«Das Wort Lotterknast bringt mich auf die Palme»

Der neue Direktor der Strafanstalt Schöngrün in Solothurn trat kein einfaches Erbe an: Als «Lotterknast» in den Medien verschrien, ist die Anstalt im Umbruch. Laut Paul J. Loosli wird der Umzug in den Neubau in Deitingen 2014 mit einer Verlagerung vom offenen hin zum geschlossenen Strafvollzug verbunden sein.

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«Lotterknast» bringt ihn auf 100

«Lotterknast» bringt ihn auf 100

Solothurner Zeitung

Urs Mathys

Sie, Paul J. Loosli, werden immer dann gerufen, wenns im Strafvollzug irgendwo brennt. Stichwort Sanierung Regionalgefängnis Thun, nun das «Schöngrün». Was macht Sie zum Mann für solche Fälle?

Paul J. Loosli: Ich habe mir einen guten Erfahrungs-Rucksack zulegen können. Dazu kommt, dass meine breiten Interessen für einen solchen Generalistenjob eine gute Voraussetzung sind.

Was reizte Sie denn, das Himmelfahrtskommando in Solothurn anzutreten?

Loosli: Ursprünglich Geograf, kam ich 2003 zufällig zum Strafvollzug und habe mich seither intensiv mit Fragen rund um diese Thematik befasst. Ich konnte quasi den Faden aus meiner vorgängigen Tätigkeit als Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) aufnehmen. In dieser Zeit sah ich auf mehreren Kontinenten, wie das Leben in Extremsituationen für Gefangene ist. Als IKRK-Delegierter hatte ich mit meinen Besuchen die Aufgabe, politische und Kriegsgefangene zu schützen und ihnen ein Minimum an Grundrechten zu sichern. Als Leiter eines Gefängnisses bin ich jetzt natürlich selber in der Pflicht.

Sie traten per 1. April die Direktion eines Gefängnisses an, das als «Lotterknast» negative Schlagzeilen geliefert hat. Wie packten Sie diese Aufgabe an?

Loosli: Ich habe einen verbindlichen Auftrag und der hat mit diesen Schlagzeilen wenig zu tun. Dieser Auftrag ist anspruchsvoll. Es geht darum, die offene Anstalt Schöngrün und das Massnahmenzentrum «im Schache» zu leiten und bis in vier Jahren an einem Standort zusammenzuführen.

Sie sagen es: Ein Neubau neben dem heutigen «Schache» steht bevor, und die Tage des «Schöngrüns» sind gezählt. Die technischen und räumlichen Rahmenbedingungen hier machen den Betrieb kaum einfacher?

Loosli: Hier sitzen Menschen eine Strafe ab, die von Richter und einweisender Behörde als nicht gefährlich betrachtet werden. In der offenen Anstalt können die Insassen tagsüber mehr oder weniger ein- und ausgehen, wobei natürlich etwas passieren kann. Wir haben Insassen, die sich durch einen ungesunden Lebenswandel selber gefährden: Rund die Hälfte hat ein Drogenproblem. Es gibt keine drogenfreie offene Anstalt. Dies hat aber nicht mit den technischen und räumlichen Gegebenheiten zu tun, sondern mit dem Auftrag.

Der offene Strafvollzug ist unter Beobachtung. Wie sehen Sie die Zukunft dieser Vollzugsform grundsätzlich?

Loosli: Der Gesetzgeber ist bei uns im Vergleich etwa mit den USA recht erfolgreich. Insofern als die Anzahl Tage im Freiheitsentzug gemessen an der Bevölkerungszahl über 100 Jahre gesehen eher abnimmt. Das ist etwas Positives, was den fast täglichen negativen Medienmeldungen entgegensteht. Hingegen sind die heutigen Insassen nicht mehr dieselben, wie vor Jahren: Als genereller Trend gilt, dass die Insassen im Freiheitsentzug von ihren physischen und psychischen Voraussetzungen her viel mehr Betreuung brauchen.

In der Öffentlichkeit wird heute schnell einmal der Spruch laut, dass bei der Betreuung übertrieben werde ...

Loosli: Wir haben einen Grundauftrag, der im Strafgesetzbuch klar festgehalten ist – aber oft vergessen wird: Es geht nach wie vor massgeblich um die Resozialisierung. Diese wird allerdings immer anspruchsvoller. Im Bereich des offenen Vollzugs wird der Versuch, die Strafe mit einer Chance zur Resozialisierung und zur Verhinderung der Rückfälligkeit zu verbinden, zusehends schwieriger. Dies hat damit zu tun, dass für «einfachere Kunden» alternative Strafformen zur Verfügung stehen – etwa das Electronic Monitoring. Anderseits ist bei den Einweisenden die Tendenz erkennbar, die Leute in den geschlossenen Vollzug zu schicken. Dies führt in der Schweiz dazu, dass geschlossene Anstalten überfüllt sind und in den offenen Anstalten tendenziell Kapazitäten frei stehen.

Das heisst, dass die im Neubau «im Schache» geplanten offenen Plätze nicht alle benötigt werden?

Loosli: Geplant waren «im Schache» drei mal 30 Plätze: Wie heute 30 im Massnahmenbereich sowie je 30 im geschlossenen und im offenen Strafvollzug. Heute stehen im «Schöngrün» 66 offene Plätze zur Verfügung. Folglich hat man schon in der Planung der neuen Justizvollzugsanstalt Solothurn in Deitingen die Entwicklung richtig berücksichtigt. Wir haben jetzt den Auftrag, diese Planung zu überprüfen. Im Trend dürften wir uns in Richtung einer geschlossenen Anstalt bewegen, weil dies den Bedürfnissen entspricht. Dazu kommt: Eine Anstalt, die baulich geschlossen ist, lässt immer noch offenen Vollzug zu.

Dass es weniger als die geplanten 30 offenen Plätze geben wird, stellt eine Neuorientierung dar. Diese dürfte in Absprache mit dem Nordwestschweizer Strafvollzugs-Konkordats erfolgen?

Loosli: Ja, das ist richtig. Das entsprechende Konzept wird auf Anfrage des Konkordats erarbeitet.

Der Kredit für den Neubau in Deitingen wurde 2009 problemlos gutgeheissen. Zeichen dafür, dass das Stimmvolk eine zeitgemässe Anstalt will – im Interesse von Insassen und Gesellschaft ...

Loosli: Das hat das Volk gut erkannt. In meiner Brust habe ich zwei Seelen: Der ehemalige IKRK-Delegierte war eigentlich nie dafür, dass man Gefängnisse baut. Jetzt bin ich verantwortlich für den Freiheitsentzug hier, und ich werde alles daran setzen, dass der Neubau den Bedürfnissen entspricht und dass man aus dem 50-Mio.-Kredit ein Optimum herausholt. Der Freiheitsentzug ist nicht zum Nulltarif zu haben. Dies ist eine Form der Sicherheit, die von der Gesellschaft letztlich auch eingefordert wird – und eine Chance. Die Kreditfreigabe des Kantons Solothurn löst ja auch erhebliche Subventionen aus. Dazu kommt, dass aus einem Ausbau im geschlossenen Vollzug auch zusätzliche attraktive Arbeitsplätze für den Standortkanton resultieren.

Welche finanziellen Konsequenzen hat die anvisierte Konzeptänderung?

Loosli: Wenn wir mehr Plätze im geschlossenen Massnahmenvollzug und möglicherweise etwas mehr Plätze im geschlossenen Strafvollzug schaffen, ist der Aufwand in Therapie, Personal und Sicherheit grösser – dafür aber auch die Tagessätze für die Betreuung höher.

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