Das Kriegspielen spaltet selbst Armeefans

Am «Convoy to Remember» spielen Erwachsene Krieg. Ehemalige Teilnehmer wenden sich ab. Es habe «zu viele Möchtegern-Rambos».

Das Kriegspielen spaltet selbst Armeefans

Am «Convoy to Remember» spielen Erwachsene Krieg. Ehemalige Teilnehmer wenden sich ab. Es habe «zu viele Möchtegern-Rambos».

600 Militärfahrzeuge, Luftkämpfe, Fallschirmspringer: Das verspricht der «Convoy to Remember» am Wochenende in Birmenstorf AG. Es gehe um Respekt, sagen die Veranstalter. Militärfans jedoch, die bisher mitmachten, wenden sich ab: «Zu viele Möchtegern-Rambos.»

Max Dohner

Es geschah am letzten «Convoy to Remember»: Auf der einen
Seite stand ein Schweizer mit «Kampfhund», auf der anderen Seite ein «deutscher Soldat» in einschlägiger Uniform. Beide Männer waren irgendwo Kameraden, von gleicher Gesinnung, beides Fans von Militaria, alten Fahrzeugen, Uniformen. Beide Seiten schildern, was dann zum Eklat führte, ähnlich – und ziehen ganz andere Schlüsse.

Beginnen wir mit Rolf Bolliger, dem Schweizer aus Riken. Er besitzt einen historischen Willy-Jeep, meldete sich an und freute sich auf den «Convoy to Remember», Auflage 2007. Nach der Eröffnung, sagt er, «schlenderten meine Frau und ich durchs Ausstellungsgelände». Begleitet war Bolliger auch von seinem Hund. Sie kamen zu so genannten
Reenactors. Das sind Leute, die historische Szenen nachspielen, vorzugsweise Schlachten, eine in den USA geborene Idee, heute in vielen Ländern ein Trend.

«Kaum hatte ich dieses Areal betreten», erzählt Bolliger, «trat ein ‹deutscher Soldat› auf mich zu und forderte mich gehässig auf, jenes Gelände sofort zu verlassen.» Bolliger antwortete, er habe nicht im Sinn, sich «von einem Ausländer auf Schweizer Boden vertreiben zu lassen».

«Bereicherung im Programm»

Es kam zum Austausch gewisser Unhöflichkeiten. Bolliger erzählt: «Da auch mein im Schutzdienst ausgebildeter Rottweiler aufgrund der geladenen Stimmung bereits einen erhöhten Puls aufwies und ich eine weitere Eskalation vermeiden wollte, verliess ich den unwirtlichen Platz.» Am Imbiss übergab Bolliger dem OK-Präsidenten des Anlasses seine Eintritte «samt Tombola-Gutscheinen und Erinnerungsplakette».

Seither reden die beiden nicht mehr miteinander. Bolliger sagt, er werde nie wieder einen «Convoy» besuchen: «Mit solcher ‹Gesellschaft› fühle ich mich fehl am Platz.» Bolliger hält vor allem die neuen Reenactors für eine «Gruppe von verhinderten Rambos», die einen Schatten auf den «an sich schönen
guten Anlass» werfen: «Es kann nicht Sinn und Zweck sein, dass einige bedauernswerte Dummköpfe den Anschein erwecken, den Krieg zu verherrlichen.»

Also fragen wir den OK-Präsidenten des «Convoys», Adrian Gerwer: Spielen immer mehr Möchtegern-Rambos bei ihm Krieg? «Im Gegenteil», antwortet Gerwer, Berufsunteroffizier der Armee, «die Reenactors bereichern unser Programm ungemein.» Etwa ein amerikanisches Verpflegungscamp, eine Sanitätshilfsstelle der Nato aus den 90er-Jahren. Oder ein HQ-Detachement aus der Schweiz, bei dem viele Frauen teilnehmen, das zeigt, wie man während der Anbauschlacht lebte.

Wirklich nur Plastikwaffen?

«Ich bin ein Kämpfer», sagt Gerwer, «dass dieser Anlass eben nicht in die Richtung von Möchtegern-Rambos abirrt.» Im Vordergrund stehe der Respekt vor der Geschichte, vor allem der Respekt für die Befreiung Europas durch die Alliierten.

Wie hatte denn Gerwer den Streit erlebt vor drei Jahren? «Ein Einzelner war mit einem Kampfhund querbeet durchs Gelände gelaufen», sagt er, «während sich alle anderen 20000 Besucherinnen und Besucher an die Hinweisschilder hielten. Da wollte es der Zufall, dass der Mann von einem Deutschen gestoppt wurde.» Dessen Nervosität, die Nervosität aller Reenactors verstehe er, sagt Gerwer: «Das sind Leute, die in jeder mitgebrachten Schraube, in jedem Uniformteil auf den absoluten Originalzustand beharren.» Und um die vielen Souvenirjäger genau solcher Teile wüssten. «Darum müssen wir Ordnung haben im Camp.»

Rolf Bolliger rühmt die ausgezeichnete Organisation des «Convoys» durch Adrian Gerwer ausdrücklich. Reden aber können die beiden nicht mehr miteinander. Mails bleiben unbeantwortet. Eine letzte Chance, sich auszusprechen, wurde vertan, als sich die beiden Militärfans am Veteranenfahrzeugtreffen in Schwarzhäusern begegneten bzw. eben nicht. Nach Meinung Bolligers wird am «Convoy» mittlerweile zu sehr mit Waffen geklirrt.

Hängt Bolliger einer Reinheitslehre an, die de facto nicht durchzuhalten ist? Nach dieser Lehre wäre ein Defilee von Fahrzeuge gut. Etwas Kavallerie liegt auch noch im Toleranzbereich. Sobald jedoch die Szenen mit «Living History» bespielt werden, was inzwischen jedes Provinzmuseum auch versucht, verkomme der Anlass zur Show.

Bolliger kritisiert: «Wenn ich mich nicht täusche, ist in der Schweiz das unerlaubte Waffentragen auf öffentlichem Grund grundsätzlich strafbar.» Gerwer lächelt: «Genau das sind auch unsere Camp-Vorschriften. Die allermeisten Waffen sind Replika, schlicht aus Plastik. Sonst kämen unsere internationalen Gäste ja gar nicht über die Grenze.» Das einzige Mal, da geschossen werde am «Convoy to Remember», sei am Eröffnungs-Abend: fünfmal Salut.

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