Les Diablerets VD

Das Geheimnis der Gletscherleichen ist gelüftet: Gerichtsmediziner haben sie formell identifiziert

Marceline Udry-Dumoulin mit einem Foto ihrer Eltern. Sie ist überzeugt, dass es sich beim Leichenfund um sie handelt.

Marceline Udry-Dumoulin mit einem Foto ihrer Eltern. Sie ist überzeugt, dass es sich beim Leichenfund um sie handelt.

75 Jahre lang lagen eine Frau und ein Mann im Eis begraben. Nun gab der Gletscher bei Les Diablerets VD die beiden frei. Und ihre tragische Geschichte. Die Walliser Polizei bestätigt die Version einer 79-jährigen Frau.

Einmal von einer Spalte verschluckt, behalten die Gletscher ihre eiskalten Geheimnisse. Doch wegen der steigenden Temperaturen nicht mehr für immer. Im Kanton Wallis bei Les Diablerets hat der Tsanfleuron-Gletscher zwei Menschen frei gegeben.

Gefunden wurden sie letzte Woche von einem Pistenbully-Fahrer. Die Walliser Kantonspolizei brachte die beiden Leichen ins Institut für Rechtsmedizin in Lausanne. Bereits da war klar: Es waren eine Frau und ein Mann aus der Kriegszeit, die auf dem Gletscher starben. Denn ihre Kleidung mit den genagelten Schuhen war für diese Zeit typisch.

Doch bevor die Resultate der Rechtsmedizin vorliegen, ist sich eine Walliserin sicher, wer da gefunden wurde: ihre Eltern. Zu gut passt der Fund zu dem, was die inzwischen 79-jährige Frau über den Tod ihrer Eltern weiss. Die welsche Zeitung «Le Matin» erzählte am Dienstag ihre bewegende Geschichte.

«Das sind meine Eltern»: Marceline Udry-Dumoulin im Beitrag von «Schweiz aktuell»:

(SRF, 18.7.2017)

Marceline Udry-Dumoulin wurde mit vier Jahren Waise, zusammen mit ihrer Schwester und fünf Brüdern. Ihre Eltern machten sich am 15. August 1942 von ihrem Dorf Chandolin im Wallis auf den Weg zu einer Berner Alp, wo sie ihr Vieh füttern und noch am selben Tag zurückkehren wollten.

Am 15. August 1942 aufgebrochen

Der Vater war Schuster, die Mutter Lehrerin, doch sie hielten wie die meisten Leute damals Vieh. «Es war das erste Mal, dass meine Mutter den Vater begleitete, denn in den Sommern davor war sie immer schwanger gewesen», erzählt Marceline Udry-Dumoulin.

Die Frau ist sichtlich bewegt. «Wir haben immer nach ihnen gesucht», sagt sie, «aber wir haben nicht mehr geglaubt, ihnen eines Tages die letzte Ehre zu erweisen, wie sie das verdient haben. Nach 75 Jahren des Wartens hat mich diese Nachricht sehr erleichtert.» Ihre Eltern kehrten von dieser Wanderung über den Gletscher zur Alp nie zurück.

Im Dorf suchte man bis in den Herbst erfolglos nach ihnen in verschiedenen Gletscherspalten. Die Tochter erinnert sich nur noch daran, wie ihre Tante auf der Treppe des Hauses weinte und das Mädchen in die Arme nahm. Wenig später wurden die sieben Geschwister getrennt und auf verschiedene Familien verteilt. «Ich hatte Glück und konnte bei der Tante bleiben», sagt Marceline Udry-Dumoulin.

Auf diesem Gletscher kamen die Leichen zum Vorschein.

Gedenkmesse auf dem Gletscher

Die Geschwister und sie seien sich durch die Distanz fremd geworden, obwohl alle in der Region wohnten. Bis ein Bruder, ein Priester, 1957 eine Gedenk-Messe auf dem Gletscher organisierte. «Das war ein grosser Moment der Wiedervereinigung für uns», sagt die Tochter. Sie selber stieg dreimal auf den Gletscher, in der Hoffnung, die Eltern zu finden. Doch erst jetzt zeigte sich das Eis gnädig.

Marceline trägt den weiblichen Vornamen ihres Vaters Marcelin und wohnt noch in ihrem Geburtsdorf. Nun kann sie sich endlich richtig von beiden verabschieden. Sie sagt: «Zur Beerdigung werde ich nicht schwarz tragen. Ich denke, weiss wird passender sein. Das steht für die Hoffnung, die ich nie verloren habe.»

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