Indonesien

«Das ist keine Übung mehr, das ist ernst»

Über 100 Personen umfasste die Rettungskette Schweiz, welche vor 10 Tagen nach Indonesien flog, um bei der Suche nach Überlebenden zu helfen. Leider konnten die Helfer nur noch Tote bergen. Hundeführer Ivo Cathomen war mit seiner Malinois-Hündin Uma erstmals in einem Katastropheneinsatz dabei und berichtet von seinen Eindrücken in der erdbebengeschädigten Stadt Padang.

Hanny Dorer

Wie haben Sie die erste Nacht nach der Rückkehr geschlafen?
Ivo Cathomen: Sehr gut - zum ersten Mal wieder in einem richtigen Bett statt irgendwo im Freien auf einer Matte oder auf einer Strasse. Aber die Anpassung an zu Hause war fast schwieriger als in Padang. Dort kamen wir bald nach dem Aufbau des Camps zum Einsatz und hatten gar nicht gross Zeit, uns Gedanken zu machen.

Welches waren Ihre ersten Eindrücke?
Cathomen: Ich war erstaunt, wie die Bevölkerung die Situation hinnimmt. Wir waren zusammen mit den Japanern als Erste in Padang. Da kamen ganze Familien auf dem Motorrad zum Camp und schauten uns stundenlang zu. Es war keine Verzweiflung zu spüren: trotz Zusammenbruch der Infrastruktur - Wasser- und Stromversorgung funktionieren nicht, für Benzin herrscht ein grosser Engpass - versuchen die Leute, das Beste aus der Situation zu machen.

Welches war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?
Cathomen: Es sind eigentlich vier Dinge, die mich besonders beeindruckt haben. Wir kamen noch in der ersten Nacht in einem Hotel zum Einsatz, das ich bereits in den Medien in der Schweiz gesehen hatte. Wenn man, umgeben von Hunderten von Schaulustigen, mit Taschenlampen an die Arbeit geht, wird einem mit Schauer klar: Das ist keine Übung mehr, das ist der Ernstfall, und hier liegt eine Person begraben. Das Zweite ist die Hilfsbereitschaft der Leute, die uns während unseres 16-stündigen Einsatzes Wasser und Teppiche brachten. Beeindruckt hat mich auch das Engagement innerhalb der Rettungskette. Es ist unglaublich, mit welchem Elan die Retter aus der Armee zur Sache gingen und auf unserem Schadenplatz 12 Stunden lang pausenlos im Einsatz waren. Und ebenfalls beeindruckend war es, nach der Rückkehr in die Schweiz festzustellen, dass hier alles unerschütterlich seinen Gang geht.

Wie verarbeiten Sie persönlich die Erlebnisse im Katastrophengebiet?
Cathomen: Zu schaffen gemacht hat uns in unserer Equipe, dass es klare Zeugenaussagen über mindestens eine verschüttete Person gab und unsere Hunde dies auch orten konnten. Dann wurden die Anzeigen der Hunde im Verlauf der Arbeit immer diffuser. Als wir nach 16 Stunden von der zweiten Rettungsgruppe abgelöst wurden, konnten deren Hunde bereits keine Witterung mehr aufnehmen. Die Person muss inzwischen verstorben sein, weil wir einfach keine Möglichkeit hatten, bis zu ihr vorzudringen. Das beschäftigte uns alle sehr.

Wie sieht es mit der Sicherheit der Rettungskräfte aus?
Cathomen: Sicherheit hat oberste Priorität; wir sind keine Helden. Der Schadenplatzberater unserer Equipe entscheidet, ob wir an einem Ort arbeiten können oder nicht. So hatten wir, abgesehen von einigen Schrammen und Schnitten, auch keine Verletzten zu beklagen. Die grösste Sorge galt eventuellen Nachbeben und einem möglichen Tsunami.

Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen etwas passiert?
Cathomen: Man ist jeweils sehr konzentriert auf seine Aufgabe, den Hund zu beobachten. Wir hatten auch volles Vertrauen in unseren Equipenleiter, den Schadenplatzberater sowie die Ingenieure, die die Situation immer wieder neu beurteilten. Zudem bietet unsere Bekleidung einen gewissen Schutz, ganz im Gegensatz zu den Zivilschützern vor Ort mit ihren Flipflops, T-Shirts und kurzen Hosen.

