Muriel Mercier

Über die letzte Reise, die Bruno Manser im Februar 2000 auf die Insel Borneo antrat und die ihn in Richtung des malaysischen Bundesstaates Sarawak hätte führen sollen, wusste seine Familie im Vorfeld nicht viel. Er habe immer zurückhaltend von seinen Vorhaben und Erlebnissen im Urwald beim Nomadenvolk der Penan erzählt, sagt Monika Niederberger-Manser, die Schwester des Basler Regenwaldschützers.

Zurückgekehrt ist er nicht mehr. Die Familie erhielt während der folgenden sechs Monate keine einzige Nachricht. Ab August machte sie sich Sorgen und versuchte, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Erfolglos. Seit dem 25. Mai 2000 gilt Bruno Manser als verschollen. Anfang 2005 erklärte ihn das Basler Zivilgericht amtlich für tot.

Schon über Bruno Mansers Abschied vor zehn Jahren lag etwas Ungewohntes, wie sich seine Schwester erinnert. Die Stimmung sei eigenartig angespannt gewesen. «Wir hatten bei seinen Reisen zuvor nie Angst um ihn, aber am Abend vor seinem Weggehen war ich traurig.» Zudem habe er sich von allen Familienmitgliedern und Freunden persönlich verabschiedet, was nicht typisch für ihn gewesen sei.

Zwischen Trauer und Freude

Nun jährt sich Mansers Verschwinden im tropischen Regenwald von Sarawak zum zehnten Mal. Zahlreiche Gäste aus der Schweiz und dem Ausland wollen sich am Samstag in einer öffentlichen Gedenkfeier an den Umweltaktivisten erinnern. Der Gedanke an die Feier löst bei Mansers Schwester gemischte Gefühle aus: «Natürlich stimmt es mich nachdenklich, weil wir einfach nicht wissen, was mit ihm passiert ist», führt Niederberger-Manser aus. Dennoch freue sie sich auch auf den Anlass: «Viele Freunde kommen an einem Tag für Bruno zusammen.»

Denkt Mansers Schwester an ihre Kindheit mit ihm zurück, kann sie sich nicht an eine intensive gemeinsame Zeit erinnern. Grund: Sie ist zehn Jahre jünger als Manser, der heute 56-jährig wäre. Aber: «Seine Wissbegierigkeit war enorm. Wenn wir spazieren gingen, drehte er jeden Stein um und entdeckte immer etwas darunter.» Erst Jahre später habe dieses Interesse an der Natur auf sie abgefärbt. «Bruno war der Welt um Jahre voraus. Er hat als Kind bereits die Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Umwelt erkannt.»

Eigentlich hätte der Regenwaldschützer Anfang 2000 gar nicht nach Malaysia zum Nomadenvolk der Penan einreisen dürfen. Die malaysische Regierung setzte auf ihn ein Kopfgeld aus. Er tat es trotzdem - über die grüne Grenze und aus Angst, das Dschungelvolk habe als eigenständiger Stamm keine Überlebenschance.

Kein Verständnis für Regierung

Mansers Schwester ist sich sicher, ihr Bruder würde heute genauso handeln. «Er war überzeugt von seinem Tun und würde sich auch jetzt von der Gefahr nicht abhalten lassen.» Kein Verständnis habe sie für die malaysische Regierung, die Manser nach seinem Verschwinden nicht gesucht hat. «Wenn sonst irgendwo ein Schweizer Bürger verschwindet, setzt sich die Regierung jeweils für die Person ein. Aber in Malaysia sagte man einfach, Bruno sei ja offiziell nie eingereist und somit nicht im Land.»

Bisher hat Monika Niederberger-Manser noch nie malaysischen Boden betreten. Dies will sie diesen Sommer ändern - zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn. «Es war schon lange mein Traum, den Regenwald zu sehen.» Sie würden nicht zu den Penan gehen, bei denen Bruno Manser gelebt habe. «Aber wir werden zum Teil die Orte besuchen, die er in seinen Tagebüchern beschrieben hat. Ich werde mich ihm dort bestimmt sehr nahe fühlen.»