Den eigenen Pinselstrich entdecken

Den eigenen Pinselstrich entdecken

Den eigenen Pinselstrich entdecken

Im Frühjahr 2009 weihte die Heilpädagogische Schule Langenthal (HPS) den Kinderkreisel am Spitalplatz ein. Dieser Tage erinnern sich die Schüler Erkan Bünül und Nemanja Petrovic an kalte Stunden und exakte Handbewegungen während des Bemalens der Kreiselskulptur.

Martina Schlapbach

Die Sonne scheint nicht, doch mit einem Strahlen ist das unter Betracht stehende Objekt in diesen Minuten dennoch versehen: Erkan Bünül und Nemanja Petrovic strahlen, wenn sie die sechs Kinderfiguren auf der vor ihnen liegenden Kreiselfläche betrachten. Freude und Fröhlichkeit fühlen sie ihren eigenen Worten nach und ja, so geben die beiden 15-Jährigen zu, auch mit Stolz erfülle sie der von Farben bestimmte Anblick.

Was die vielen Gefühle in den beiden Betrachtern auslöst, ist eine Vielzahl von Erinnerungen. «Diesen Kopf habe ich angemalt», erinnert sich der Thöriger Nemanja Petrovic, derweil Erkan Bünül aus Herzogenbuchsee auf das Hosenbein an der nebenanstehenden Figur zeigt: «Siehst du diese schönen Jeans? Da habe ich die Farbe aufgetragen.»

Erinnerungen an einen Prozess

Die zwei Oberstufenschüler der Heilpädagogischen Schule Langenthal (HPS) vergegenwärtigen einen Prozess, in der zunächst die gesamte HPS-Schülerschaft involviert war. Auf
Initiative der Jungen Wirtschaftskammer Oberaargau hatte sich die Schule der Aufgabe angenommen, dem Kreisel am Spitalplatz ein neues Gesicht zu verleihen. Jede Schulklasse arbeitete dafür ein Gestaltungskonzept aus. Aus den zusammengetragenen Konzeptvorschlägen wählten die Projektinitiantin und die Schulführung den Kreiselschmuck aus, der in umgesetzter Version seit Frühjahr 2009 der Betrachtung aller Verkehrsteilnehmer offensteht.

Die beiden Betrachter dieser Stunde, Nemanja und Erkan, traten in den Arbeitsprozess ein, als es darum ging, die graue Stahlblechskulptur mit Farben zu versehen. Die Skulptur wurde dafür in die grosse Ofenhalle der Porzellanfabrik transportiert und dort in einem der Erinnerung der Erzählenden nach langen Vorgang, genau während zweier Wochen, bunt bemalt. Zur Hilfe stand den jungen Malern ihr damaliger Werklehrer, Reto Stadelmann.

«Der Umgang mit Pinsel und Farbe erforderte den malenden Händen viel Sorgfalt ab», sagt Oberstufenlehrer Stadelmann und verweist damit auf die Kreativität, die sich unter dem Gebot der exakten Arbeiten zugleich ungehindert entfaltete. Dieses kreative Schaffen illustriert Nemanja am Kreisel mit dem Fingerzeig auf die hier gelb-orange, dort rot-grün gestreiften Arme der einen Figur, während Erkan auf einen in über drei Meter Höhe schwebenden Wuschelkopf gelber Haare verweist. Und obwohl beide gleichermassen Mathematik als ihr Lieblingsfach benennen, betonen sie den Spass, den die Arbeit am nun sichtbaren Resultat bereitet habe.

Schnelles Arbeiten in der Kälte

Während die Wolken einem Bündel von Sonnenstrahlen Platz machen, erinnern sich die zwei Oberstufenschüler an eine Schattenseite der zurückliegenden Arbeit. Winter und entsprechend kalt sei es gewesen in der Fabrikhalle, wo sie die Kinderfiguren angemalt haben. «Da war schnelles Arbeiten gefragt», sind sich die beiden bezüglich des Rezeptes, unter diesen Bedingungen dennoch zu Wärme zu finden, einig.

Maler – wäre das etwas?

Inzwischen bescheint die Sonne das gesamte Kreiselrund und macht auch die vielen Blumen ersichtlich, die sich bunt über den Boden verteilt anordnen. Das eingetretene Licht erhellt die fein geführten Linien und harmonisch abgestimmten Flächen, lässt die Farbenpracht erst richtig zur Geltung kommen. Maler – wäre dies nicht der perfekte Beruf für die beiden Betrachter? Sie lachen, und ihrem Lachen folgen Erläuterungen, die für die Zeit nach dem derzeit absolvierten letzten Schuljahr schon konkrete Pläne offenlegen. Erkan Bünül sieht sich nach einem Job in einer Karosserie um, Nemanja Petrovic plant, in einer Schokoladenfabrik zu arbeiten. Auf den Kinderkreisel werden die zwei jungen Männer auch künftig einen besonderen Blick werfen.

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