Taubenwart
Der Mann, der die Tauben kennt

Der Dietiker Taubenwart ist verantwortlich für die Kontrolle der Taubenbestände. Dabei geht es jedoch nicht darum, möglichst viele der Vögel zu eliminieren, wie Edgar Bammatter weiss.

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Edgar Bammatter

Edgar Bammatter

Limmattaler Zeitung

Bettina Hamilton-Irvine

Edgar Bammatter kennt Tauben. Er weiss, welche Arten es in der Schweiz gibt, woher sie kommen und er kennt ihre lateinischen Namen. Er weiss, für welche Krankheiten sie anfällig sind, wo sie gerne schlafen und wieviel sie fressen. Er kann sogar am Schnabel erkennen, ob es sich um ein jüngeres oder älteres Tier handelt. Das alles weiss er jedoch nicht nur aus Interesse: Edgar Bammatter ist seit 27 Jahren Taubenwart.

19 Jahre lang beschäftigte er sich vollamtlich mit den Vögeln: So lange war er Taubenwart in der Stadt Zürich, wo dieser Job heute unter dem Titel «Wildhüter, Spezialgebiet Vögel» läuft. Nachdem er im Jahr 2002 «in den Unruhestand» trat, wie er es lachend nennt, hat er die Aufgabe in Dietikon nebenamtlich übernommen - hier beträgt der Arbeitsaufwand jedoch nur ein Bruchteil dessen, was er damals in Zürich aufwendete. Im letzten Jahr war Edgar Bammatter nur einige Male in Dietikon. Der 71-Jährige, der in Oberengstringen aufgewachsen ist und in der Stadt Zürich lebt, macht den Job auch noch in Wetzikon und sporadisch in Uster.

Dass es in Dietikon einen Taubenwart gibt, ist vielen nicht bekannt - und dementsprechend wir die Rolle auch nicht von allen richtig verstanden, wie Bruno Rabe von der Dietiker Stadtpolizei sagt. «Der Taubenwart kommt nur zum Zug, wenn es ein Problem gibt», erklärt Bruno Rabe: «Dazu gehören zum Beispiel Beschädigungen durch die Vögel.» Die Stadtpolizei erhalte zwar regelmässig Anrufe von Bewohnern, die sich über Tauben beschwerten.
Doch: «Nur weil jemandem die Tauben nicht gefallen, wird nicht eingegriffen», erklärt Bruno Rabe. Sowieso gebe es in vielen Fällen eine technische Lösung für das Problem, wie das Entfernen eines Vorsprungs am Haus oder das Spannen von Netzen. Trotzdem müsse ab und zu auch eine Taube geschossen werden, sagt der Stadtpolizist: Im letzten Jahr waren es etwa zwölf Stück.

Nachdem der Taubenbestand im Kanton trotz gelockerter Bejagungsvorschriften nicht abgenommen hat, wurde den Gemeinden letztes Jahr erneut die Bewilligung erteilt, diesen zu verringern. Gemäss der Verfügung der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung und dem kantonalen Gesetz über Jagd und Vogelschutz sind die Gemeinden autorisiert, «den Bestand an verwilderten Haustauben durch Abschuss, Einfangen und Vernichtung der Bruten zu vermindern, soweit dies zur Verhinderung von Schäden an Bauwerken oder im Interesse der Hygiene erforderlich ist.»
Verschiedene Gemeinden, wie zum Beispiel auch Urdorf, übertragen diese Aufgabe der örtlichen Jagdgesellschaft. Da jedoch die Abschüsse der Tauben «unauffällig und ohne Belästigung der Einwohnerschaft» durchzuführen sind, löst die Jagdgesellschaft Urdorf die Problematik der verwilderten Haustauben indem man die Vögel ausserhalb des Siedlungsgebietes bejage, sagt Urs Hilfiker, Jagdaufseher und Pächter der örtlichen Jagdgesellschaft. Gross ist das Problem in Urdorf jedoch nicht: «Meines Wissen sind in den letzten Jahren keine Beschwerden bezüglich Dreck oder Beschädigungen bei der Gemeinde eingegangen», so Hilfiker.

