Der Lärm wird sichtbar gemacht

Seit gestern stellt das Bundesamt für Umwelt (BAFU) eine Lärmdatenbank auf dem Internet zur Verfügung. Der Solothurner Kirk Ingold war als Leiter massgeblich an dem über Jahre dauernden Projekt beteiligt. Nun kann er dem störenden Lärm ein Gesicht geben.

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StrassenlärmSolothurn

StrassenlärmSolothurn

Solothurner Zeitung
Strassenlärm in der Region Solothurn (tagsüber). Visuell Lärm wird durch die Farben entlang der lärmgeplaten Gebieten, wie der Autobahnen A1 und A5 (violette Farbe=über 75 dB), sichtbar gemacht. Grafik: Bafu, Abteilung Lärmbekämpfung.

Strassenlärm in der Region Solothurn (tagsüber). Visuell Lärm wird durch die Farben entlang der lärmgeplaten Gebieten, wie der Autobahnen A1 und A5 (violette Farbe=über 75 dB), sichtbar gemacht. Grafik: Bafu, Abteilung Lärmbekämpfung.

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Astrid Bucher

«Eine ruhige Wohnlage, das wünschen sich doch die meisten», stellt Kirk Ingold fest. Ingold ist Projektleiter der Lärmdatenbank «SonBase», welche die Abteilung Lärmbekämpfung des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) gestern veröffentlichte. Er ist in Solothurn aufgewachsen und wohnt heute im Raum Bern. «Trotzdem sind wir tagtäglich - ob wirs wollen oder nicht - Lärmimmissionen über dem gesetzlichen Belastungsgrenzwert ausgeliefert und das ist langfristig gesundheitsschädigend», weiss Ingold. Denn aus gesundheitlicher und ökonomischer Sicht stellt der Lärm heute eines der grössten Umweltprobleme der Schweiz dar. «Mit der neuen Datenbank haben wir die Grundlage geschaffen, um die Öffentlichkeit und die Politik auf Lärm zu sensibilisieren», so Ingold.

Bisher gab es zur Lärmbelastung nur Schätzungen. Rund 1,3 Millionen Menschen in der Schweiz sind tagsüber schädlichem oder lästigem Strassenverkehrslärm ausgesetzt. Das sind 16 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer. Zum ersten Mal kann mit der schweizerischen Lärmdatenbank «SonBase», auf der Basis eines geografischen Informationssystems (GIS), die Lärmbelastung von allen Häusern in der Schweiz modelliert, abgeschätzt und auf einer Karte visualisiert werden. Die systematische Bestandesaufnahme und die Überwachung des Lärms ist Teil der Lärmdatenbank.

In der Region Solothurn/Oberaargau wird damit deutlich aufgezeigt (vergleiche Kartenausschnitt): Wer nahe an der Autobahn wohnt, ist dem Lärm besonders ausgesetzt. «Die Resultate aus ‹SonBase› stimmen für grossflächige Gebiete einigermassen, nicht aber für sehr lokale Betrachtungen», präzisiert Ingold.

Wegweisendes Instrument

«SonBase» ermöglicht ein effizientes Aufbereiten, Editieren und die zentrale Verwaltung von Geodaten aus unterschiedlichen Quellen. Dafür hat Kirk Ingold und sein Team über mehrere Jahre gearbeitet. «Wir haben milliarden Daten, die wir von den verschiedenen Bundesämtern erhalten haben, zusammengefügt und in die Datenbank eingespiesen», fasst Ingold zusammen. «Die Qualität und Quantität verfügbarer Daten wird in Zukunft weiter zunehmen», gibt sich der Verantwortliche der Datenbank zuversichtlich. Vielfältige statistische Auswertungen und räumliche Abfragen sowie die automatische Generierung von Berichten sind nun jederzeit über frei wählbare Gebiete möglich.

Mit «SonBase» wurde eine Grundlage geschaffen, um fundiert über den Stand der Lärmbelastung zu informieren. «Auch strategische und politische Fragen zum Lärm können künftig, unter Einbezug von ‹SonBase›, beantwortet werden», gibt sich Ingold zuversichtlich. Das Instrument eignet sich auch um die Lärmbelastung in der Schweiz gesamthaft oder in bestimmten Gebieten zu überwachen und zu analysieren. Zudem können Szenarien und Prognosen zur Entwicklung der Lärmbelastung gerechnet werden, welche dem Bund in Zukunft wichtige Grundlagen für Strategien zur Reduktion der Belastung liefern werden.

Lärmarme Reifen und Strassenbelag

Beispiele zeigen, dass trotz erheblicher Sanierungsanstrengungen das Ziel der Lärmbekämpfung noch nicht erreicht ist. Auch wenn alle Sanierungen nach den geltenden Regeln abgeschlossen sein werden, bleiben viele Menschen dem Lärm ungeschützt ausgesetzt. Die Umsetzung der Lärmsanierung war bisher primär auf technische Massnahmen ausgerichtet, zum Beispiel Lärmschutzwände. Die bisherige Strategie zur Lärmbekämpfung reicht aber offensichtlich nicht aus, um das Problem zu beseitigen.

Statistisch gesehen nimmt der Strassenverkehr von Jahr zu Jahr zu. Das bedeutet auch mehr Lärm. «Viele wollen im Grünen wohnen, aber trotzdem mobil sein und haben darum vielleicht mehrere Autos», zeigt Ingold ein Beispiel auf: «Sie merken aber nicht einmal, dass sie dadurch erheblichen Lärm verursachen in der vermeitlich grünen Idylle.» Das BAFU erarbeitet darum zurzeit verschiedene Massnahmen. Diskutiert werden stärkere Sensibilisierung und bessere Information über die Lärmsituation in der Schweiz oder die Förderung lärmarmer Technologien wie lärmarme Reifen, Strassenbeläge, Schienen oder Drehgestelle bei Eisenbahnwagen.

Ob Lärm schädlich oder lästig ist, wird mit Hilfe der Immissionsgrenzwerte beurteilt, die - je nach Nutzung des Standorts - zwischen 55 und 70 Dezibel am Tag und zwischen 45 und 60 Dezibel in der Nacht liegen. Nach dem Stand der Wissenschaft stört Lärm unterhalb dieser Werte die Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden nicht erheblich. Besonders stark betroffen sind im Endeffekt die grossen Schweizer Städte und Agglomerationen: Hier leben 85 Prozent der am Tag von Strassenverkehrslärm betroffenen Personen. Beim Eisenbahnlärm beträgt diese Zahl 90 Prozent, beim Fluglärm sogar 95 Prozent. Auch von den lärmbelasteten Wohnungen liegen 85 Prozent in städtischen Räumen. Beim Eisenbahnlärm sind es 89 Prozent, beim Fluglärm nahezu 100 Prozent. (Quelle: Bafu)

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