Solothurn
Der «Adler» ist sanft gelandet

Noch zwei Stunden zuvor hätte Roberto Zanetti nie geglaubt, dass in dieser Baustelle 50 Leute ein perfektes Mittagessen einnehmen könnten. Doch um die Mittagszeit herrscht fast ausgelassene Stimmung in der Gassenküche mit der angedockten Kontakt- und Anlaufstelle im alten «Adler»: Nach dem Countdown hat alles geklappt.

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Adler Solothurn

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Solothurner Zeitung

Wolfgang Wagmann

Der Salat wirkt knackig, auf der Suppe hats ordentlich Schlagrahm, und das Partyfilet duftet verlockend neben den Spätzli. Ein bisschen Festtagsmenü muss schon sein, bestätigt Roberto Zanetti, Geschäftsführer der «Perspektive», in der neuen Gassenküche.

Und gratis ist das Menü in der platschvollen Gaststube mit ihrer chromglänzenden, neuen Küche heute ohnehin. «Ich bin froh, jetzt geht die lange Geschichte nicht zu Ende, sondern fängt an», blickt Urs Bentz, Leiter Soziale Dienste der Stadt, auf den langen Leidensweg des «Adler»-Projekts zurück.

Fast fünf Jahre wurde geplant und bis vor Bundesgericht gestritten, ehe der gestrige Tag möglich wurde. Der Armenverein Solothurn, der unter anderem die Stiftung Discherheim vertritt, hatte es überhaupt möglich gemacht, den «Adler» dank dem Erlös aus Landverkäufen ans Discherheim zu erwerben und umzubauen.

«475 000 Franken haben zusätzlich die ‹Perspektive› und der Förderverein Perspektive in die Infrastruktur investiert», ergänzt Roberto Zanetti. Das Küchenteam freut sich über Innovationen wie einen Steamer oder Gäste wie Schwester Sara Martina und Strassenmusikant Fritz Beetschen, die sich in der Gaststube ausgesprochen wohl fühlen. «Mir gefällt es hier», meint Beetschen.

Gäste hinten und vorne

Noch andere Gäste erwartet der umgebaute Gasthof an diesem Tag: Im hinteren Hausteil werden von 15.45 bis 19.30 Uhr ein Aufenthaltsraum, ein Sanitätszimmer, ein Kleiderlager sowie ein Injektions- und ein Inhalationsraum als «Kontakt- und Anlaufstelle» offen stehen - und zwar an 365 Tagen im Jahr.

«Es wird mehr und mehr inhaliert als injiziert. Das ist eine Konsumform-Verlagerung in eine weniger schädliche Richtung», erklärt Roberto Zanetti. Aber auch, dass hier, im neuen Ersatzangebot für die bisherige Anlaufstelle an der Dornacherstrasse, «nur konsumiert» wird - die legale Drogenabgabe «läuft über den psychiatrischen Dienst».

Rund 40 «Stammgäste» vorne in der Gassenküche, etwa gleich viele hinten in der Anlaufstelle - oft sind es dieselben - betreut Sibylla Motschi, Leiterin des jetzt im «Adler» zusammengefassten Angebots. «In der Anlaufstelle arbeiten wir zu sechst immer in einer Doppelschicht und verfügen dazu über 270 Stellenprozent. In der Küche sind es drei Personen mit 200 Stellenprozent.»

Ergänzt wird das Küchenteam durch eine Taglöhner-Equipe im Service. «Wir wissen aber nie genau, wie viele Leute tatsächlich kommen», müssen sich Käthi Blaser und ihre Kolleginnen flexibel auf ihre langjährige Küchenerfahrung an der Rathausgasse, im «Esel», verlassen. Dieser, im Besitz des Kolpingvereins, wird übrigens nun von der Stiftung Solodaris vermietet, die dort laut Urs Bentz ein Ess-Angebot mit psychisch Behinderten realisiert.

Eine «geschlossene Gesellschaft»

Die Gassenküche ist weiterhin auf Spenden angewiesen, denn das Angebot wurde mit dem «Adler» massiv ausgeweitet: Im Sommer fünf Werktage von 10 bis 19.30 Uhr, im Winter auch samstags geöffnet, werden neu auch kleine Abendessen ausgegeben.

Sogar «Zigi» - 35 Rappen das Stück - sind erhältlich, denn in der Gassenküche hat nur Zutritt, wer «suchtkrank und sozial ausgegrenzt» ist, so die Definition von Urs Bentz. Als «geschlossene Gesellschaft», betitelt auch Roberto Zanetti seine Klientel, und deshalb falle die Gassenküche nicht unters Gastronomiegesetz - Aschenbecher stehen auf den Tischen.

Mit Spielen, einem Töggelikasten oder einem Boxsack möchte Sibylla Motschi den Aufenthalt im «Adler» aufwerten; Alkoholkonsum ist bis auf Spirituosen ebenfalls erlaubt. Ein preisgünstiger Bierausschank wie in Olten praktiziert, ist in der Vorstadt (noch) kein Thema. «Es könnte aber eines werden», meinen Bentz und Zanetti - denn man müsse die Situation ständig analysieren und notfalls auch neu bewerten.

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