Das Unsichtbare sichtbar machen

Während etwa 500 Stunden und 1500 Kilometern durchquerte Markus Gaberell in den vergangenen zwei Jahren mit der Kamera den Oberaargau. Aus 4000 Fotografien wählte er 120 für das Werk «Unterwegs im Oberaargau» aus.

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az Langenthaler Tagblatt

Bettina Nägeli

Den Oberaargau charakterisiert weit mehr als nur dessen geografische Lage im nordöstlichen Teil des Kantons Bern; auch typisiert er sich durch Verschiedenartigeres, denn ausschliesslich durch den seinen Bewohnern eigenen Dialekt - wonach es statt stadtbernerisch «Ja» eben oberaargauisch «Jo» aus den Mündern tönt. Viele dem einen oder anderen bis dahin noch kaum begegnete Facetten der Gegend, ihre überraschend vielschichtigen Stimmungen und oft im Verborgenen ruhende Aussagekraft hat der Fotograf und ehemalige Sekundarlehrer Markus Gaberell in den vergangenen zwei Jahren mit der Kamera eingefangen.

«Es wird Heimat erzeugt»

Kreuz und quer führte ihn der Weg durch den Oberaargau - rund um die Hohwacht, der Aare entlang, durch das Langetetal oder in die Jurahöhen. Entstanden ist eine 144-seitige Hommage an seine Heimat, betitelt mit «Unterwegs im Oberaargau». Zuhauf strömten die Besucher zur Vernissage jenes Werks, in den neu renovierten ersten Stock des Museums Langenthal. Da wurden die Seiten sorgfältig umgeblättert, die Stimmungen der Natur- und Landschaftsaufnahmen fasziniert aufgenommen und vergessen geglaubte Erinnerungen wieder aufgeweckt. Genauso, wie es Stadtchronist Simon Kuert in seiner vorangegangenen Rede formuliert hatte: «Mit den Fotografien werden Gedanken und Gefühle in Bewegung gesetzt - es wird Heimat erzeugt.»

Damit ist der Anspruch des Fotografen an seine Bilder genannt, der von diesem selbst noch verdeutlicht wurde: Es gehe ihm nicht darum, möglichst viele Sehenswürdigkeiten oder bekannte Bauwerke der Region darzustellen, sagte der in Aarwangen wohnhafte Markus Gaberell. «Vielmehr betrachte ich kleine, unscheinbare Dinge, die am Wege liegen. Jedes Bild soll etwas bewegen.» Stimmungsvoll in die Seiten eingegliedert sind zwölf aus der Feder von Martin Kummer, pensionierter Sekundarlehrer aus Aarwangen, entstandene Textporträts von Personen. Diese sind ihrerseits auf spezielle Art und Weise mit der fotografisch porträtierten Region verwurzelt.

Im Bekannten Neues entdecken

Die am selben Abend im Museum eröffnete Fotoausstellung zum über 40 Jahre andauernden Schaffen Gaberells offenbarte sodann einen Gegensatz zu jenem im Buch festzustellenden Aspekt der Verwurzelung. So ist es eine unbändige Weltoffenheit und ein nicht zu stillender Reiz des Unbekannten, die das Fotografieren des 68-Jährigen ständig begleiten. Offenbart wird dies etwa in exotisch anmutenden Fotografien aus Indien, die farbig und voller Bewegung einen merklichen Kontrast zu den Ruhe ausstrahlenden Bildern des Oberaargaus erzeugen. Auch Irland, Frankreich oder Tschechiens Hauptstadt Prag finden sich einfühlsam festgehalten auf den Fotografien wieder.

Um Unbekanntes zu entdecken, benötigt es jedoch nicht unbedingt das Bereisen der weiten Welt; vielmehr lässt sich auch im Altbekannten immer wieder Neues aufspüren: «Je nach Uhrzeit, Witterung oder Jahreszeit begegne ich auf x-mal begangenen Wegen noch nie erlebte Stimmungen», sagt Gaberell. Buch sowie Ausstellung - letztere ist bis am 20. Dezember geöffnet - lassen den Besucher denn auch genau jenen Blick für das scheinbar Belanglose schärfen. Ein jedes Bild des Fotografen vermag es daher, zum Bild eines jeden Einzelnen zu werden.