Schönheitswahn
Das Geschäft mit dem Schönheitswahn

Wer Präparate zum Abnehmen oder Muskelaufbau kauft, wirft sein Geld zum Fenster hinaus. Darin sind sich viele Ernährungsexperten einig. Stichproben zeigen, dass immer öfter zu vermeintlichen Wundermitteln gegriffen wird, Ladenregale in der Region sprechen Bände.

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Schlank

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Schweiz am Sonntag

von Patrick Furrer

Es scheint exemplarisch: Manor-Warenhäuser in Langenthal, Biel und Solothurn packten ihre Regale schon im Frühling dieses Jahres mit grossen, blauen Packungen Muskelmittelchen voll. Filialen der Migros Aare hatten plötzlich ganze Regalwände voll mit Vitaminen, Sportnahrung und neuen Abnehmpillen. Dabei berufen sich beide Warenhäuser auf eine ersichtlich gestiegene Nachfrage, der Bedarf an Nahrungsergänzungsmitteln habe stark zugenommen, Tendenz steigend.

Solche Supplemente können zwar für Spitzensportler oder Menschen mit Mangelerscheinungen Sinn machen. Nur ist nicht davon auszugehen, dass heute viel mehr Leute Sport treiben oder krank sind, und das der Grund für die grosse Nachfrage wäre. «Supplementation ist eine Realität, ein Markt, der auch den Normalbürger erreicht hat», erklärt Christoph Cina, Vize-Präsident der Solothurnischen Hausärzte-Vereinigung.

Für den Otto-Normal-Verbraucher würden die Mittelchen wenig Sinn machen. Auf den Punkt bringt es das Schweizer Kompetenzzentrum für Sporternährung: «Die Mehrzahl dieser Produkte basiert nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und ist daher reine Geldverschwendung.» Obwohl viele Produkte vom Bund zugelassen sind, sind sie mehr als umstritten.

«Meistens nehmen die Leute solche Mittel ein, obwohl es völlig unnötig wäre», sagt Ernährungswissenschafter Samuel Mettler vom Bundesamt für Sport. «Nur ganz wenige Stoffe können teilweise unter gewissen Ernährungsbedingungen tatsächlich eine Wirkung zeigen.» Die Händler würden sie aber verkaufen, weil sie damit Geld machen können.

Vorsicht sei trotzdem geboten, am besten soll vor dem Kauf mit einem Arzt oder Ernährungsberater Rücksprache genommen werden. «Wenn ich übergewichtig bin und ohne Verhaltensänderungen abnehmen will, helfen mir solche Wundermittelchen schlicht nicht», bekräftigt Mettler.

Immer zweifelhaftere Produkte kommen auf den Markt. Ein Beispiel: Migros führt neu so genannte CLA-Kapseln. In der Szene verspricht man sich davon eine Reduktion des Körperfettanteils und den Aufbau fettfreier Muskelmasse. Doch die Stiftung Antidoping Schweiz warnt: «Insgesamt stehen den potenziellen Effekten auf das Körpergewicht nicht abschätzbare Risiken gegenüber». CLA (konjugierte Linolsäure) ist ausserdem für Diabetiker, Teenager und Schwangere nicht geeignet.

Migros hat ihr Nahrungsergänzungssortiment trotz allem in letzter Zeit stark erweitert. Manor hat vermehrt Produkte zum Abnehmen in das Sortiment integriert und dieses mit Muskelaufbaupräparaten ergänzt. Damit können diese Produkte von jedem gekauft werden - also beispielsweise von Teenies - weder Beratung noch Kontrolle ist garantiert.

Und was sagen die Händler? Natürlich weisen die Hersteller auf den Packungen auf Dosierung, mögliche Nebenwirkungen hin, und darauf, für wen die Produkte nicht geeignet sind. Die Verantwortung liege letztlich beim Kunden und dem Gesetzgeber, schreibt etwa Manor in einer Stellungnahme. Auch die Migros schiebt den Ball zum Bundesamt für Gesundheit. «Was vom BAG zugelassen und bewilligt wurde, gilt für uns als sicher und wissenschaftlich abgeklärt», erklärt Pressesprecherin Monika Weibel.

Erst auf wiederholte Nachfrage von «Sonntag» räumte schliesslich Elle Steinbrecher von Manor ein: «Eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise sind der Schlüssel zu einer langen Gesundheit jedes Einzelnen. Jeder übermässige oder einseitige Einsatz von Produkten wirkt sich negativ auf den Körper aus.»

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