Maja Sommerhalder

«Erst war da nur ein kleines Lüftchen. Und plötzlich war es ein Sturm», sagt Feuerwehrkommandant René Fehlmann (42). Er sitzt mit Vizekommandant Beat Woodtli (41) im Suhrer Feuerwehrmagazin. Ruhig seien die Weihnachtstage gewesen. Auch der 26. Dezember 1999 begann friedlich. Der damalige Vizekommandant René Fehlmann musste in den frühen Morgenstunden einen kleinen Brand löschen: «Ein Cheminéebalken hatte Feuer gefangen. Es war harmlos, und ich konnte rasch wieder nach Hause gehen.» Was dann folgte, war alles andere als harmlos. Fehlmann hörte im Radio die ersten Schadenmeldungen aus dem Welschland. Als er aus dem Fenster schaute, merkte er, dass der Wind auch in Suhr immer heftiger wurde. Kurz vor Mittag traf der Alarm bei ihm ein: Ein Baum war auf die Strasse gekippt; es sollte nicht der letzte sein an diesem Tag. «Wir konnten uns kaum bewegen da draussen. So stark hat es geblasen», erzählt Fehlmann. 60 Suhrer Feuerwehrleute waren an diesem Tag im Einsatz – ungefährlich war ihre Arbeit nicht. «Wir mussten aufpassen, dass uns kein Baum oder Gegenstand traf.»

Junge vom Baum getroffen

Ganz nebenbei mussten sie noch Passanten in Sicherheit bringen: «Wir holten Leute aus den Wäldern. Sie fanden es toll, dass die Bäume wie Mikadostäbe umknickten.» Dabei hätten sie gar nicht gemerkt, in welcher Gefahr sie sich befanden. Dessen war sich auch eine Gesellschaft nicht bewusst, die in einer Waldhütte fröhlich feierte. Die Feuerwehr konnte sie in letzter Minute retten: «Nachdem wir sie evakuiert hatten, stürzten die Bäume hinter uns ein.»

Kein Glück hatte ein sechsjähriger Junge im Dorf. Dieser rannte über eine Wiese, um sich zu Hause in Sicherheit zu bringen. Dabei wurde er von einem umfallenden Baum getroffen und starb. «Besonders tragisch war, dass der Baum ganz alleine auf der Wiese stand. Zudem war er alt und morsch und hätte schon längst gefällt werden müssen», so Woodtli.

Dach weggerissen

Auch ein Hausdach, das der Wind weggetragen hatte, machte den beiden Männern an diesem Tag zu schaffen, wie Woodtli erzählt: «Der Besitzer hatte sein Haus kurz vorher aufgestockt. Und von einer Sekunde auf die andere war sein Schlafzimmer direkt unter dem Sternenhimmel.»

Am Nachmittag erstellten die Feuerwehrmänner ein Notdach. «Das war unsere schwierigste Aufgabe. Schliesslich hat es stark gewindet da oben», so Fehlmann. Die Freude über das Provisorium war nur von kurzer Dauer. Am Abend gegen neun kamen die Sturmböen nochmals auf; allerdings nicht ganz so stark wie am Mittag. Trotzdem wurde das Notdach weggeweht. «Wir mussten dann die Übung wiederholen und waren bis um Mitternacht an der Arbeit.» Hatten sie keine Angst bei diesem Einsatz? «Vielleicht Respekt. Aber unsere eigene Sicherheit ist das oberste Gebot. Das üben wir ja auch», meint Fehlmann und Woodtli ergänzt: «In so einem Moment funktioniert man einfach. Erst wenn man zu Hause ist, fängt es an zu rattern.»

Mehr Respekt vor Stürmen

Zehn Jahre später sind die Erinnerungen an den 26. Dezember 1999 keineswegs verblast. Besonders, wenn sie am Haus des getöteten Jungen vorbeifahren, kommt vieles wieder hoch. «So etwas vergisst man einfach nicht», sagt Fehlmann nachdenklich. Auch hätten sie heute mehr Respekt vor Stürmen, wie Woodtli sagt: «Man hofft dann, dass es kein neuer ‹Lothar› wird.» Nicht, dass sie vorher nie wegen Stürmen ausrücken mussten: «Aber dass der Wind eine solche Kraft haben kann, konnten wir uns nicht vorstellen. Das war wie in einem TornadoFilm», so Fehlmann.

Doch er ist auch überzeugt, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können: «Eigentlich war es ein Glück, dass der ‹Lothar› an einem Feiertag über das Land fegte. Sonst wären wahrscheinlich noch viel mehr Menschen ums Leben gekommen.»