yucca
Das Wohnzimmer für Gestrandete

Im Café Yucca werden grosse Debatten geführt und Komplimente gemacht, Sauhünde ausgeteilt und Geschichten erzählt. Ein Abend im Wohnzimmer, das die Zürcher Stadtmission jenen bietet, die keines haben.

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Yucca

Yucca

Limmattaler Zeitung

Sarah Jäggi

Würden Kurt, Vinzenz und Renate kein Namensschild tragen, man könnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wer ist Gast und wer am Arbeiten, wer Theologe, Zivildienstleistender, Köchin und wer auf ein öffentliches Wohnzimmer angewiesen weil er - selten auch sie - kein eigenes hat: psychisch Kranke, Sozialhilfebezüger, Suchtkranke, Einsame und immer häufiger auch Gestrandete, die es nach Zürich verschlagen hat.

Man duzt sich im Café Yucca - so man denn miteinander spricht. Lange Zeit ist es still an diesem kalten Winterabend. Zwölf Männer und eine Frau sitzen an den Tischen, sind über Teller geneigt, über eine Zeitung oder über Papiere, die tagein, tagaus mit ihrem Besitzer unterwegs sind. Jemand schläft, manche halten in der einen Hand die Gabel, in der anderen die Zigarette.

«Die Leute, denen wir Gastgeber sind», sagt Kurt Rentsch, Leiter des Cafés, «können hier so sein, wie sie sind.» Egal, ob das Alleinsein Lebensentwurf ist oder Schicksal, egal, wenn jemand jahrelang ein und aus geht ohne je ein Wort zu sagen, die Leute sind willkommen. Einzig die Hausregeln sind zu beachten. Dazu gehört unter anderem, dass kein Alkohol und keine anderen Drogen konsumiert werden.

Zwei Mal am Tag gibt es im Café Yucca an der Häringstrasse 20, mitten im Vergnügungs- und Rotlichtviertel der Stadt Zürich, eine günstige Mahlzeit, ab 21 Uhr ist die Suppe gratis, der Andrang dann besonders gross. Es werden auch Sozialberatungen angeboten und Hilfe, wenn jemand kein Bett für die Nacht hat, medizinische Hilfe oder Unterstützung beim Gang auf ein Amt.

Vor 16 Jahren, als Kurt Rentsch angefangen hat als Wirt, Seelsorger, Koch und Gastgeber zu arbeiten, hiess der Treffpunkt noch «JuKa» und stand für Jugend-Kaffee. Die Jugendlichen, für die die Stadtmission den Ort 1960 gegründet hat, waren längst erwachsen, viele der Besucher hatten Drogenprobleme. Und so wurde aus der Jugend im Namen eine Yucca-Palme und aus dem Kaffee für Jugendliche ein verlässlicher Ort für Menschen am Rand der Gesellschaft.

Ein Mann, nennen wir ihn Franz, bezahlt an der Theke, sucht sich einen leeren Tisch, stellt den Kartoffelstock mit Brätkügelchen, Randensalat, Sirup und einen Latte Macchiato vor sich hin, greift in einen Plastiksack und ergänzt seine Tafel mit einem Bananenjoghurt, einem halben Camembert-Käse, einem frisch gepressten Orangensaft und einem Stück Brot.

Mit ausladender Geste greift er zur Gabel, kippt den Randensalat in den Kartoffelstock, mischt das Ganze und beginnt zu essen. Reicht André, der ihm gegenüber sitzt und höflich fragt, ein Stück Käse, worauf beide schweigend weiteressen. Ein Wort ergibt sich, dann ein Gespräch. André stellt sich als Künstler vor, seine Ausdrucksweise ist ebenso gepflegt wie seine Gesten. In Widerspruch dazu das Stück Schnur, das behelfsmässig in die Ösen seiner Lederschuhe gezogen ist, auch das Loch im Strickpullover und die lange Unterhose, die unter seiner Jeans hervorschaut.

André ist Maler, zeigt den Katalog und die Preisliste seiner letzten Ausstellung. «Ich bin Künstler. Schreib doch, er ist Psychiatriekünstler, Maler, Schachspieler und hat IV.» Sein jüngstes Werk ist die Adventsbemalung an den grossen Fenstern des Cafés, «Engel in der Schlucht» der Titel.

Viele Gäste im «Yucca» sind Stadtnomaden, die Bescheid wissen über die Institutionen und deren Öffnungszeiten und wenn es irgendwo etwas gratis gibt. Marcel lebt in der Notschlafstelle von Pfarrer Sieber. «Von neun bis neun musst du da raus, im Winter ist das lange», sagt er. Oft ist er darum mit dem Zug unterwegs, der 9-Uhr-Pass ergänze die Notschlafstelle ideal, sagt er und lacht.

Der Abend zieht sich dahin, Leute kommen und gehen, eine zierliche Frau zieht sich die braune Wollmütze über die Ohren und verlässt das Lokal, kommt eine Stunde später zurück, wünscht ein Gespräch, wird vertröstet, setzt sich ungeduldig an den Nichtrauchertisch.

Ein dunkelhäutiger Mann hat den Kopf in die Arme gelegt und schläft, jemand zupft an einer Gitarre, ein Mann schimpft einen anderen beim Tischfussball einen Sauhund, und in einer Ecke wird über die Klimakonferenz in Kopenhagen diskutiert. Jean-Marc und Franz reden über schwere Geburten und Wunschkaiserschnitte.

Jean-Marc hat Verständnis, dass manche Kinder nicht aus dem Mutterleib wollen, so schön wie es dort sei. Und Franz betont, dass er nicht fotografiert werden möchte. Er sei nämlich kein Sozialfall, sondern völlig normal, er komme ins «Yucca», weil das Essen und die Gesellschaft hier gut seien. «Nicht dass die Leute am Ende noch denken, ich sei ein Sozialfall!»