Elterntaxis

«Das ist eine absolute Ausnahme. Wirklich!»

Eltern bringen ihre Kinder in die Schule

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Eltern bringen ihre Kinder in die Schule

Mami-Papi-Taxis fahren im Minutentakt vor der Schule Klingnau vor. Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass sie ihren Kindern damit keinen Gefallen tun.

Hanna Widmer und Angelo Zambelli

Mittwoch, 7.25 Uhr: Noch ist es ruhig vor dem Klingnauer Propstei-Schulhaus. Plötzlich biegt ein Auto in die Brühlstrasse ein, umkurvt den als verkehrsberuhigende Massnahme gedachten Blumenkübel und stoppt. Aus dem Offroader springt ein Jugendlicher, schlägt die Türe zu und verschwindet hastig Richtung Bezirksschulhaus. Der Vater drückt aufs Gas und braust davon.

Szenenwechsel: Vor dem Propstei-Schulhaus sitzt ein Jugendlicher in violetter Hose und hört Musik ab Natel. «Wir wohnen an einer Hanglage. Meistens komme ich mit dem Velo zur Schule, manchmal auch mit dem Kickboard oder zu Fuss», beschreibt er seinen Schulweg. Nie mit dem Eltern-Taxi? «Meine Mutter holt mich ab, wenn es stark regnet - oder so.» Ihm ist es egal, wenn die Mütter und Väter ihren Nachwuchs direkt vor die Schule kutschieren: «Ist ja ihr Geld, das sie ins Benzin stecken.»

Nicht egal ist der permanente Verkehr dem Hauswart der Hiag-Liegenschaften gegenüber der Propstei-Schule: «Es ist eine Katastrophe», schimpft er. «Wenn die Eltern könnten, würden sie die Kinder sogar ins Schulzimmer fahren.» Er hat festgestellt, dass einige wenige bis zu vier Mal am Tag hingebracht und wieder abgeholt werden. «Im grössten Mercedes», wundert er sich.
Die Lehrer findens nicht gut

«Es gibt Schüler, die kein Velo besitzen, weil sie von ihren Eltern überallhin chauffiert werden», sagt ein Oberstufenlehrer, der gerade mit dem Bike aufs Schulareal gefahren ist. «Im Turnen fallen diese Kinder auf, weil sie übergewichtig sind und Mühe mit sportlicher Betätigung haben. Diese Kinder wissen nicht, was sich zwischen ihrem Zuhause und der Schule abspielt. Dabei ist es ein Grundbedürfnis von Kindern, die Umgebung und die Natur zu erleben.» Man müsse die Sache mit den Schülertransporten aber auch relativieren, meint er. «Bei den Oberstufenschülern sind es weniger als 10 Prozent, die von Eltern oder Verwandten regelmässig zur Schule chauffiert werden.»

Auch die Primarlehrerin, die soeben ihrem Auto entsteigt, findet es nicht gut, dass den Kindern die Möglichkeit genommen wird, den Schulweg selbst zu gestalten. «Im Unterricht merkt man sehr gut, welche Kinder in der Lage sind Verantwortung zu übernehmen und welchen von den Eltern alle Entscheide abgenommen werden.»

Blumenkästen sollen bremsen

Vor rund eineinhalb Jahren wurde aufgrund der zunehmenden Probleme eine Tempo-30-Zone signalisiert. Eine Schwelle und Blumenkästen sollen die Autofahrer zwingen, die Geschwindigkeit zu reduzieren. «Die ganz Schlauen fahren nun in einem Kreis um die Tafel herum», hat der Hiag-Hauswart beobachtet. Ein nobler Mercedes fährt vor. Er sei nicht der Vater, beteuert der Fahrer, sondern der Grossvater der beiden Schüler. Mehr wolle er nicht sagen. Wenige Sekunden später nähert sich ein kleiner weisser Wagen. Ein Mädchen klettert heraus. Auf dem Rücksitz sitzt ein Bub im Kindergartenalter. Sie habe heute frei und bringe die Kinder zur Schule, um ihnen eine Freude zu machen, rechtfertigt sich die Mutter.

«Normalerweise laufen sie immer zur Schule.»

Ein grosser blauer Kombi parkiert im Halteverbot. Die Fahrerin steigt aus, läuft um das Auto herum und öffnet die Beifahrertür. Zuerst erscheinen tauchen zwei weisse Krücken auf, dann erscheint ein Mädchen: «Sie hat sich das Wadenbein angerissen», sagt die Mutter. Bis die Verletzung ausgeheilt sei, bringe sie ihre Tochter jeden Morgen zur Schule und hole sie wieder ab, «obwohl ich eigentlich strikt gegen Eltern-Taxis bin.»

Abholdienst inbegriffen

«Ich bringe meine Tochter nur am Mittwochmorgen mit dem Auto zur Schule, weil diese am Arbeitsweg liegt», beteuert eine Mutter, die gerade ihr Kind aussteigen lässt. «Das ist eine absolute Ausnahme. Wirklich! An den anderen Tagen muss sie laufen. Das ist gut für die Gesundheit. Ich schaue darauf, dass sie viel Sport treibt.» Die Mutter ist in Baden als Lehrerin für Erwachsenenbildung tätig und zeigt Verständnis für Eltern, die am Hang wohnen, berufstätig sind und ihre Kinder deswegen in die Schule fahren.

8.15 Uhr: Der Unterricht hat wohl schon begonnen. Ein Kleinwagen rollt heran. «Ich bringe meinen 14-jährigen Neffen fast jeden Tag im Auto zur Schule», sagt der Mann hinter dem Steuer und braust davon. Plötzlich wird es ruhig vor dem Klingnauer Propstei-Schulhaus - bis kurz vor Zwölf, wenn um das Wohl ihrer Sprösslinge besorgte Eltern den Nachwuchs zum Mittagessen abholen. Dann beginnt der Zirkus erneut.

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