Der grösste Rekrut war keine 1,70 gross

Statistisches Jahrbuch

Statistisches Jahrbuch

Tragisches und Skurriles aus den Archiven des Bundesamts für Statistik, das sein 150-jähriges Bestehen feiert. Statistik hat einen schlechten Ruf. Sie kann aber auch lustig und unterhaltend sein, wie die Beispiele zeigen.

Christof Forster

Statistik hat einen schlechten Ruf. «Traue nie einer Statistik, die du nicht selber gefälscht hast» - «Statistik ist die Kunst, nie zugeben zu müssen, dass man falsch lag»: Solch boshafte Redensarten kursieren über die Wissenschaft des Zählens. Das mag damit zu tun haben, dass sie anfällig ist auf Fehler und Missbräuche. Doch wenn Parteien oder Lobbyisten Statistiken zurechtbiegen, zeigt dies auch deren Macht. Wer seine Argumente mit Zahlen untermauert, wirkt glaubwürdiger.

Die Bedeutung statistischer Analyse im politischen Ringen hat bereits Innenminister Stefano Franscini erkannt, der sie im ersten Bundesrat von 1848 als Instrument zur Förderung seines Heimatkantons Tessin eingesetzt hatte. Er organisierte eigenhändig die erste Volkszählung von 1850 und gab entscheidende Impulse für die Gründung des Eidg. statistischen Bureaus 1860, dem heutigen Bundesamt für Statistik (BfS). Zum 150-Jahr-Jubiläum hat das Bundesamt seine grossen Fundus an statistischen Jahrbüchern zugänglich gemacht. Wer darin stöbert, findet neben Skurrilem, Tragischem und Interessantem auch Trost. Die Beispiele konzentrieren sich auf die Zeit zwischen 1880 und 1920.

«Schweizer Absterbeordnung»

1886 kommen mehr Kinder (84 142) auf die Welt als heute, bei nur halb so grosser Bevölkerung. Wer das erste Altersjahr überlebt - angesichts der grossen Säuglingssterblichkeit keine Selbstverständlichkeit - hat um 1880 eine Lebenserwartung von 59 (Frauen) respektive 56 Jahren (Männer). Dies ist fein säuberlich festgehalten in der «Schweizerischen Absterbeordnung». Häufigste Todesursache der Menschen in den 80er-Jahren des vorletzten Jahrhunderts sind Lungenkrankheiten.

Als vermeidbar erachten die Statistiker die jährlich 2100 Unfalltoten anfangs des 20. Jahrhunderts: «In vielen Fällen wären sie verhütbar, und der Nachlässigkeit und Unvorsichtigkeit der Menschen sowohl wie der öffentlichen Verwaltungen ist es zuzuschreiben, dass die Zahl derselben jährlich auf der gleichen Höhe sich erhält.» Häufigste Unfallursache sind Stürze von Bäumen, Dächern und Treppen. 1890 kommen 20 Menschen durch Pferdeschlag ums Leben. Auch 633 Suizide werden gezählt. Nüchtern hält die Statistik fest, dass sich die Menschen am häufigsten am Strick das Leben nehmen. Die Suizidraten sind nicht etwa in den dunklen Wintermonaten am höchsten, sondern im Frühsommer. Am meisten Selbsttötungen gibt es, proportional zur Bevölkerung, im Kanton Waadt, am wenigsten im Tessin.

Werbung für Krippen

Tragisch ist auch, wie viele Kinder durch Unfälle ums Leben kommen - am häufigsten durch Ersticken im Bett oder Vergiftung durch Beeren. Ein Kind starb, weil es sich mit siedender Butter verbrennt. In vorwurfsvollem Ton schreiben die Bundesstatistiker 1896, dass sich die «mütterliche Vorsorge» nicht verbessert habe. Sie empfehlen deshalb, Kinder vermehrt in Krippen zu schicken. Dies tönt für heutige Ohren sehr vertraut, auch wenn es damals nicht darum ging, die Integration der Frau ins Berufsleben zu fördern. Der Aufruf ist als Unfallprävention gedacht bei Haushalten, wo «die Mütter genötigt sind, ihren Lebensunterhalt ausserhalb des Hauses zu verdienen» oder im eigenen Betrieb mithelfen müssen.
1895 gibt es in Bern bereits vier Kinderkrippen, in Zürich zwei. Die Krippe Länggasse in der Bundesstadt nimmt Bébés ab drei Wochen auf, zu einem Tarif von 20 Rappen pro Tag. Eine Art Vorläufer der heutigen Tagesschulen sind Kinderhorte, in denen arme Kinder nach der Schule «überwacht, beschäftigt und - soviel wie möglich - erzieherisch beeinflusst» werden. Das Jahrbuch schildert sogar, wie es dort zu und her geht: Nach der Verpflegung mit Milch und Brot wird «wenn immer möglich zuerst ein grösserer Spaziergang» gemacht.