Wie muss man sich den Ablauf einer Suchaktion vorstellen?
Cathomen: Die UNO koordiniert vor Ort die Einsätze der zugelassenen Rettungseinheiten und weist den Ländern Sektoren zu. Die UNO erhält ihrerseits Meldung der Behörden, wo Einsätze nötig sind. Das Problem war, dass die UNO-Infrastruktur noch gar nicht stand, als wir ankamen. Trotz der Distanz waren wir verhältnismässig schnell in Padang; die Briten zum Beispiel trafen erst eineinhalb Tage später ein.

Wie stand es mit der Verpflegung und der Unterkunft?
Cathomen: Wir hatten unser Camp vor einem Fussballstadion aufgebaut. Verpflegt wurden wir durch die eigene Küchenmannschaft, das Essen wurde aus der Schweiz mitgebracht. So gabs halt häufig typische Militärverpflegung, nach einiger Zeit aber auch Früchte von lokalen Händlern. Viel wichtiger aber war das Wasser: Innert fünf Tagen haben wir meines Wissens zwei Tonnen Wasser verbraucht. Bei rund 30 Grad Hitze im Tagesverlauf braucht man während der Arbeit schon mal 10 Liter Wasser pro Tag, und auch die Hunde müssen immer wieder zum Trinken gebracht und mit Wasser gekühlt werden.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, sich als Hundeführer zur Verfügung zu stellen?
Cathomen: Ich bin über das Sporthundewesen hineingerutscht. An einem Lawinenkurs bei einer Österreichischen Rettungshundestaffel erzählten die Teilnehmer von Einsätzen und Ausbildung. Und wenig später forderte mich eine Kollegin auf, doch einmal bei der Redog-Ausbildung hereinzuschauen. Seither bin ich dabei, habe unzählige Ausbildungstage und Kurse absolviert und bin inzwischen im Zentralvorstand von Redog zuständig für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, Präsident der Regionalgruppe Basel und dort auch Ausbildungsverantwortlicher für Katstrophenhundeteams.

Wie werden die Suchhunde auf ihre Aufgabe vorbereitet?
Cathomen: Im Grunde ist es für den Hund ein Spiel. Viele Hunde spielen und fressen gern und wir versuchen, dies als Motivation für unser Ziel einzusetzen. Meine Uma etwa ist sehr verfressen. Das nutze ich und schlage ihr ein Geschäft vor: Du zeigst mir menschliche Witterung, ich gebe dir ein Leckerli. Ich führe mit ihr häufig Suchspiele durch, die sie mit menschlicher Witterung verknüpft. Schritt um Schritt wird die Schwierigkeit erhöht, die Person besser versteckt, das Gelände schwieriger zu begehen.

Spüren die Tiere, ob es nur eine Übung ist oder ob es ernst gilt?
Cathomen: Ja, weil sich die Anspannung und die Nervosität des Hundeführers auf den Hund überträgt. Der Hund spürt, dass es anders ist als sonst. In Padang haben alle Hunde äusserst motiviert gearbeitet.

Welche Hunderassen eignen sich als Suchhunde?
Cathomen: Grundsätzlich können nicht nur reinrassige Hunden, sondern auch Mischlinge als Suchhunde eingesetzt werden, sie müssen einfach eine gewisse Mindest- oder Maximalgrösse und eine ausgesprochene Motivation haben - im Jargon sagt man «Trieb». Die Ausbildung dauert 3 bis 4 Jahre und sollte so früh als möglich begonnen werden. Sie erfordert sehr viel Zeit und Aufwand. Es ist darum mehr als ein Hobby.

Wie können Sie die Einsätze mit Ihrem Beruf vereinbaren?
Cathomen: Das geht nur, wenn man grosszügige Kunden und Arbeitgeber hat. Ich habe zum Glück sehr verständnisvolle Kunden.

Wie stellt sich Ihre Frau zu Ihren nicht ganz ungefährlichen Einsätzen?
Cathomen: Die Anspannung ist für die Zurückgebliebenen grösser als für uns im Einsatz. Ich hatte aber regelmässig Kontakt mit meiner Frau per Telefon. Erstaunlicherweise funktionierte das Mobilfunknetz einwandfrei. Viele Bewohner kamen zu uns, um ihre Handys an unseren Generatoren aufzuladen und standen dafür sogar Schlange.

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