Operation «Overlord»
Der grosse Bluff, mit dem die Alliierten Hitler übers Ohr hauten

Vor 70 Jahren, am 6. Juni 1944, landeten die alliierten Truppen in der Normandie. Es war der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs und die grösste maritime Landeoperation der Geschichte. Dem voraus ging eine nicht weniger imposante Täuschung.

Dagmar Heuberger, Caen
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Schiffe und Boote der Alliierten vor der Omaha Beach in der Normandie am 9. Juni 1944.

Schiffe und Boote der Alliierten vor der Omaha Beach in der Normandie am 9. Juni 1944.

AKG Images

«Krieg beruht auf Täuschung. Wenn du stark bist, täusche Schwäche vor; wenn du dem Feind nahe bist, tue so, als ob du weit weg wärest.» Sun Tsu, chinesischer Kriegstheoretiker, 5. JH. v. Chr.

Friedlich und einsam liegt Omaha Beach in der Nachmittagssonne. Es ist Ebbe, aber an einigen Stellen lecken schon Atlantikwellen über den breiten Sandstrand. Noch am Tag zuvor hat es in Strömen gegossen. Der Wind peitscht den Regen waagrecht landeinwärts, die See ist aufgewühlt. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie das war vor genau 70 Jahren, als das Unternehmen «Overlord» begann.

Am Morgen des 6. Juni 1944 näherte sich eine gewaltige Armada aus Kriegsschiffen, Landungs- und Hilfsbooten mit Soldaten und Panzern an Bord vom Ärmelkanal her der Normandieküste. Die Schiffsartillerie feuerte aus allen Rohren auf die Stellungen der Deutschen am Strand, britische und amerikanische Flugzeuge warfen Bomben ab. Um 6.30 Uhr gingen die ersten alliierten Einheiten an Land. Der Himmel war bedeckt, ein mässiger Wind ging und die Soldaten in den Landungsbooten waren nass und durchfroren, viele auch seekrank. Dennoch waren nach 24 Stunden 132 000 Mann gelandet.

Es war der Auftakt zur Befreiung Westeuropas von der Besetzung durch die Nazi-Armeen - der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. «Neptun», wie der Deckname dieses Teils der Operation «Overlord» lautete, war aber auch das grösste Marine-Unternehmen der Kriegsgeschichte - operativ, taktisch und logistisch eine Meisterleistung. Ebenso meisterhaft war der Täuschungsplan, mit dem die Alliierten Hitler und die deutsche Generalität in die Irre führten.

«Ein Schutzschild aus Lügen»

Der Entscheid über die Landung in der Normandie fiel Ende November 1943 auf der Konferenz von Teheran, auf der sich die «Grossen Drei» - Franklin Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin - über den weiteren Kriegsverlauf in Europa absprachen. Von Anfang an war klar, dass die Deutschen über den genauen Zeitpunkt und den Ort der Landung in Frankreich getäuscht werden sollten. «Im Krieg ist die Wahrheit so kostbar, dass sie immer mit einem Schutzschild aus Lügen umgeben sein muss», sagte Churchill in Teheran.

Im Prinzip war der Täuschungsplan einfach: Die Deutschen sollten glauben, dass die Alliierten nicht an der Normandieküste, sondern am Pas de Calais landen würden. Und zwar sollten sie das auch noch mindestens 14 Tage nach Beginn der Invasion glauben. Briten und Amerikaner hofften, damit möglichst viele gegnerische Kräfte am Pas de Calais zu binden.

Tatsächlich machte eine Landung im Raum Calais durchaus Sinn: Es ist der kürzeste Weg von England nach Frankreich. Ausserdem sind die Strände in diesem Gebiet lang und flach und somit für Landungstruppen geeigneter als die felsigen Strände in der Normandie. Andererseits fehlten am Pas de Calais grosse Häfen für den Nachschub. Zudem waren die deutschen Verteidigungsanlagen in diesem Raum besonders stark. Denn Hitler und seine Generäle rechneten fest mit einem Angriff in diesem Gebiet.

Täuschung funktioniert am besten, wenn sie den Feind in dem bestärkt, was er ohnehin glaubt. Genau das ist den Alliierten im Vorfeld der Landung in der Normandie geradezu meisterhaft gelungen. Ihr Täuschungsplan beruhte auf drei Säulen, die sich gegenseitig bedingten und ergänzten: dem Aufbau einer fiktiven Armee auf der englischen Seite des Pas de Calais im Raum Dover, dem Einsatz von Doppelagenten und der Überwachung und Steuerung des deutschen Funkverkehrs.

Die Phantom-Armee

Während im Süden und Südwesten Englands ab Anfang 1944 die eigentlichen Landungstruppen zusammengezogen wurden, bauten die Alliierten im Raum Dover, im Südosten des Landes, eine fiktive Armee auf - die First US Army Group (FUSAG). Sie bestand aus realen Truppen sowie aus Attrappen von Landungsschiffen und Panzern. Vor allem aber hatte diese Geister-Armee einen echten Oberbefehlshaber: General George S. Patton.

