Meiereien

Der Mann für alle Fälle

Die tägliche Portion «Meiereien» aus der Aargauer Zeitung.

Jörg Meier

«ICH BIN SELBSTSTÄNDIG», sagte der Mann im farbigen Hemd. «In welcher Branche?», fragte der deutlich jüngere Mann gegenüber. Die beiden sassen im Zug, waren während der Fahrt ins Gespräch gekommen. «Ich bin der Mann für alle Fälle.» «Was sind Sie?» «Der Mann für alle Fälle.» Der Mann im farbigen Hemd lachte.

«WISSEN SIE, ich arbeitete 33 Jahre als Bürogummi. Dann wurde ich entlassen. Ich stempelte zwei Jahre lang, suchte wie vergiftet eine neue Stelle. Aber wer nimmt schon einen bald 60-Jährigen. In der Verzweiflung schrieb ich einfach einmal auf, was ich alles kann: Auto fahren, kochen, Rasen mähen, Velo flicken, Lampen aufhängen, Bäume schneiden, Möbel zusammenbauen, Witze erzählen, Boiler entkalken und so weiter. Die Liste wurde länger und länger. Drei Seiten lang, eng beschrieben. Da merkte ich, wie viel ich eigentlich kann, auch wenn mich niemand wollte. Und mir wurde klar, dass ich genau das, was ich kann, zu meinem neuen Beruf machen möchte.»

«SO WURDE ICH zum Mann für alle Fälle. Ich hüte Kinder, Katzen und Wohnungen. Ich poste für ältere Herrschaften oder fahre sie zum Arzt, ich helfe zügeln und putze Fenster. Man kann mich rufen und ich komme.» «Und davon können Sie leben?» Der Mann im farbigen Hemd nickte. Ja, das geht. Du darfst einfach nicht heikel sein. Aber für sechs Wochen Segeln in der Türkei reicht es allemal. «Morgen fahre ich einen Kunden von der Goldküste zur Kur nach Abano. In zwei Wochen hole ich ihn wieder. Mit seinem Mercedes. Fahren Sie nur zu, sagt er jeweils auf der Autobahn, die Busse zahle er dann schon. Nein, ich möchte nichts anderes.»

joerg.meier@azag.ch

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