Kondom

Das Kinderkondom ruft die Moralapostel auf den Plan

XXS-Kondom für Jugendliche

XXS-Kondom für Jugendliche

Jedem vierten Jugendlichen ist das Normal-Kondom zu gross. Deshalb gibt es jetzt ein Verhüterli speziell für junge Benutzer. Das missfällt insbesondere der CVP und SVP. Ulrich Giezendanner spricht gar von einer Verluderung der Moral. Sozialarbeiter dagegen stellen den Schutzgedanken in der Vordergrund.

Claudia Landolt

«Nur wenn die Grösse stimmt, sind die Jugendlichen geschützt», sagen sämtliche Erziehungsberater und sagt auch die Aidshilfe Schweiz. Die Studie der Kinder- und Jugendkommission EKKJ, die zeigt, dass die sexuell aktiven 12- bis 14jährige kaum aufgeklärt sind und nicht verhüten. Und sollten sie es wollen, verfügen sie über kein Kondom, das passt.

Die Aidshilfe will nun unter anderem deshalb dieser Tage zusammen mit einem Standardkondom und einem Päckchen Gleitmittel den neuen Mini-Gummi in den Schulen verteilen. «Spass nach Mass» heisst das Präventionsprojekt.

Laut «20 Minuten» hält sich der Spass für CVP-Nationalrätin Brigitte Häberli allerdings in Grenzen: «Indem Kinderkondome an den Schulen verteilt werden, wächst unter den Schülern der Druck, früh Sex zu haben - obwohl sie doch noch lieber mit dem Velo herumfahren würden.» Auch der SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er hält das Projekt für eine «Verluderung der Moral».

Was sagt die Statistik?

Unterschätzt er dabei nicht vielleicht die Jugendlichen? Denn das Alter zum ersten Geschlechtsverkehr ist seit 30 Jahren konstant, wie ein Blick auf die repräsentative Studie der Eidgenössischen Kommission für Kinder und Jugend (EKKJ) aus dem Jahr 2009, zeigt. Nancy Bodmer, EKKJ-Mitglied, schreibt darin: «Die Medien fokussieren hauptsächlich auf deviante (von der Norm abweichende, Anm. d. Red.) Verhaltensweisen und erwecken somit den Eindruck, dass sexuelle Gewalt den Alltag Jugendlicher zunehmend bestimmt. Relevante Studien in der Schweiz und in Deutschland wiesen dagegen darauf hin, dass Jugendliche im Allgemeinen ein verantwortungsbewusstes Sexualverhalten zeigen - in dem Sinne, dass viele erst mit 17 Jahren sexuell aktiv werden und die grosse Mehrheit unter ihnen Verhütungsmittel verwendet.» Die sehr lesenswerte Studie kommt unter anderem zum Schluss, dass sich «weniger das Sexualverhalten seit den 1980er Jahren wenig gewandelt hat und dass wahrscheinlich eher die Mediatisierung und die Banalisierung der Sexualität die Entwicklung der letzten Jahre ausmachen.»

Falsche Moral?

Also: Nicht alle Jugendlichen haben also mit 12 Jahren bereits Sex, nicht alle Jugendlichen praktizieren harten Sex, und nicht alle Jugendlichen prügeln oder trinken sich ins Koma. Aber dennoch sind einige überraschend unaufgeklärt. Raffaele Castellani, Sozialarbeiter FH aus Aarau, kennt dies aus seiner Arbeit mit Jugendlichen. Er sagt. «Sehr viele Jugendliche haben ein grosses Wissen über Sexualität, und nicht wenige prahlen auch damit. Beim näheren Hinsehen entdeckt man, dass es mit der persönlichen Erfahrungen aber gar nicht so weit her ist.»

Castellani begrüsst die Einführung eines kleineren Kondoms. «Das wichtigste schein mir, das Thema Kondom bei den Jugendlichen grundsätzlich offen und tabulos zu thematisieren, um weiterhin eine nachhaltige HIV-Prävention gewährleisten zu können. Das "Jugendkondom" kann hier einen Beitrag leisten», erklärt der Sozialarbeietr. «Diese Markteinführung auf eine moralische Eben zu transportieren, finde ich wenig begrüssenswert, schliesslich steht der Schutz vor Geschlechtskrankheiten oder einer unerwünschten Schwangerschaft im Zentrum.»

Wie sagt es doch Pierre Maudet, Präsident der EKKJ: «Nicht zuletzt liegt es doch in der Verantwortung der Erwachsenen, Kinder und Jugendliche zu einer respektvollen, lustvollen und liebevollen Sexualität zu begleiten.»

Eine vorschnelle Interpretation?

Wie a-z.ch erfuhr, war das «Hot shot»-Kondom gar nicht speziell für Kinder und Jugendliche geplant. Sondern ganz einfach für Männer, deren bestes Stück nicht in eine Standardkondom passt. eine Informatin zu a-z.ch meinte, es sei vor allem «20 minuten», die das Verhütungsmittel dann explizit als «Kinderkondom» interpretiert hätten.

Link zur Studie: http://www.ekkj.admin.ch/c_data/d_09_Jugendsexualitaet.pdf

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1