Der Kamelhandel von Tripolis ist Merz pur

Kennt die Araber: Hans-Rudolf Merz 2003 in seinem Büro in Herisau.

Hans-Rudolf Merz

Kennt die Araber: Hans-Rudolf Merz 2003 in seinem Büro in Herisau.

Hans-Rudolf Merz ist ein Macher. Er geht davon aus, dass man ihm blindlings vertraut – auch jetzt in der Libyen-Affäre. Ein Psychogramm des Bundespräsidenten.

Georges Wüthrich *

Der Kamelhandel von Tripolis: Ein echtes Stück von Hans-Rudolf Merz. Merz pur. So wie der Herisauer halt funktioniert. Wenn er eine Bank liquidiert, wie Mitte der 90er-Jahre die Ausserrhoder Kantonalbank. Oder wenn er versucht, einen gordischen Knoten zu zerhauen wie in der vergangenen Woche in Libyen. Ein Mensch der Tat. Ein Mensch des Zugreifens. Ein Mann der Aktion. Blindlings.

Über Nacht hat er 1996 den einsamen Entschluss gefasst, die marode Ausserrhoder Kantonalbank an die UBS zu verkaufen. Ohne zu zögern. Ohne vorher andere Kantonalbanken anzufragen, ob sie auch an einem Kauf des «Bänklis» interessiert gewesen wären.

Ein Jahr später wählten ihn die Ausserrhoder während der letzten Landsgemeinde in den Ständerat. In einer Kampfwahl. Einen Mann, der die heruntergewirtschaftete Kantonalbank einfach verkauft hatte - als offiziell eingesetzter Liquidator. Zu retten wäre sie nicht mehr gewesen. Er hielt den Schaden einigermassen in Grenzen. Das haben die Ausserrhoder verstanden.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die er immer wieder erzählt - und damit wären wir im arabischen Raum. Den er kennt. Von langen geschäftlichen Aufenthalten in Diensten der Schmidheinys in Saudi-Arabien oder Dubai. Eines Tages sei Scheich Maktoum in Dubai gekommen, habe ihn in den Helikopter verfrachtet und zu einem Felshügel mitten in der Wüste geflogen. Hier gebe es Wasser. Er wünsche eine dicke, 30 Kilometer lange Wasserleitung. Morgen früh wolle er den Vertrag auf dem Tisch. Der Handel kam zustande. Und jetzt der zentrale Satz: «Zu Hause in Herisau braucht es für eine 300 Meter lange Wasserleitung eine Volksabstimmung.»

Er kennt die arabische Mentalität. Er weiss, wie man den gordischen Knoten in vollkommen festgefahrenen Situationen durchhauen kann. So fackelte er letzte Woche nicht lange, als er die totale Blockade mit einer Entschuldigung löste. «Unnötig und ungerechtfertigt» sei die Verhaftung des Gaddafi-Sohn gewesen. Nicht «illegal und gesetzeswidrig», wie es die libysche Seite eingefordert hatte. Das ist ein beträchtlicher Unterschied. Im Lamento der letzten Tage ist diese Tatsache völlig untergegangen. Er muss sich gefühlt haben wie damals in der Wüste von Dubai. Jetzt oder nie.

Was die Heimat denkt, wie die Heimat darauf reagieren wird, spielt in solchen Momenten nicht die geringste Rolle. Die Heimat ist fern. Die Lösung ist plötzlich nah. Merz handelte ohne zu zögern. In der felsenfesten Überzeugung, es richtig zu machen - in einer aussichtslosen Lage. Ohne lange nachzufragen, instinktiv.

Und dann hagelte es Kritik. Was bei einem Merz Verständnislosigkeit auslöst. Wie bei allen Machern, die davon ausgehen, dass man ihnen in solchen Situationen blindlings vertraut. Wenn nicht, fühlt sich ein Hans-Rudolf Merz vollkommen ungerecht behandelt und kann darauf auch sehr dünnhäutig reagieren. Wenn man ihn kennt. Äusserlich ist er in der Lage, sich recht gut verstellen. Aber innerlich nagt die Kritik. Die Kritik wird verstummen, sobald die beiden Schweizer wieder zu Hause sind.

* Georges Wüthrich ist langjähriger Bundeshaus-Chef des «Blicks» und geht Ende August in Pension. Er hat Hans-Rudolf Merz jahrelang als Journalist begleitet.

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