Palmyra

Das Reich von Königin Zenobia unter der Knute der IS-Schergen

Schönheit in Stein gemeisselt. Festgehalten von «Nordwestschweiz»-Fotograf Oliver Menge. 2004 bereiste er Palmyra. Jetzt wütet der IS in der Region, schlachtet Menschen ab. Auch das Weltkulturerbe ist bedroht. Ein Reisebericht.

2004 hatten ich und meine Partnerin die Gelegenheit, einen Freund zu besuchen, der mit seiner Familie in Damaskus lebte. Ein Schweizer, der für die Schweiz als Beobachter im „Niemandsland“, der entmilitarisierten Zone zwischen Syrien und Israel, tätig war.

Zusammen mit ihm, seiner Frau, seinem Bruder, einem Theologen und dessen Frau machten wir eine zweiwöchige Reise durch Syrien. Wir waren unterwegs in einem Kleinbus. Unser Fahrer und Reiseleiter Josef, ein syrischer Christ in den Fünfzigern, war ein äusserst liebenswerter und lustiger Mensch – ich habe mich in den letzten Monaten oft gefragt, ob er und seine Familie überhaupt noch am Leben sind, waren christliche Dörfer rund um Damaskus doch die ersten Ziele der radikalen Sunniten des IS.

Quell des Lebens inmitten der Wüste

Tadmur war die erste Station unserer Reise, eine Oasenstadt mitten in der Wüste, besser bekannt unter ihrem römischen Namen Palmyra. Ich kann mich gut erinnern, dass Josef mir ab und zu auf dem Weg dorthin vom Fotografieren abriet, wenn wir am Strassenrand mitten im Nirgendwo eine Pause machten. Denn wir wurden beschattet: Uns folgten stets zwei dunkle Wagen mit je vier Mann, die jeden unserer Schritte beobachteten.

Schätze der Welt - Palmyra, Königin der Wüste (Syrien)

Schätze der Welt - Palmyra, Königin der Wüste (Syrien)

Nicht wegen uns, aber unser Freund hatte vorgängig eine genaue Aufzeichnung unserer Reiseroute abgeben müssen, schliesslich war er kein gewöhnlicher Tourist. Also wurde uns ein besonderer „Schutz“ zuteil – nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn wir uns nicht an die vorgegebene Reiseroute gehalten hätten. Und links und rechts der Strasse auf dem Weg nach Palmyra lagen militärische Anlagen in der Wüste. Deshalb: „No Photo!“

In Palmyra angekommen machte Josef Halt bei einer Werkstatt. Sein Bus brauchte neue Bremsen. Nicht etwa, dass er die Reparatur dort ausführen liess, er besorgte sich nur ein paar noch funktionstüchtige und gute erhaltene Bremsklötze, die er später selber einbaute. So machte das jeder, die Syrer wussten sich zu helfen.

Die „neue“ Stadt Tadmur lag in einer Senke rund um eine Oase, es gab Palmenwälder, soweit das Auge reichte. In der Stadt herrschte geschäftiges Treiben, es gab Souks, arabische Märkte, kleine Geschäfte, Bäckereien, Coiffeursalons – einfach alles, was eine Kleinstadt im Nahen Osten so ausmacht. Wir sahen auch oft grosse und vollbeladene Taxis, die von Bagdad in Richtung Damaskus unterwegs waren, der Golfkrieg war seit etwas mehr als einem Jahr vorbei, der Irak von den Amerikanern besetzt. Viele Irakis flüchteten über die Grenze, um von Syrien aus weiterzureisen.

Etwas ausserhalb der Stadt lagen die Ruinen der antiken Stadt Palmyra, die schon damals zum Weltkulturerbe der Unesco gehörten. Ein Trümmerfeld mit einigen gut erhaltenen Tempelgebäuden und zum Teil restaurierten Säulenstrassen, einem römischen Theater.

Nördlich davon ragten riesige Türme aus Stein in den Himmel, unsere erste Station. Dies seien Nekropole, Grabtürme reicher Familien aus dem 1 Jahrhundert vor Christus bis etwa 300 nach Christus, erklärte uns der Theologe, der sich als profunder Kenner der Geschichte erwies. Auf über fünf Stockwerken wurden hier die Toten bestattet, in der heissen Luft getrocknet und mumifiziert.

Archäologen hätten hier wichtige Hinweise und wertvolle Textilien gefunden. Ein eigenartiges Gefühl war es schon, zwischen diesen eindrucksvollen, einfachen Bauten auf die Stadt hinunterzublicken. Vor uns erstreckte sich die etwa ein Kilometer lange Prachtsstrasse mit dem Baaltempel am Ende, hinter uns lag die arabische Zitadelle Qalʿat Ibn Maʿn.

Königin Zenobia

Palmyra lag auf einer wichtigen Handelsroute an der Grenze des römischen Reiches und dem Zweistromland. Die Stadt war reich und erlangte Berühmtheit im 2 Jahrhundert nach Christus, als Königin Zenobia herrschte, welche die römischen Besatzer vertrieb, die persischen Truppen schlug, Palmyra zu einem der wichtigsten Machtzentren des Vorderen Orients machte und ihr Reich bis nach Aegypten ausweitete.

Zwar kamen die Römer später zurück und zerstörten einen grossen Teil der Stadt. Aber dennoch hatte sich hier eine Kultur entwickelt, die römische, griechische und persische Einflüsse verband, gut sichtbar bei vielen der restaurierten und wieder aufgestellten Säulen und Tempel.

Wir logierten im Hotel Zenobia, einem kleinen Hotel ganz im altenglischen Stil direkt am Rand der antiken Stadt Palmyra. Dieses Hotel hatte schon Agatha Christie – sie schrieb angeblich hier Teile ihres letzten Romans - und Lawrence von Arabien beherbergt. Dass der Islam inzwischen hier angekommen war und sich auch unter Assad behauptete, merkten wir spätestens beim einchecken. Frauen hatten gefälligst in die zweite Reihe zurüchzustehen, die Männer mussten die Formulare ausfüllen.

Kulturerbe in Gefahr?

Der Tag neigte sich dem Ende zu und ich werde nie vergessen, wie meine Partnerin und ich durch die Ruinen schlenderten. Wir waren völlig alleine, inmitten dieser historisch bedeutungsvollen Bauwerken, genossen einen äusserst romantischen Sonnenuntergang und liessen die Seele baumeln. Es war einfach wunderbar.

Dass der IS seit Monaten wahllos Männer, Frauen und Kinder umbringt und dabei auch noch das kulturelle Erbe einer ganzen Region zerstört, ist für mich unfassbar und unbegreiflich, verabscheuungswürdig und schrecklich. Ich bin froh, konnte ich einen Teil dieses Erbes selber sehen und erleben und habe ich freundliche, liebenswerte und interessante Menschen in diesem Land kennengelernt, das jetzt durch religiöse Fanatiker zu Grunde gerichtet wird. 

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