Jessica Dubois

Der Ausdruck dieser braunen Augenpaare

Jessica Dubois aus Brugg reiste Ende September 2009 für neun Monate nach Nicaragua, um benachteiligte Kinder in Englisch zu unterrichten und sich in der Jugendarbeit zu engagieren. Monatlich berichtet sie nun von ihrem ungewöhnlichen Alltag in Mittelamerika.

Jessica Dubois

Obwohl ich als Lehrerin die Aufgabe habe, Wissen zu vermitteln, lerne ich von meinen Schülern mindestens ebenso viel. Denn nebst ihrem Schreibheft bringen meine Schützlinge auch ein Stück ihres Zuhauses und ihrer Kultur mit in die Schule, welche sich mir durch kleine Beobachtungen ein Stück weit offenbaren.

Alle im gleichen Schlafzimmer

Die Zweitklässler sind nebst vielem Schwatzen dabei, ihre mündliche Englischprüfung vorzubereiten. Eine Gruppe hat den Auftrag, ihr Haus zu beschreiben, und wird von mir gefragt, mit wem jeder sein Schlafzimmer teilt. Bei vier von fünf Schülern ist es die ganze Familie! Dasselbe habe ich auch bei meinen Bekannten festgestellt, teilweise teilen sich die Eltern sogar ein Einzelbett. Bei mir beklagt hat sich bisher noch niemand darüber.

Während ich in der ersten Klasse die Aufgaben der Kinder korrigiere, häufen sich auf meinem Pult Blumen, Bonbons und Scherenschnitte. Später, in der Pause, kommt ein Schüler mit einer Schokobanane angerannt, welche er extra für mich am Schulkiosk gekauft hat. Und dies in einem Land, in welchem sich viele Leute kaum über Wasser halten können!

Ich bin total gerührt - und beschämt, wenn ich daran denke, wie schwer es mir manchmal gefallen ist, mein Znüni mit Mitschülern zu teilen. Doch hier erlebe ich immer wieder, wie grosszügig die Nicas sind und wie sie das wenige, das sie haben, selbstlos teilen.

Harold weint lautlos

Etwas später im Frühenglisch beim Zeichnen. Bereits zum zweiten Mal in dieser Stunde beginnt Harold ohne ersichtlichen Grund lautlos, dafür aber umso heftiger zu weinen. Auf jegliche Fragen bleibt er mir die Antwort schuldig und schaut mir nicht einmal in die Augen. Dabei muss ich daran denken, dass viele nicaraguanische Kinder aus zerbrochenen Familien stammen, und ich frage mich, was wohl der wirkliche Grund seiner Tränen ist.

In der neunten Klasse stehen die Adjektive auf dem Lehrplan, wobei die Schüler sich gegenseitig vergleichen sollen: «Nestor ist fett. Heydi ist fetter. Maria ist am fettesten.» Mir fällt die Kinnlade runter, während ebenso selbstverständlich die Adjektive «intelligent» und «schön» angewendet werden.

Niemand ist gekränkt, mit «Dicker» angesprochen zu werden. Hingegen schweigen mich die Schüler lieber fünf Minuten an, als das Englischwort womöglich falsch auszusprechen und sich dadurch vor den Kameraden zu blamieren.

Die Pausenglocke schrillt, und die Schüler stürmen aus ihren Klassenzimmern. Übermütig jagen die Kinder zwischen den Schaukeln und dem Klettergerüst einander hinterher. Doch braucht jemand Hilfe, sei dies nach einem Sturz oder auch nur zum Schuhebinden, wird sich sofort Zeit dafür genommen.

Auch im Unterricht zeigt sich die Solidarität der Nicas: Fällt mir mein Stift zu Boden, stürzen sich mindestens zwei Schüler darauf, um ihn für mich wieder aufzuheben. Und noch nie wurde ich mit einem «Habe keine Zeit» abgewiesen.

Eine hoffnungsvollere Zukunft

Lachen und Schreie hallen über das Schulgelände. Weder die sorgfältig mit Gel frisierten Haare der Knaben noch die knielangen Röcke der Mädchen halten die Kinder davon ab, zu fünft die Rutschbahn hinunterzusausen oder sich in einem wilden Fussballspiel zu messen. Die Nicaraguaner verstehen die Kunst, sich mit wenigem zu begnügen und sich die Freude am Spielen durch nichts trüben zu lassen.

Die braunen Augenpaare, in die ich täglich blicke, bringen viel mehr zum Ausdruck, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. In einigen steckt ein fröhliches Lachen, andere verbergen ungeweinte Tränen. Alle jedoch gehören Kindern, die geliebt und respektiert werden wollen und sich dabei eine hoffnungsvollere Zukunft wünschen. Und ihnen dies zu ermöglichen, liegt in unserer Verantwortung.

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