Das Schlimmste ist die Ungewissheit

Wenn jemand plötzlich verschwindet, leiden die Angehörigen. Maya Flüelis Vater, André Beat Flüeli, ist am 27. April 2008 aufgebrochen und wird seither vermisst. Die 18-Jährige Tochter erzählt, wie ihr Leben trotz allem weitergeht.

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Schweiz am Sonntag

von Astrid Bucher (text), Oliver Menge (Bild)

Die Polizeikorps kennen kein Rezept, um vermisste Personen wiederzufinden

Die Polizei unterscheidet bei Vermisstmeldungen drei Kategorien: Wenn eine als vermisst gemeldete Person aus mutmasslich freiem Willen aus der gewohnten Umgebung fortgegangen ist, starten die Polizeikorps intern und schweizweit eine «Aufenthaltsausforschung». Es wird dann keine Vermisstmeldung publiziert. Dazu Jürg Mosimann, stellvertretender Informationschef der Kantonspolizei Bern: «Die Persönlichkeitsrechte der vermissten Personen sind so weit wie möglich zu wahren. Angehörige müssen sich bewusst sein, dass die Hemmschwelle steigen kann, dass sich ein Vermisster allenfalls wieder zu Hause meldet, wenn er öffentlich gesucht wird. Wenn wir von der Polizei die Person ausfindig gemacht haben, verständigen wir die Angehörigen. Wir sagen, wie es der vermissten Person geht, orientieren aber nicht über dessen Aufenthaltsort, wenn die gesuchte Person dies nicht will.» Denn: «Jedermann, der mündig und urteilsfähig ist, kann sich aufhalten wo er will.» Anders sieht es aus, wenn zum Beispiel jemand in die Berge geht, nicht zur abgemachten Zeit zurückkehrt und darum das Risiko eines Unglücks nicht auszuschliessen ist. «In solchen Fällen werden - sofern es die Witterungsverhältnisse zulassen - Such-
aktionen eingeleitet. Dabei entscheidet die Polizei, in welchem Umfang diese durchgeführt werden», sagt Mosimann. Situationsabhängig werden dabei auch Helikopter, Bergführer oder Hunde eingesetzt. Auch die Dauer eines Einsatzes ist unterschiedlich lang und wird von Fall zu Fall neu beurteilt. «Erst wenn nach menschlichem Ermessen alles Mögliche gemacht wurde und die Situation hoffnungslos bleibt, beenden wir die aktive Suche. Die Fälle bleiben aber pendent, und die Polizei geht allen weiteren Meldungen nach», so Mosimann.
Schliesslich gibt es die Fälle, bei denen für die Polizei automatisch die «Phase Rot» gilt: Darunter fallen in erster Linie Fälle von vermissten Kindern. Aber auch Hinweise über Personen, die von Medikamenten abhängig, dement oder geistig verwirrt sind. Mitentscheidend seien auch lebensbedrohende Bedingungen, wie beispielsweise eisige Temperaturen oder die vorgerückte Tageszeit. «Auch in diesem Fall wird - wegen Persönlichkeitsschutz - die Öffentlichkeit nicht automatisch über den Namen des Vermissten informiert, sagt Mosimann. «Eine Namensnennung muss Sinn machen. Wir beschränken uns meist auf die Bekanntgabe von Signalementen. In jedem Fall einer medialen Veröffentlichung holen wir uns das ausdrückliche Einverständnis der nächsten Angehörigen ein.»
Im Jahr 2007 wurden von der Kantonspolizei Bern 193 vermisste Personen registriert; 18 davon werden immer noch gesucht. Im Jahr 2008 wurden 166 Personen als vermisst gemeldet. Davon konnten 7 Personen noch nicht aufgefunden werden. Im Kanton Solothurn werden die vermissten Personen nicht statistisch festgehalten. Zurzeit gelten zwei Fälle als ungelöst, darunter der von André Beat Flüeli. (abs)

Kurz vor Maya Flüelis 17. Geburtstag Anfang April 2008 haben sich Vater und Tochter zum letzten Mal gesehen. «Er hatte angedeutet, dass er nicht mehr mag. Irgendwie wusste ich, dass er es ernst meinte», sagt die junge Frau nachdenklich.

Am Sonntagmorgen des 27. April 2008, war André Beat Flüeli letztmals in seinem Wohnhaus in Günsberg. Im Verlauf des Morgens machte er sich zu Fuss auf den Weg zum Balmberg. «Unterwegs wurde er noch gesehen, wie er Richtung Weissenstein marschierte», weiss seine Tochter Maya. «In einem Restaurant auf dem Weissenstein hatte er vermutlich noch etwas gegessen. Von da an wird er vermisst.» Zurück bleiben seine beiden Töchter, Maya und Deborah, sowie seine Frau, Freunde und Verwandte.

