und alten Tabakläden; von seinen Verlusten in der Firma Miracle; von der alten Bierbrauerei. Letztmals im Oberaargau war er vor vier Jahren. «Nicht zum letzten mal!», sagt der Rentner viel versprechend. Für den Moment geniesst er das Fitnesscenter, das Kontakte-Pflegen, macht noch den einen oder anderen Auftrag für Warner Brothers, so kürzlich zur Spiderman-Verfilmung. Und er geniesst die Vorteile des Internets und bietet regelmässig hohe Beträge für alte «Porzi»-Erzeugnisse, die auf Ebay zur Auktion bereit stehen. «Nicht immer hatte ich Glück. Aber hier schon», sagt er, und schenkt dem Schreibenden grinsend einen Langenthaler Porzellan-Bierkrug.

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