Der grosse Run auf Schlafplätze

Der grosse Run auf Schlafplätze

Bei kalten Temperaturen ist die Urdorfer Notschlafstelle besonders beliebt. Doch auch sonst ist die Auslastung hoch, denn das «Nachtliecht» ist die einzige Notschlafstelle im Kanton ausserhalb der Stadt Zürich.

Bettina Hamilton-Irvine

Schon seit Tagen zeigt das Thermometer Minustemperaturen an, und auch für die kommenden Tage verspricht der Wetterbericht klirrende Temperaturen - speziell in der Nacht. Eine prekäre Situation für Obdachlose, wie Mark Wiedmer, Kommunikationsverantwortlicher der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), weiss: «Nächtliche Temperaturen von unter null können für Menschen ohne Dach über dem Kopf lebensbedrohlich sein», sagt er.

«Bis zum Rand voll»

Die SWS betreiben in Urdorf mit dem «Nachtliecht» die einzige Notschlafstelle im Kanton Zürich ausserhalb der Stadt. Dass man dort jedoch «bis zum Rand voll» sei, habe wenig mit den kalten Temperaturen zu tun, erklärt Wiedemer: «Die kritische Grenze in Sachen Temperatur liegt etwas höher als allgemein angenommen.» Denn der Bedarf nach Notschlafstellenplätzen sei im Winter auch bei Temperaturen über null sehr hoch. Doch: «Je kälter es wird, desto mehr gehen die Alternativen aus. Bei Minustemperaturen wird es schwierig, ein Plätzchen finden, bei dem man unbeschadet im Freien übernachten kann», sagt Wiedmer.

Zimmer sogar doppelt belegt

So waren die Belegungszahlen des «Nachtliechts» seit der Eröffnung Anfang November mit einer Auslastung von fast 100Prozent «erwartungsgemäss hoch», wie Wiedmer sagt. Im kalten Dezember gingen die Zahlen dann sogar nochmals in die Höhe. Zum Glück, so Wiedmer, habe man die Möglichkeit gehabt, zu den 15Notschlafplätzen noch einige zusätzliche Plätze einzurichten, indem man zum Beispiel Einzelzimmer doppelt belegt habe. Denn abweisen wolle man niemand, erklärt Wiedmer, speziell nicht, wenn es so kalt sei wie jetzt.

Damit niemand der Kälte zum Opfer fällt, organisieren die Sozialwerke Pfarrer Sieber auch regelmässig so genannte Kältepatrouillen - sowohl in der Stadt Zürich als auch ausserhalb. «Wir kennen viele der einschlägigen Übernachtungsplätze», sagt Wiedmer. Manchmal melde sich auch die Polizei oder sie bringe Obdachlose sogar direkt im «Nachtliecht» vorbei.

Das ist jedoch nur noch bis voraussichtlich Mitte April möglich. Dann nämlich muss das «Nachtliecht», welches eine temporäre Notlösung ist, seine Türen schliessen. Siebers Organisation darf dank der Kooperationsbereitschaft der Urdorfer Behörden noch diesen Winter auf dem Areal des ehemaligen «Ur-Dörflis» die Notschlafstelle betreiben, da diese nicht zusammen mit der Auffangstelle «Ur-Dörfli» nach Pfäffikon umziehen konnte. Doch nachher braucht die Gemeinde das Land selber.

Aus 11 Zürcher Gemeinden

«Wir sind daran, mit all unseren Kräften nach einer neuen Lösung zu suchen», sagt Wiedmer. Doch dies sei gar nicht so einfach: «Wir sind auf den Goodwill der Gemeinden angewiesen.» Wenn niemand Hand biete, bestehe die Gefahr, dass die 15 Notschlafplätze verloren gehen könnten. Dies wäre kritisch, so Wiedmer, denn der Bedarf nach einer Notschlafstelle im Kanton ausserhalb der Stadt Zürich sei ausgewiesen. Und: Personen, die, bevor sie obdachlos wurden, nicht in der Stadt Zürich angemeldet waren, haben keinen Anspruch auf einen Schlafplatz in einer der städtischen Notschlafstellen.

Wie Wiedmers Statistiken zeigen, entfielen im November 248 der insgesamt 273 Übernachtungen im «Nachtliecht» auf Personen aus elf verschiedenen Zürcher Gemeinden, darunter Dietikon, Schlieren, Urdorf, aber auch Wallisellen, Glattbrugg, Dübendorf, Wald, Uster, Wetzikon, Wädenswil und Ottenbach.

«So blauäugig sind wir nicht»

Nun hoffen die Sozialwerke Pfarrer Sieber, dass sich so bald wie möglich eine neue Lösung für eine Notschlafstelle abzeichnet, damit man mindestens die 15 Plätze wieder abdecken kann. Noch besser wären mehr, doch: Wiedmer: «So blauäugig sind wir nicht, dass wir unsere Erwartungen in den Himmel wachsen lassen.»

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