Am 2. Mai 2008 publizierte die Kantonspolizei Solothurn eine Vermisstmeldung von André Flüeli. «Der 56-jährige Gesuchte leidet an der Alzheimerkrankheit», stand in der Polizeimeldung. «In den letzten Monaten, bevor er verschwand, zog er sich immer mehr zurück», sagt Maya Flüeli. Als «liebenswerten, ruhigen und fröhlichen Vater beschreibt ihn seine jüngere Tochter. Er spielte auch Theater, war im Turnverein aktiv und oft mit seinem Motorrad und Kollegen in der Schweiz unterwegs. «Es war das Schönste, wenn ich auf seinem Töff mitfahren durfte», erinnert sie sich an gemeinsame Vater-Tochter-Zeiten. «Später kam jedoch immer mehr seine melancholische Seite zum Vorschein. Bedingt durch eine Krankheit, die mit der Zeit immer schlimmer wurde», sagt Maya traurig.

«Ich glaube nicht, dass er untergetaucht ist, sondern dass er tatsächlich nicht mehr lebt.» Diese Worte der 18-Jährigen sind klar und bestimmt: «Ich kenne ihn zu gut und kann seine Entscheidung sogar verstehen. Ich hätte in seiner Situation unter Umständen gleich gehandelt.» André Flüeli kam mit seiner Krankheit immer schlechter zurecht. «Die Krankheit begann bereits, als ich zwölf Jahre alt war und wurde immer schlimmer. Mein Vater konnte in den letzten Monaten, als er noch hier war, die einfachsten Sachen nicht mehr zuordnen. Diese Veränderungen machten ihm sehr zu schaffen.» Seine Arbeitsstelle im Zeughaus Solothurn musste er deswegen sogar aufgeben. Zudem lebte er seit einigen Jahren in Trennung von Mayas Mutter. «Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Mit seiner Krankheit klarzukommen, war aber schwierig für die ganze Familie», beschreibt Maya Flüeli die letzten Jahre mit ihrem Vater.

Als «extrem» bezeichnet Maya die Monate nach seinem Verschwinden. Zum Zeitpunkt, als ihr Vater verschwand, befindet sich die junge Frau mitten im zweiten Lehrjahr als Kauffrau in einer Firma in Grenchen. «Man fühlt sich wie eine halbe Portion, wenn ein Elternteil plötzlich fehlt», sagt Maya Flüeli. Auch im Dorf wurde gesprochen und nachgefragt: «Es war schlimm, weil wir selber keine Informationen hatten wo er sein könnte und deshalb auch keine Auskunft geben konnten.» Um das Geschehene zu verarbeiten, zog sich Maya selber acht Wochen aus der Öffentlichkeit zurück: «Ich musste eine Auszeit nehmen. Zum Glück hatte ich viele gute Menschen um mich, Freunde standen mir in dieser schwierigen Zeit bei, und mein Lehrgeschäft gab mir die nötige Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.»

Anderthalb Wochen lang wurde im Gebiet Weissenstein-Balmberg intensiv nach dem Vermissten gesucht. «Mit Helikopter, Hunden und Suchgeräten wurde das riesige Gebiet abgesucht. Sogar der SAC beteiligte sich daran. Dann teilte die Polizei uns mit, dass sie die Nachforschungen einstellen», erinnert sich Flüeli. «Das verstand ich irgendwie, aber es war hart, dies zu akzeptieren.» Freunde suchten alleine weiter, und die ganze Familie hoffte auf den Herbst 2008: «Ich stellte mir vor, dass vielleicht ein Jäger oder Pilzsammler ihn findet. Leider bestätigte sich diese Hoffnung nicht», so die Tochter.

André Flüeli Bis zum heutigen Tag wird er noch immer vermisst.

André Flüeli Bis zum heutigen Tag wird er noch immer vermisst.

Schweiz am Sonntag

Gesprächstherapien helfen der 18-Jährigen, die Situation zu verarbeiten: «Ich bin eine Kämpfernatur und gebe nicht auf», sagt die Tochter stolz. Warum das ausgerechnet ihrer Familie passieren musste, frage sie sich nie: «Es gibt Menschen, die haben schlimmere Schicksale zu tragen.»

Die Kraft holt sie sich in der Natur, wo auch ihr Vater sich oft aufgehalten hat. Im Sommer wird Maya Flüeli die Lehrabschlussprüfungen absolvieren: «Mit Lernen und Arbeiten beschäftigt zu sein, das gibt mir ebenfalls Halt und Energie. Mein Leben muss trotzdem weitergehen.»