Das ewige Kreuz mit dem Rütli

718 Jahre Schweiz – das wird morgen Samstag gross gefeiert. Natürlich auch in der Region Emme. Doch wer kennt den Ursprung des 1. Augustes, was ist Mythos, was Wahrheit? Diese Zeitung hat nachgefragt.

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F. Wüthrich / M. Cordeiro

Das grosse Fest steht bevor: Morgen feiert die ganze Schweiz den Geburtstag seines Vaterlandes. Vielerorts werden

1. August-Feuer entfacht, Reden geschwungen, Cervelats gegrillt, Feuerwerke gezündet und die Landeshymne gesummt statt gesungen. Ja, das alles macht eine Bundesfeier erst richtig aus. Viele Gemeinden an der unteren Emme organisieren deshalb für die Bevölkerung auch ein Dorffest. Doch was verbinden Gemeindevertreter in erster Linie mit dem 1. August und was bedeutet dieser Tag eigentlich genau? Diese Zeitung hat mit einem Augenzwinkern nachgefragt.

Ursprung des 1. Augustes

Die Idee, das Jahr 1291 als Gründungsjahr der Eidgenossenschaft und den 1. August als Bundesfeiertag festzulegen, geht auf die Initiative der Berner zurück: 1891 wollten diese das 700-jährige Bestehen der Stadt feiern. Die Verbindung mit einer 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft kam daher sehr gelegen. Dass der Bezugspunkt des Bundesbriefs von 1291 gegenüber dem ursprünglichen - der Rütlischwur von 1307 - bevorzugt wurde, entsprach gemäss der spätbürgerlichen Tendenz, lieber eine rechtlich vollzogene Staatsgründung, als eine revolutionäre Verschwörung als Geburtsstunde der Eidgenossenschaft anzunehmen. Zur jährlichen Einführung der Bundesfeier kam es erst 1899, als der Bundesrat - nicht zuletzt auf Drängen von Auslandschweizerkollonien, die ebenfalls eine Art von «Quatorze Juillet» oder «Kaiser Geburtstag» haben wollten - die Kantone aufforderte, jeweils am Abend des
1. Augustes die Glocken läuten zu lassen. Zu weiteren Bestandteilen wurden ein offenes Feuer, Ansprachen, Lampions und Feuerwerke. Zunächst war der schweizerische Nationalfeiertag ein gewöhnlicher Werktag, bis 1993, als das Volk mit 83,8 Prozent die Volksinitiative, den 1. August als gesamtschweizerischen, arbeitsfreien Tag annahm. Über die Herkunft des Schweizerkreuzes liegen drei Deutungen vor: der ersten zufolge stammt es von der thebäischen Legion, deren Kult im burgundischen Königreich stark verbreitet war; gemäss der zweiten von der, ab dem 12. Jahrhundert nachgewiesenen Reichssturmfahne; nach der dritten von den Leidenswerkzeugen Jesu, die insbesondere in der Innerschweiz verehrt wurden und von den Urschweizer Orten angeblich ab 1289 auf das rote Blutbanner geheftet wurden. (com)
Quelle: Hist. Lexikon der Schweiz

«Ich bin keine grosse patriotin», sagt Monika Reinhard, stellvertretende Gemeindeschreiberin von Alchenstorf und Willadingen. Trotzdem weiss sie: «Wir feiern morgen die Gründung der Eidgenossenschaft.» 718 Jahre alt werde die Schweiz. Für Reinhard gehört das gemütliche Zusammensein, das Grillieren und der Verzehr eines 1. August-Weggens zum Nationalfeiertag. Wie das Kreuz in die Schweizer Flagge gelangt und warum diese rot-weiss ist, kann sie begründen: «Ich gehe davon aus, dass das Kreuz von der Armee kommt. Das rot verkörpert das Blut, das die Eidgenossen bei den Schlachten verloren haben.» Könnte Reinhard wählen, würde sie die Schweizer Fahne in orange ändern.

Kunterbunt wünscht sich hingegen die Hellsauer und Höchstetter Gemeindeschreiberin Ursula Bieri «ihre» Schweizer Flagge. Sie wisse aber nicht, wie das Kreuz in die Fahne gekommen sei und warum diese die Farben rot und weiss trage. Dafür hat Bieri eine Ahnung, wie in den beiden Gemeinden der Nationalfeiertag ablaufe: «Der Gemeinderat organisiert die Festwirtschaft und steht hinter der Theke und dem Grill.» Angelockt werden sollen die Einwohnerinnen und Einwohner mit einer kostenlosen Bratwurst. «Ich freue mich auf ein gemütliches Fest mit der Dorfbevölkerung», sagt sie. Als Kindheitserinnerung an den 1. August sei ihr der Spaziergang zum brennenden Feuer geblieben - und der Bick auf die Jurakette mit all den Feuerwerken.

Zum Ursprung des 1. Augustes sagt Bätterkindens Gemeindepräsidentin Rosmarie Habegger (SVP): «Die Bundesfeier, wie man sie heute kennt, gibt es sicher nicht seit 1291 und ebensowenig ist der 1. August der Urspung der Eidgenossenschaft.» Für sie ist der Nationalfeiertag ein Volksfest, zu dem die Lampions, Musik und die Schweizerfahne gehören.

Ihr pflichtet Thomas Balsiger, Ersigens Gemeindeschreiber, bei. Spontan fallen ihm zudem die 1. Augustweggen ein, sagt er und begründet: «In Ersigen ist der Fackelumzug Tradition, an dessen Ende die Kinder jeweils eines solchen Weggens erhalten.» Er sei oft im Ausland, sagt Balsiger. Wenn er auf seinen Reisen irgendwo dem «Schweizerkreuz» begegnet, «geht mir das jeweils nahe». Das Kreuz als Symbol findet er für die Schweiz passend, allerdings hätten die Berge, das Matterhorn, auf der Fahne irgendwo integriert werden können,sagt er und nennt die Australische Flagge als Beispiel: «Dort ist das ‹Southern Cross› drauf, ein Sternbild, das nur von der südlichen Hemisphäre aus zu sehen ist.» Historisch gesehen gehört für Balsiger auch der Rütlischwur zum 1. August. «Ich stelle mir das so vor: Die drei Vertreter der Urkantone standen auf dem Rütli, diskutierten und reckten für den Spruch schliesslich die Hände in die Höhe - so ähnlich, wie die Bundesräte nach ihrer Wahl jeweils den Eid abgeben.»

Ganz anders sieht derweil der Koppiger Gemeindeschreiber Peter Kindler den Ursprung des 1. Augustes: «Wahrscheinlich haben sie zwischen Ostern und Weihnachten noch nach einem weiteren Feiertag gesucht - etwas im Stile des ‹Quatorze Juillet› eben, wie ihn die Franzosen schon lange kennen.» Seines Wissens nach sei die Eidgenossenschaft jedenfalls nicht am
1. August und ebensowenig auf einer Alp gegründet worden. «Für mich ist der Rütlischwur ein Mythos», sagt Kindler. Er stellt sich die Gründung der Eidgenossenschaft deshalb auch ganz anders vor: «Wahrscheinlich sind die Vertreter der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden in einer Beiz beisammengesessen, klopften einen Jass und assen eine Wurst. Am Schluss haben sie noch den Vertrag unterzeichnet», sagt Kindler und lacht. Wurst und Feuer gehören seiner Meinung nach für einen gelungenen 1. August dazu.

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