Den Feuerteufeln auf der Spur

Immer dann, wenn unklar war, warum es brannte, kam Rolf Müller zum Zuge. Nicht selten hatte der Kriminalpolizist mit eiskalten Feuerteufeln zu tun.

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Aargauer Zeitung

Maja Sommerhalder

Seit Wochen hielt ein Brandstifter die Gemeinde Döttingen in Atem. Und jetzt an Weihnachten im Jahr 2003 schlug der Feuerteufel schon wieder zu. Diesmal traf es den Landmaschinenbetrieb Baumann. Die Lagerhalle war nicht mehr zu retten - Der Firmeninhaber klagte den Journalisten, Feuerwehrleuten und Polizisten sein Leid. Kaum war das Feuer gelöscht, inspizierte Rolf Müller die Ruine. Mit prüfendem Blick analysierte der Brandermittler jedes Detail, suchte nach Spuren und Brandherden. Schnell war klar: Der Feuerteufel hatte den Brand gleich an mehreren Stellen in der Halle gelegt. «Das machte mich stutzig. Normalerweise geht ein Brandstifter nicht so vor. Da muss man schon Zugang zum Haus haben.» Der Inhaber des Geschäftes konnte die Fragen des Brandermittlers auch nicht schlüssig beantworten, sondern flüchtete sich in fadenscheinige Ausreden. «Obwohl er sehr selbstsicher auftrat, hatte ich Zweifel an seinen Aussagen», so Müller.

Mister Feuer will kein König sein

Er sollte Recht behalten: Der Inhaber des Geschäftes log ihn eiskalt an. Erst nach monatelanger intensiver Ermittlung und weiteren Bränden in der Region kam die Wahrheit ans Licht. Der Inhaber des Landmaschinenbetriebes liess seine eigene Werkhalle anzünden. Er wollte so Geld von der Versicherung kassieren. Zudem war er für neun weitere Brände in der Region verantwortlich. Diese legte er als Ablenkungsmanöver. «Es brauchte sehr viel Überzeugungskraft, bis ich den ersten Verdacht beweisen konnte. Niemand rechnete damit.»

Doch wenn Müller einmal einen begründeten Verdacht hat, gibt er nicht auf. «Meistens hat es auch hingehauen. Ich ging nur gegen jemanden vor, wenn ich mir sicher war.» So war er auch dabei, als der Brandstifter von Döttingen sein Geständnis machte: «Er schüttelte mir die Hand und sagte unter Tränen, dass er vor mir und meinem Team Respekt hätte.» Nicht verwunderlich, gilt Müller in der Kantonspolizei als hartnäckiger Ermittler.

Dieser hartnäckige Ermittler sitzt nun in einem kleinen Büro im Polizeikommando Aargau. Eigentlich arbeitet er nicht mehr hier, denn am vergangenen Montag wurde er nach 44 Dienstjahren pensioniert. Der 65-jährige Mann mit dem treuen Hundeblick und dem Schnurrbart erinnert an einen Kommissar aus einer Fernsehserie. Vor sich hat er Notizen liegen: «Damit ich Ihre Fragen auch beantworten kann», sagt er zur Journalistin. Nach einer Weile ist das Eis gebrochen; Müller plaudert aus dem Nähkästchen. Immer wieder sagt er mit seinem Ostschweizer Dialekt: «Ich möchte nicht als König dargestellt werden. Ich arbeitete mit einem Team. Nur Teamarbeit führt zum Erfolg in diesem Job.» Diesen Job hat Müller 34 Jahre lang gemacht - er hat Tausende von Bränden gesehen. Immer dann, wenn die Brandursache unklar war, kam der gelernte Polizist zum Zuge: «Erst muss man den Brandherd finden.»

Zündende Idee beim Joggen

Dazu brauchte er technisches Wissen und Fingerspitzengefühl: «Natürlich war es traurig, wenn ich mit den Angehörigen reden musste. Teilweise kamen auch Menschen bei Bränden ums Leben.» Doch auch gegen die Angehörigen musste Müller ermitteln. Denn die meisten Brände sind auf Fahrlässigkeit zurückzuführen: «Da waren Bewohner, die vergessen hatten, eine Kerze auszublasen oder den Herd auszuschalten. In solchen Situationen musste man möglichst human sein.» Allzu nahe hat er diese Schicksale aber nicht an sich rankommen lassen: «Man braucht Distanz.» So raubten ihm auch keine Feuerteufel den Schlaf: «Wenn ich zu Hause war, war Schluss. Ich redete auch mit meiner Familie nicht über meine Erlebnisse.» Trotzdem: Manchmal kam die zündende Idee eben doch in der Freizeit: «Ich machte mir dann eine kleine Notiz und schaute mir es am nächsten Tag wieder an.»

Bei etwa 400 Bränden pro Jahr muss die Kantonspolizei ausrücken. Etwa 50-mal sind Brandstifter am Werk. «Wenn Feuerteufel unterwegs sind, stehen wir natürlich unter grossem Druck. Die Bevölkerung will, dass der Brandstifter möglichst schnell ermittelt wird.» Da müsse man aber drüber stehen. Denn auch der hartnäckigste Brandermittler hat nicht immer Erfolg. Doch nur etwa ein Drittel der Brandstifter werden im Aargau gefasst: «Die Beweise reichen nicht immer aus.»

Wenn Retter Brände legen

Nicht selten waren es die Retter selbst, die den Brand legten: «Vor Jahren gab es auf dem Bözberg unzählige Brandanschläge auf Bauernhöfe.» Bauern bewachten ihre Häuser mit Mistgabeln und Karabinern, die Überwachungsarbeit der Polizei wurde deswegen erschwert. «Trotzdem schlug der Brandstifter immer wieder zu.» Bei den Löscharbeiten fiel ein Feuerwehrmann auf, der immer zuerst da war. Siehe da - der Feuerwehrmann war der Feuerteufel. Grund: Geltungsdrang. «Innerhalb von Feuerwehren zu ermitteln, ist sehr unangenehm. Schliesslich stellt man so ihre gute Arbeit infrage.»

Doch trotz den vielen Stolpersteinen liebte Müller seinen Job: «Es war unheimlich spannend. Jeder Fall war anders.» Kommt der frisch gebackene Pensionär denn ohne Brände überhaupt aus? Müller überlegt nicht lange und schaut die Journalistin an: «Sie müssen nicht denken, dass ich auf der faulen Haut liege. Ich mache jeden Tag Sport, zudem bin ich in der Behindertenbetreuung tätig.» Mit seiner alten Arbeit habe er abgeschlossen: «Jetzt mache ich eben etwas anderes. Die erste Woche als Pensionär war jedenfalls unheimlich stressig. Ich hoffe nicht, dass es so weitergeht.»