JÖRG MEIER

DIE KURZE MELDUNG wurde kaum beachtet: Der Bundesrat hat beschlossen, den Zeitzeichensender in Prangins einzustellen. Es wird nicht mehr benötigt.

JAHRZEHNTELANG HAT das Zeitzeichen die Ordnung im Land bestimmt. Jeden Tag, wenn die Schweizerinnen und Schweizer vereint am Mittagstisch sassen, verstummten sie augenblicklich, wenn die Radiostimme das Zeitzeichen ankündete und die unmittelbar darauffolgenden Mittagsnachrichten. Andächtig schwiegen sie und hörten zu, wie es im Sekundentakt «piep» machte, fünfmal in der gleichen Tonlage; nach dem sechsten «Piep», das eine Quart höher daherkam, wusste das ganze Land: Jetzt ist es genau 12.30 Uhr. Und das galt für alle und überall. Ein Land, eine Zeit. Wer schon eine hatte, schaute auf die Uhr, nickte zufrieden, wenn sie sekundengenau die richtige Zeit zeigte; richtete sie unverzüglich, wenn sie neben dem Zeitzeichen lag. Denn Ordnung muss sein. Dann wurde schweigend weitergegessen; Reden war erst wieder nach den Mittagsnachrichten erlaubt. Der Vater wollte schliesslich hören, was in der weiten Welt geschah. So war das damals, als es noch Radio Beromünster gab und keine Swatch.

HEUTE HOLT SICH jeder seine Zeit selber. Mehr noch: Sie kommt sogar von selbst. Sie findet uns immer und überall: auf dem Wecker, auf dem PC, dem Handy. Wir wollen gar nicht so genau wissen, wie die genaue Zeit uns immer wieder findet, aber wir vertrauen, dass das richtige Zeit ist.

Und weil die genaue Zeit überall frei erhältlich ist, braucht es auch das verbindende Zeitzeichen vom Zeitzeichensender nicht mehr. Radio Beromünster gibt es ja auch nicht mehr.

joerg.meier@azag.ch