Der Alltag wird abgestreift

Der Orchesterverein bereitet sich auf seine «Romantische Serenade» vor

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Der Alltag wird abgestreift

Der Alltag wird abgestreift

Elisabeth Feller

Der Mann sitzt entspannt im Strassencafé. Ab und an schliesst er die Augen; ab und an richtet er sie nach oben zum Brugger Rathaussaal und einigen, weit offen stehenden Fenstern. Was von dort zu dem Geniesser dringt, ist nicht von Pappe. Gäbe es das Wort nicht schon, müsste man «Big Sound» für das strahlende Blech erfinden.

Das fährt mächtig ein ...

Dieses Grosse darf auch sein – schliesslich werden Max Bruchs «Schwedische Tänze» im hell erleuchteten Rathaussaal gespielt. Noch probt Dirigent Markus Joho – im roten Hemd unübersehbar – allein mit den 16 Bläsern und dem Paukenisten des Orchestervereins Brugg für die «Romantische Serenade» Ende Mai. «Es ‹tätscht› etwas», wendet er sich an die Musikerinnen und Musiker, «ihr müsst also etwas bremsen.»

Tatsächlich ist der Saal, in dem sonst der Einwohnerrat tagt und die Fasnacht eröffnet wird, relativ niedrig – kein Wunder, fährt die Musik mächtig ein. «Diridaradiridara» gibt Markus Joho den Rhythmus vor und schon wirkt die heikle Stelle, nun bei schnellerem Tempo, leichter, kecker und spritziger.

Abwechselnd wendet sich Joho an die Holz- und Blechbläser – auch die Pauke, muntert er auf, dürfe noch dezidierter auftreten –, bis die Partitur glutvoll lebt. Bruchs im Konzertsaal selten gespielte Tänze sind eine wunderbare Einstimmung für die nachfolgenden, weit bekannteren «Slawischen Tänze» op. 46 von Antonin Dvorak. Abermals gibt Joho ein Zeichen, aber dann senkt er den Stab und sagt: «Der schönste Moment im Konzert ist jener, bevor ein Stück beginnt. Dann gibt es eine Stille, die es im Leben nie gibt.» Ringsum lächelt man sich zu. Gerade eben war die Konzentration fast mit Händen zu greifen.

Irrlichtern wie Puck

Auch Dvoraks so anmutig erscheinende Musik ist kein Kinderspiel. Der Triangel irrlichtert wie Shakespeares Puck durch die Partitur – das hört sich zauberhaft an, ist für die Interpretin aber knifflig. Zügig geht es weiter zu Edvard Griegs Klavierkonzert. Der Brugger Pianist Jürg Lüthy wird es spielen. Die Vorfreude ist gross, doch wo bleiben die Streicher? Als ob sie die
Frage gehört hätten, stehen sie plötzlich im Saal. Eine kurze Pause, die zum Stühle- und Pulterücken genutzt wird. Dann geht es weiter. Nun wird der vorgängige «Bläserteppich» angereichert um ebenso schwelgerische wie sonore Violin-, Viola- und Violoncello-Klänge. Und alle, die im Orchester sitzen, streifen den Alltag ab, um Nichtalltägliches zu bewerkstelligen. Eine Wonne!