Rügen
Der «Kraftort für den Endsieg» soll zum schicken Feriendomizil werden

Die monströse Nazi-Siedlung «Prora» auf der Ostsee-Insel Rügen ist Mahnmal für Hitlers Gigantismus. Sie sollte Parteigenossen zu Erholung verhelfen - wurde aber nie fertiggestellt. Jetzt soll dies von Investoren gemacht werden. Das passt nicht allen.

Christoph Reichmuth, Binz
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Hitlers Ostsee-Sieldung «Prora»

Keystone

Koloss von Rügen – Mahnmal aus düsteren Zeiten – Klotz des Führers: Die Namen, die man in Deutschland dem Riesenbau Prora auf der Ostsee-Insel Rügen schon gegeben hat, sind nicht gerade schmeichelhaft. Gigantisch ist die Immobilie der Nationalsozialisten auf jeden Fall. Sie besteht aus acht gleich gebauten Blöcken von je 450 Meter Länge und sechs Stockwerken Höhe.

Prora steht eindrucksvoll für Hitlers wahnhaften Gigantismus. Es ist eine monströse Bausünde in idyllischer Umgebung. 1936 bis 1939 wurde die Mega-Siedlung durch die NS-Organisation «Kraft durch Freude» (KdF) errichtet. Auf Prora sollten die Deutschen zu Kräften kommen für den Endsieg. Soldaten und Parteigenossen sollten sich hier einmal im Jahr während zweier Wochen billig erholen können und beim Strandurlaub vom Regime gleichgeschaltet werden.

«Alles dient nur dem einen, unser Volk stark zu machen, damit wir diese brennendste Frage, dass wir zu wenig Land haben, lösen können», erklärte NS-Reichsleiter Robert Ley im Juli 1938 die Absichten hinter dem KdF-Monsterbau.

Lazarett, Flüchtlingsheim, Kaserne

Doch der Riesenbau, an dem zeitweise 9000 Zwangsarbeiter schufteten, wurde wegen des Krieges nicht fertiggestellt. Die Siedlung, nur 150 Meter vom feinen Ostseesandstrand entfernt, wurde nie zum Ferienparadies. Sie diente zwischen 1939 und 1945 als Lazarett, nach Kriegsende als Zufluchtsort für Vertriebene. Später wurde Hitlers Monster-Anlage von der Roten Armee, danach vom DDR-Militär und nach der Wende kurz von der Bundeswehr genutzt.

1993 zog auch die Bundeswehr fort aus Prora, ein Jahr später wurde die Überbauung unter Denkmalschutz gestellt. Seither haben sich immer wieder Investoren die einzelnen Gebäude-Blöcke geschnappt, doch ein Gesamtkonzept gab es nie. Viele der Kolosse aus Stahl und Beton lotterten vor sich hin. Doch um sie abzureissen, dafür war Hitlers Mega-Siedlung zu gigantisch. Nur wenig hat sich in den letzten Jahren auf Prora getan. In einen der Blöcke zog 2011 die längste Jugendherberge Europas mit 400 Betten ein, in einem anderen ist ein Dokumentationszentrum über Freizeit im Nationalsozialismus eingemietet. Vieles aber ist am Zerfallen.

Wohnungen mit Blick aufs Meer

Nun soll Leben in die endlosen grauen Ruinen kommen. Diverse Investoren lassen weitere Blöcke der Nazi-Immobilie totalsanieren. Aus den nur 2,5 mal 5 Meter grossen Zimmern des KdF-Baus werden schicke und geräumige Ferienwohnungen mit Blick aufs Meer für Preise ab 100 000 Euro. 3000 Betten sind geplant, unter anderem zwei Hotels mit je 300 Betten. Zudem Läden, Cafés, Einkaufsshops. Das Interesse an 200 Eigentumswohnungen, ausgestattet mit grosszügigem Wohnbereich, modernen Badezimmern und Balkonen, ist gross. Gerade in unsicheren Zeiten suchen viele Deutsche eine sinnvolle und sichere Anlage für ihr gespartes Kapital. Die Befürchtung, es könnten sich Rechtsextreme in die Gebäude mit der düsteren Vergangenheit einmieten, ist nicht gross. Der Verkauf an Rechtsextremisten ist gemäss einer Klausel in den Kaufverträgen nicht gestattet.

Nicht alle sind glücklich

Es tut sich also etwas auf Rügen. Zugleich mutet es absurd an, dass Prora nun doch noch zu dem werden soll, was Hitler einmal vorschwebte: ein Riesen-Domizil für Ferien und Erholung. Nicht alle sind glücklich mit den Plänen der Investoren. In der Gemeinde Binz auf Rügen mit ihrem prachtvollen und berühmten Ostseebad hätte man es lieber gesehen, sieben der acht Blöcke auf dem angrenzenden Prora wären abgerissen worden. Der einzig übrig gebliebene Gebäudekomplex hätte Platz für eine Fachhochschule oder eine «Ostsee-Uni» geboten. Das wäre auch dem Hotel- und Gaststättenverband entgegengekommen. Die Hoteliers auf Rügen bangen wegen der neu geplanten Betten in Prora nun um ihre Stammkundschaft.

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