Lotsen
«Das gehört zu meinem Leben»

Seit 20 Jahren stehen in Niederönz Lotsen an der Aeschistrasse. Sie begleiten Kinder zum Schutz über die Strasse. Für Esther Bösiger und Esther Buchmüller ist das zum Hobby geworden.

Merken
Drucken
Teilen
Lotsen Niederönz

Lotsen Niederönz

Berner Rundschau

Irmgard Bayard

Der Grund, weshalb es in Niederönz einen Lotsendienst gibt, ist tragisch. Am 8. Dezember 1988 verunglückte ein Mädchen beim Fussgängerstreifen. Es hatte Schneeball gespielt, wich aus und wurde von einem Lastwagen erfasst. «Ich weiss noch heute, dass das Mädchen am Unglückstag hellblaue Stiefel getragen hat», erzählt Esther Buchmüller. Obwohl sie an diesem Tag in verschiedenen Gruppen und zu unterschiedlichen Zeiten unterwegs waren, wusste Buchmüllers 7-jährige Tochter sofort: das ist mein Gespänli. «Meine Tochter bat mich lange, nicht mehr das selbe Menü zu kochen, wie an diesem Tag, weil es sie traurig machte.»

Polizei mit Vorbehalt dafür

«Grundsätzlich sind wir über alle Massnahmen zur Verkehrssicherheit froh», sagt Bruno Spichiger, Dienstchef Verkehrssicherheit bei der Kantonspolizei Bern. So werden auch die Lotsendienste, die es noch in knapp 50 Gemeinden des ganzen Kantons gibt, unterstützt. «Wenn allerdings Strassen speziell gefährlich sind, so werden in erster Linie bauliche Massnahmen angestrebt.» Da diese aber meistens nicht kurz- oder mittelfristig umsetzbar seien, «ist der Lotsendienst ein gutes Mittel», betont Spichiger. Hauptsächlich strebt die Polizei aber an, dass die Kleinen lernen, sich im Verkehr richtig zu verhalten. «Die Kinder sollten solange von den Eltern auf dem Schulweg begleitet werden, bis sie sich sicher fühlen», sagt auch Christian Schärer, Verkehrsinstruktor im Oberaargau. Beide geben zu bedenken, dass jeweils in der Regel nur gerade der Übergang zum Schulhaus gesichert sei, an jeder anderen Kreuzung sei kein Lotsendienst zugegen. Und: «Die Gefahr, dass sich die Kinder in falscher Sicherheit wägen, ist dadurch eher gegeben», sagt Bruno
Spichiger. (iba)

Nicht nur für die Schülerin war das damals ein einschneidendes Erlebnis, sondern auch für die Eltern der Kinder. «Die damalige Schulkommission hatte mit Eltern zusammen die Idee des Lotsendienstes und ihn auch ins Leben gerufen. «Im Mai 1989 sind wir probeweise gestartet, bereits nach den Sommerferien wurde der Lotsendienst fix eingerichtet», erzählt Buchmüller, die von Anfang an dabei war und dieses Amt heute als ihr Hobby bezeichnet.

«Weil es Spass macht»

Ähnlich geht es der 55-jährigen Esther Bösiger, die ebenfalls seit 20 Jahren dabei ist, obschon sie seit einigen Jahren in Herzogenbuchsee lebt. «In den ersten Jahren war ich dreimal in der Woche im Einsatz, später noch einmal. Heute ist das der Montag.» Das ist möglich, weil sich genug Eltern für den Lotsendienst zur Verfügung stellen.

Die 51-jährige Esther Buchmüller ist Mutter einer verheirateten Tochter, Esther Bösigers zwei Kinder sind ebenfalls erwachsen. Weshalb sind sie also immer noch als Lotsen im Einsatz? Weil es ihnen Spass mache und es eine gute Sache sei, sagen beide Frauen. «Es gehört einfach zu meinem Leben», sagt Bösiger. «Weil ich einen Unfall, wie den vor 21 Jahren, verhindern möchte», ergänzt Buchmüller, im Wissen, dass es nie eine hundertprozentige Sicherheit geben wird. Sie erzählen auch von lustigen Begebenheiten, wie etwa von einem Jungen, der regelmässig in der Mitte des Fussgängerstreifens beim Lotsen kurz stehenbleibt und «Dankeschön» sagt. Oder von Kindern, die schon von weitem Winken. Probleme gebe es eigentlich keine, sagt Buchmüller. Allerdings findet sie die Scooter, mit denen bereits die Kleinen - der Dienst wird nur für Kindergärteler sowie 1. und 2. Klässler angeboten - unterwegs sind, nicht ohne. Da müsse man schon mal sagen: «Nicht so schnell und absteigen bitte.»

Nicht alle machen mit

Froh über die Mithilfe der beiden Frauen ist auch Doris Boss. Die 41-Jährige ist Mitglied der Schulkommission und als solches verantwortlich für die Lotsenfrauen. Sie steht ebenfalls regelmässig am Fussgängerstreifen. Um überhaupt Lotsendienst versehen zu können, erhalten die eingeschriebenen Frauen und Männer eine von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) organisierte Instruktion. Die Bfu stellt auch die Kellen und die speziellen Sichtwesten zur Verfügung und versichert die Lotsen.

Aktuell sind rund zirka 17 Frauen im Einsatz, eingeschrieben sind auch zwei Väter. «Sie übernehmen den Dienst ihrer Frauen, wenn diese verhindert sind», so Boss. Die Eltern werden jeweils beim Schuleintritt ihres Kindes auf diesen Dienst hingewiesen und gebeten, mitzumachen. Zwingend sei es nicht, sagt die Mutter zweier Kinder, die es etwas bedauert, dass nicht alle Eltern wenigstens ab und zu zum Schutz ihrer Kinder Lotsendienst versehen.

Der Lohn ist ein Dankeschön der Schulgemeinde in Form eines gemeinsamen Essens und eines Blumenstrausses», so Boss. Wie etwa am Donnerstag, wenn Jubiläum gefeiert wird. Etwa 120 Einladungen an ehemalige und jetzige Lotsen zum Apéro seien verschickt worden, verrät Boss.