Solothurn

Der Franken bleibt links liegen

Tauschkreis: Sich gegenseitig mit Dienstleistungen aushelfen. (Oliver Menge)

Tauschkreise

Tauschkreis: Sich gegenseitig mit Dienstleistungen aushelfen. (Oliver Menge)

Alternativen zum kriselnden Finanzsystem. Vielleicht kann man sie im kommenden «World Café» in Solothurn finden: Die Tauschkreise «Zeittausch» und «Talent» stellen dort sich, ihre Philosophie und ihre Praxis vor.

Angelica Schorre

Reka-Schecks für Reise- und Ferienbelange, WIR als «Währung» vor allem der KMU sind bekannt. Weniger bekannt sind die bargeldlosen Tauschkreise. In der Region Solothurn gibt es den Verein «Zeittausch», der seit 1999 existiert und etwa 30 Mitglieder zählt. Das System funktioniert so: Anna liest in der Vereinszeitung im Internet, dass Peter sich zum Rasenmähen zur Verfügung stellt. Anna engagiert ihn. Für eine Stunde Mähen bekommt er auf seiner «Zeitkarte» eine Stunde Zeit gut geschrieben, Anna eine Stunde abgezogen. Für sein Zeitguthaben «kauft» sich Peter bei Ellen Englisch-Lektionen; Ellen lässt sich dafür von Sandra den Rücken massieren... Anita Gehring aus Hubersdorf, Vorsitzende des Vereins: «Wir tauschen Dienstleistungen, die wir mit Freude machen, gegen Leistungen, die andere gut können und gerne machen.»

In einer Zeit, als sie und ihr Mann sehr viel Arbeit hatten, engagierten sie über den Verein einen «Stör»-Koch, der für sie einkaufte und das Mittagessen kochte. Die benötigten Lebensmittel wurden in bar bezahlt. Der «Stör»-Koch hatte Probleme mit seinem Computer, die der Ehemann von Anita Gehring im Zeittausch für ihn lösen konnte.

Den Umlauf sicherstellen

Ziel der einzelnen Mitglieder ist es nicht, möglichst viele Stunden auf dem Konto zu horten, sondern den Tauschhandel im Fluss zu behalten: So sollte sich das Zeitguthaben zwischen 25 Stunden im Minus und 25 Stunden im Plus bewegen. Anders die gängige Geldwirtschaft, in der auf der Bank «geparktes» Geld durch Zinsen vermehrt wird, aber nicht im Umlauf ist.

Um die Umlaufsicherung zu gewährleisten, geht der Verein «Talent» Schweiz noch einen Schritt weiter. Seine Währung, seine Verrechnungseinheit heisst nicht Zeit, sondern eben Talent (Tt.). Die Kontoführung macht ein Systemmanager. Wer nun zu viel Talent auf seinem Konto hat, dem wird monatlich eine «Lagergebühr» von 6 Prozent abgezogen; der Betrag wird dem Konto Umlaufsicherung gut geschrieben, dessen Guthaben für Auf- und Ausbau des Vereins verwendet wird. Negative Saldi sind zinsfrei.

Bei «Talent» werden vor allem Dienstleistungen und Produkte getauscht. Die Höhe des Talent-Betrages für eine Dienstleistung oder ein Produkt wird unter den Tauschpartnern entsprechend der Frage «Was ist es mir wert?» ausgehandelt.

Tauschsoftware e-Talent

«Talent» Schweiz wurde 1993 als Experiment der Internationalen Vereinigung für Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO) ins Leben gerufen, ist seit 2002 ein selbständiger Verein und zählt in der Schweiz 250 Mitglieder. Ursula Dold, Präsidentin des Vereins, ist Projektleiterin in der Fachgruppe Bildung und Gesellschaft mit dem Schwerpunkt Bildung und nachhaltige Wirtschaft am Ökozentrum Langenbruck; sie wird am «World Café» den Initial-Vortrag über Alternativen zum Finanzmarkt halten.

Wer bei «Talent» mitmachen will, wird Mitglied im Verein und erhält ein Konto, über das die Talent-Buchungen abgewickelt werden. Mit e-Talent, der neuen Tauschsoftware, kann jedes Mitglied sein eigenes Profil erstellen, Anzeigen schalten, Rechnungen schreiben und selbst Überweisungen vornehmen. Bei Unsicherheit ist das Sekretariat jederzeit behilflich. Der Tauschhandel funktioniert erfahrungsgemäss besonders gut, wenn man sich kennt. Deshalb sind regionale Gruppen mit regelmässigen Treffen besonders gut geeignet zum Tauschen. Die Infrastruktur von «Talent» kann schweizweit benutzt werden, richtig lebendig wird das Tauschen erst, wenn man sich persönlich treffen kann und weiss, wer was anzubieten hat. Im Gespräch können auch oft unvorhergesehene Tauschgeschäfte zustande kommen.

Info www.zeittausch.ch, www.talent.ch

Meistgesehen

Artboard 1