Auch in Schlieren, wo ebenfalls die örtliche Jagdgesellschaft die entsprechende Bewilligung hat, seien Tauben in der Stadt zurzeit «kaum ein Thema», sagt Peter Wipf, Abteilungsleiter Sicherheit und Gesundheit. Dafür hätten sich die Reklamationen aus der Landwirtschaft wieder etwas gehäuft. In Dietikon lehnte es die örtliche Jagdgesellschaft ab, die Aufgabe im Wohngebiet zu übernehmen: Das Risiko der Gefährdung von Drittpersonen sei bei einer Schussabgabe zu gross. Deshalb wird in Dietikon weiterhin Edgar Bammatter gerufen, wenn es ein Taubenproblem gibt. «Es geht nicht darum, möglichst viele Tauben zu eliminieren, sonder erst einmal zu eruiren: Machen die Vögel wirklich Probleme, oder geht es nur um die Verkotung?», erklärt Edgar Bammatter. Die Anzahl der Tauben - er schätzt, dass in Dietikon zwischen 200 und 500 Tauben leben - sei jedoch nicht das Hauptproblem. sondern es gehe darum, Beschädigungen oder das Verbreiten von Krankheiten durch die Tauben zu vermeiden. So kommt es denn auch viel öfter als zum Abschuss einer Taube nur zur Beratung der Person mit einem Taubenproblem.
Im Beraten ist Edgar Bammatter so gut, dass ihn sein Ruf als ausgezeichneter Taubenwart einst bis nach Singapur geführt hat. Dort hatte ein Hotellier, der mit einem Taubenproblem kämpfte, vom Zürcher Taubenwart gehört und ihn kurzerhand ausfindig gemacht und nach Singapur bestellt. Dort studierte Edgar Bammatter Baupläne und Dachstöcke und entwarf eine Lösung, wie man die Tauben mithilfe einer Vorrichtung mit Stiften, Drähten und Gummibändern daran hindern konnte, sich am Gebäude häuslich einzurichten.

Sein grosses Wissen über die Tauben hat sich Edgar Bammatter sukzessive angeeignet. Zu seinem ersten Job als Taubenwartin Zürich kam er 1983. Die Stelle war im Tagblatt der Stadt Zürich ausgeschrieben. Edgar Bammatter hatte die erforderliche Jagdberechtigung und bewarb sich erfolgreich für die Stelle. Seine Aufgaben waren nebst der Betreuung der städtischen Taubenschläge vor allem die Behandlung der Taubenreklamationen. «Als ich die Stelle antrat, traf ich eine ziemliche Sauerei an, vor allem im Niederdorf», erinnert er sich. Zwei Jahre lang musste er «ganz stramm» arbeiten, wie er sagt, bis die Taubenpopulation wieder einigermassen unter Kontrolle war.
Edgar Bammatter war auch der erste Zürcher Taubenwart, der die Vögel im Tierspital auf Krankheiten hat untersuchen lassen - und gefunden hat man vom Mäusetyphus über Pilzerkrankungen bis zur so genannten Papageienkrankheit einiges. Krank werden können die Tauben auch durch falsches Essen - Brot zum Beispiel ist Gift für die Vögel - und verbreiten dann die Erreger über den Kot. Vor allem sollte man die Tauben jedoch nicht füttern, weil ihre Bruttätigkeit nur durch ihre Futtermenge gesteuert wird, wie der Taubenwart betont. Müssen sie ihr Futter nicht mehr selber suchen, vermehren sie sich unverhältnismässig.
In diesem Fall muss dann manchmal zum Gewehr gegriffen werden, wie Edgar Bammatter sagt. «Wenn man eine Taube schiessen muss, wartet man darauf, bis sie vor einer schussfesten Unterlage sitzt», erklärt er: «Man kann sie nicht vor einem Fenster schiessen.» Der Taubenwart benutzt dazu ein Kleinkalibergewehr, bei welchem die Geschwindigkeit der Geschosse unter der Überschallgrenze von etwa 330 Meter pro Sekunde bleibt - damit sich die Lärmbelästigung in Grenzen hält.
Am wichtigsten ist Edgar Bammatter jedoch, dass die Leute keine Angst vor ihm haben. «Wenn ich mit dem Gewehr ankomme, sehe ich ein bisschen aus aus wie der Räuber Hotzenplotz. Da gibt es schon gewisse Leute, die erschrecken», sagt er. So habe auch schon eine Frau beinahe die Polizei gerufen - wenn sie nicht noch den Schriftzug «Forstservice» auf dem Auto gesehen hätte. Edgar Bammatter lacht.

Weniger zum lachen zu Mute war es ihm, als er in Zürich während der Arbeit tätlich angegriffen wurde - was in seiner langjährigen Tätigkeit als Taubenwart insgesamt drei Mal geschah. Einmal packte ihn «ein Drögeler» und drohte, die Polizei zu rufen. «Der Sauhund schiesst Tauben», habe der Mann gerufen, erinnert sich Edgar Bammatter. Für einige Leute sei seine Arbeit halt ein heikles Thema - die meisten reagierten jedoch positiv darauf, sagt er. Und mag er denn selber Tauben? «Oh ja, es sind schöne Vögel», sagt er lächelnd.