Vatos Locos
Dem Bandenschwur verpflichtet

Wie eine Gruppe junger Freiämter eine filmreife Entführung plante und einen teuren Mercedes im Hallwilersee versenkte

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Vatos Locos

Vatos Locos

Schweiz am Sonntag

Michael Spillmann
Verschworen auf Leben und Tod: So heisst es im deutschen Titel zum Hollywoodfilm «Blood in - Blood out». Das Filmdrama zeigt eine Gang im Kampf ums tägliche Überleben in den Strassen von Los Angeles.

In ihrem Viertel sind die drei Protagonisten und ihre Kumpels die Könige. Doch dann nimmt die Geschichte ihren Lauf. Das Schicksal trennt die auf Leben und Tod verschworenen Freunde jäh. Einer der jungen Männer muss ins Gefängnis, einer setzt voll und ganz auf die Malerei, wird drogensüchtig, und der Letzte im Bunde wird von der Armee eingezogen und wechselt schliesslich die Seite - er wird Polizist.

«Vatos Locos» nennt sich die berüchtigte Clique im Film, sie sind in den 1970er-Jahren die «Verrückten Kerle» in ihrer Nachbarschaft.

Die «Vatos Locos» aus dem Freiamt vor Gericht

Fünf Mitglieder der Freiämter «Vatos Locos, der «Verrückten Kerle» (im Bild ein Filmplakat) mussten sich im Dezember vor Bezirksgericht Muri verantworten - wegen eines ganzen Katalogs von Straftaten aus dem Jahr 2007: Von Verkehrsvergehen und Diebstählen bis hin zu versuchtem bandenmässigem Raub. Vor den Richtern standen zwei Schweizer, ein Kosovare, ein Mazedonier und ein Dominikaner im Alter zwischen 21 und
27 Jahren. Das Gericht verurteilte zwei Männer zu teilbedingten Strafen von bis zu 3 Jahren, zwei Mitläufer kamen mit bedingten Geldstrafen davon. Ein 21-jähriger Schweizer - der Protagonist - wurde zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zwei Bandenmitglieder hatten sich bereits vor der Jugendanwaltschaft verantworten müssen. (SPI)

Eine verschworene Gemeinschaft war auch die Freiämter Ausgabe der «Vatos Locos». Die jeweils in unterschiedlicher Besetzung auftretende Bande brachte es auf einen ganzen Katalog verschiedenster Straftaten. Ob nun Alphatier der Clique oder nur ein Mitläufer: Sagte einer «Vatos Locos», gab es kein Zurück. «Dieses Stichwort hat offenbar verpflichtet», sagte der Staatsanwalt nach dem Prozess.

Ausreden waren dann keine mehr möglich, wenn das Codewort gefallen war, mussten Taten folgen. Die Gruppendynamik sei ein wichtiger Faktor gewesen, fasste der Murianer Gerichtspräsident auf die Geschehnisse rückblickend zusammen.

Auch in jener Aprilnacht muss es so gewesen sein, als sich fünf Mitglieder der «Vatos Locos» zu einem Boswiler Garagenbetrieb aufmachten. Die Idee, dort die Tageskasse zu klauen, hatte einer aus der Gruppe. Er hat in der Garage gearbeitet. Auf der Gebäuderückseite schlug einer der «Vatos Locos» mit einem Stein die Scheibe ein, zusammen mit einem Begleiter stieg er ins Geschäft ein. Auf Anraten des Insiders schraubten die Eindringlinge zielstrebig die Sicherungen der Aussenbeleuchtung heraus.

Aus der Tageskasse und dem Portemonnaie des Inhabers liessen die Einbrecher Bargeld mitgehen.
Doch dabei blieb es nicht. Offenbar aus Langeweile brachen sie den Schlüsselkasten auf, fuhren erst einen im Weg stehenden Audi 400 Meter vom Tatort weg, um schliesslich mit einem Mercedes Benz SL Cabriolet im Wert von 188000 Franken wegzubrausen. Nach einer Strolchenfahrt mit dem teuren Wagen - die Mittäter folgten im eigenen Auto - versammelte sich die Clique in Beinwil am See an der Schiffanlegestelle, wo sie den teuren Wagen mit laufendem Motor im Hallwilersee versenkte.

Nach weiteren Diebstählen, wollten die «Vatos Locos» Ende November den grossen Coup landen. Sie schmiedeten einen ungeheuerlichen Plan. Zwei Bandenmitglieder fuhren mit dem Auto in ein Waldstück zwischen Boswil und Buttwil. Dort wollten sie ihrem Opfer abpassen - dem gleichen Garagisten aus Boswil, bei dem sie bereits in die Garage eingebrochen waren.

Mitten im Wald stiegen sie aus dem Fahrzeug - bewaffnet mit einem Hammer. Die Komplizen patrouillierten derweil als Vorhut mit dem Auto auf der Strasse, um beim Herannahen des Opfers das im Wald wartende Kommando rechtzeitig avisieren zu können. Die Absicht der Bande: Mit einem Baumstamm die Strasse blockieren, den Fahrer überwältigen, ihn fesseln und in den Kofferraum sperren - und schliesslich mit den herausgepressten Pin-Codes kurz vor und nach Mitternacht Geld bei einem Bancomaten abheben. Mit einem Baum die Strasse blockieren? Ein Plan, wie ihn der Legende nach einst auch Robin Hood im Sherwood Forest erfolgreich praktizierte. Doch machte sich jener Filmheld mit ausschliesslich edlen Beweggründen ans Werk.

Vom Garagisten fehlte hingegen weit und breit jede Spur. Die Freiämter «Vatos Locos» änderten ihren Plan und fuhren zur Garage des Opfers. Doch der Besitzer war längst nicht mehr im Büro. Das entschlossene Quintett änderte den Plan erneut: Nun wollten sie den Garagisten an seinem Wohnort überfallen. Als die jungen Männer aus dem Schutz der Dunkelheit durchs Fenster erkannten, dass der Mann nicht allein daheim war, brachen sie ihr Vorhaben ab. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, haben sich die «Vatos Locos» wohl gesagt.

Und so starteten sie nur drei Tage später bereits den zweiten Versuch, für den die Clique einen weitaus einfacheren, wenn auch brutaleren Weg wählte. Dieses Mal hatten sie es zudem nicht nur auf die Bank- und Kreditkarten abgesehen, sie wollten auch gleich noch den Tresor am Wohnort des Garagisten leerräumen.
Schauplatz war kein verstecktes Waldstück, die «Vatos Locos» fuhren direkt zum Betrieb des Opfers. Die beiden erprobten Späher mussten wiederum nach Polizisten Ausschau halten und überwachten im Auto die Hauptstrasse durch Boswil. Der Haupttäter hatte den Hammer gegen ein 50 Zentimeter langes Eisenrohr getauscht, sein Begleiter war mit einem Baseballschläger bewaffnet.

Als der Garagist aus dem Gebäude trat, schlugen die Angreifer sofort los. Dabei traf der Baseballschläger den Kopf des Opfers, die Stange dessen Beine. Als das Opfer um Hilfe schrie und zum Auto flüchten konnte, liessen die Täter vom Garagisten ab und flüchteten. Auch der zweite Überfall war gescheitert. Die Polizei kam den «Vatos Locos» aus dem Freiamt auf die Spur.