Patton war einer der besten Panzerkommandeure der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Er war cholerisch und starrsinnig, gefürchtet und beliebt zugleich. Doch dann beging er einen grossen Fehler: Er ohrfeigte auf Sizilien einen einfachen Soldaten. Das konnte Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa und spätere US-Präsident, nicht hinnehmen. Er enthob Patton seines Kommandos, schickte ihn aber nicht in die USA zurück, sondern setzte ihn als Chef der Phantom-Armee in England ein.

Operation Overlord

Operation Overlord

Keystone

Dafür war Patton genau der richtige Mann, denn die Nazis schätzten ihn und waren zudem überzeugt, dass er die Invasion kommandieren werde. Sobald sie wussten, dass er Oberbefehlshaber der Armee im Südosten Englands war, interessierten sie sich für jeden seiner Schritte. Deutsche Spione berichteten regelmässig über Patton, aber auch über verstärkte militärische Aktivitäten im Raum Dover. Und die Alliierten taten nichts, um das zu verhindern. Im Gegenteil: Sie fütterten die Deutschen bewusst mit Informationen.

«Snow» oder «Johnny»?

Was die Nazis nämlich nicht wussten: Ihre sämtlichen Spione in England waren bereits seit 1940 Doppelagenten. Am Anfang dieser abenteuerlichen Spionagegeschichte, die erst in den 1970er-Jahren öffentlich wurde, steht Arthur Owens, ein Möchtegern-Erfinder aus Wales. Er wurde 1936 vom britischen Geheimdienst rekrutiert, aber nach kurzer Zeit fallen gelassen. Daraufhin bot er seine Dienste den Deutschen an. Zwei Jahre später wechselte Owens erneut die Seiten. Unter dem Decknamen «Snow» arbeitete er von nun an für die Briten, als «Johnny» für die Nazis.

Owens war eine schillernde Figur. Faul und geschwätzig, ein Frauenheld, obwohl er schmierig wirkte. Seine Motive blieben stets unklar, und weder die Briten noch die Nazis wussten je mit letzter Gewissheit, auf wessen Seite er stand. Am meisten nützte «Snow» den Briten. Er war der Kontaktmann für die Agenten, die Hitler-Deutschland nach England schickte - und «Snow» gelang es, alle «umzudrehen».

Geführt wurden die Doppelagenten von einer speziellen Organisation, dem «Doublecross Committee», auch «XX Committee» genannt. «To doublecross someone» bedeutet auf Deutsch «jemanden betrügen». Genau das machte das «XX Committee»: Es versorgte die Nazis mit jenen Informationen über die Vorbereitungen der Operation «Overlord», die die Alliierten den Feind wissen lassen wollten. Und die Deutschen «halfen» Briten und Amerikanern auch noch dabei, indem sie ihren - vermeintlichen - Agenten Fragenkataloge übermittelten. Die diese natürlich im Sinne der Alliierten beantworteten.

Vorläufer der Cyberspionage

Zur Überprüfung ihres Täuschungsplans diente den «Overlord»-Planern die Überwachung des Funkverkehrs der Deutschen. Den Briten war es nämlich - dank polnischer Hilfe - schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gelungen, den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma zu knacken. Auch wenn es im Zeitalter der Cyberspionage lächerlich anmutet: Für jene Zeit war es eine weitere Glanzleistung, welche den Verlauf, die Dauer und womöglich sogar den Ausgang des Krieges gegen Nazi-Deutschland beeinflusste. Briten und Amerikaner kannten folglich nicht nur die deutsche Schlachtaufstellung in der Normandie, sie konnten auch überprüfen, ob die Nazis auf ihren Täuschungsplan hereinfielen.

Der Plan funktionierte denn auch perfekt. Als in den Morgenstunden des 6. Juni 1944 die ersten alliierten Soldaten in der Normandie an Land gingen, waren die Deutschen vollkommen überrascht. Hitler schlief und hatte befohlen, dass er unter keinen Umständen geweckt werden dürfe. Erwin Rommel, der Oberbefehlshaber der in der Normandie stationierten Heeresgruppe B, war am Vorabend nach Hause gefahren, um mit seiner Frau Geburtstag zu feiern. Wegen des schlechten Wetters hatte er nicht an eine Landung in jener Nacht geglaubt.

Vor allem aber waren die Deutschen überzeugt, dass es sich bei der Landung in der Normandie lediglich um ein Ablenkungsmanöver handle und die «echte» Invasion im Pas de Calais erst noch bevorstehe. Und zwar glaubten sie das - wie von den Alliierten beabsichtigt - noch Wochen nach Beginn der Operation «Overlord» und versäumten es, rechtzeitig Reserveeinheiten in die Normandie zu verlegen. Der grösste Täuschungsplan der Militärgeschichte hatte seinen Zweck erfüllt.