Chancen auf dem Heiratsmarkt

Alleinerziehende sind vor 120 Jahren selten. 1890 lassen sich 880 Paare scheiden, weniger als jedes Zwanzigste. Heute ist es fast jedes Zweite. Im Kanton Uri gibt es 1890 bloss eine, in den folgenden vier Jahren keine einzige Scheidung. Weitaus am meisten Ehen werden aus beidseitigem Verlangen und aufgrund von «Verhältnissen, die mit dem Wesen der Ehe unverträglich sind», geschieden. Den Statistikern scheint das Thema, dem sie sich mit viel Akribie widmen, zu gefallen. So ist in den Jahrbüchern auch zu erfahren, dass Ende des 19. Jahrhunderts die älteste ledige Frau mit 78 noch heiratet.

Selbst Heiratswahrscheinlichkeiten berechnen die Bundesstatistiker. Um 1910 hat ein verwitweter 28-jähriger Mann rein statistisch betrachtet mit 25,238 Prozent die grösste Chance auf eine (Wieder-)Heirat. Bei den Frauen haben geschiedene 21-jährige die besten Trümpfe auf dem Heiratsmarkt (19,2 Prozent Heiratswahrscheinlichkeit).

Steuerhölle Zug

Auch eine Vielzahl von Aspekten des Wirtschaftslebens wird statistisch ausgeleuchtet. Zu den Exportschlagern im ausgehenden 19. Jahrhundert gehören neben Baumwolle und Seide, die von der Schweizer Textilindustrie verarbeitet wird, bereits schon Uhren. Im Unterschied zu heute importiert die Schweiz damals mehr als sie exportiert.
1919 beträgt das durchschnittliche Haushaltseinkommen einer Mittelstandsfamilie 6900 Franken. Mit 2800 Franken fliesst ein grosser Teil davon in den Kauf von Nahrungsmitteln. Die Miete einer 3-Zimmer-Wohnung in Aarau kostet 522 Franken im Jahr, in Basel 668 Franken. Bereits damals sind die Unterschiede in der Steuerbelastung enorm. Das heutige Steuerparadies Zug ist eine Steuerhölle: Die Einwohner liefern dort dem Fiskus dreimal mehr Geld ab als jene in Sarnen..
Wer heute über lange Arbeitszeiten klagt, findet vielleicht ein wenig Trost in den damaligen Verhältnissen. Laut einem Bericht des Fabrikinspektorats haben 1895 noch 57 Prozent der Arbeiter eine 65-Stunden-Woche. Seit 1877 ist ein Gesetz in Kraft, das die tägliche Arbeitszeit auf 11 Stunden beschränkt.
Fein säuberlich dokumentieren die Jahrbücher die Auswanderung. Aus schierer Armut verlassen Schweizer im 19. Jahrhundert zu Zehntausenden ihre Heimat, meist in Richtung USA. Oft wohnen die Schweizer in Siedlungen mit Namen wie «New Glarus» zusammen und pflegen in Schweizervereinen mit urschweizerischen Bezeichnungen wie Wilhelm Tell Männerchor oder Zitherklub Edelweiss ihre Lebensart.

Bierbrauer sind Hünen

Wer die statistischen Jahrbücher liest, findet auch immer wieder Anlass zum Schmunzeln. In Bern ist es beispielsweise verboten, «den Radfahrern Hunde anzuhetzen und Gegenstände in die Speichen des Vehikels zu werfen». Das Velo ist um 1900 wichtiges Verkehrsmittel: In den 14 grössten Städten sind 47 000 Fahrräder eingeschrieben und bloss 176 Autos.

Die kleinsten Rekruten kommen um 1890 aus Appenzell (1,60 Meter) und Glarus, die grössten aus Genf (1,66 Meter), Basel-Stadt und Nidwalden. Auffällig viele Hünen hat es unter den Bierbrauern, bei den Kleinwüchsigen sind die Schneider übervertreten.

Meistgesehen

Artboard 1