Restaurant
Das Ende der «Herrenwirtschaft»

Das Restaurant Eckstein in Unterengstringen war während Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel in der Region. Insbesonders Kegelfreunde und die Direktoren der grossen Schlieremer Firmen genossen die Atmosphäre des Gasthofes.

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Restaurant Eckstein

Restaurant Eckstein

Zur Verfügung gestellt

Sandro Zimmerli

Die Aufwertung der Unterengstringer Dorfstrasse kommt gut voran. Spielt das Wetter mit, kann der Einbau des Deckbelages diesen Frühling durchgeführt werden. Im September folgt dann die Einweihung des neuen Dorfplatzes. Damit ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Aufwertung des gesamten historischen Dorfkerns abgeschlossen.

Ganz anders präsentiert sich die Situation an der Ecke Weininger-/Dorfstrasse, dem Eingangstor zum alsbald aufgewerteten Dorfteil. Dort steht das ehemalige Restaurant Eckstein, eine heute abbruchreife Liegenschaft. Sie ist im Besitz der Immobiliengesellschaft Retica. Gemäss Gemeinderat ist diese daran interessiert, unter Einbezug von zusätzlichen Grundstücken an dieser Stelle eine grössere Überbauung zu realisieren.

«Genauso verlottert wie heute»

Der Abbruch des «Ecksteins» bedeutet nicht nur den Verlust eines markanten Gebäudes für Unterengstringen. Er markiert auch das definitive Ende einer Ära. «Das ‹Eckstein› war einst ein beliebtes Ausflugsziel, das weit über die Grenzen Unterengstringens bekannt war», sagt Bertha Richard. Gemeinsam mit ihrem Mann Oskar leitete die heute 85-Jährige während mehr als 30Jahren die Geschicke des Restaurants.

Übernommen hat Oskar Richard das «Eckstein» 1944. «Es war damals genau so verlottert wie heute», erinnert sich seine Frau. Sie selber sei erst 1949, nach der Hochzeit, in den Familienbetrieb eingestiegen. «Zu Beginn der 50er-Jahre wurde die überdachte Terrasse gebaut, die sicher zur Beliebtheit des Lokals beigetragen hat», sagt Bertha Richard. Ein anderer Kundenmagnet seien die beiden «ersten vollautomatischen Kegelbahnen im Limmattal» gewesen. Im «Eckstein» seien damals sogar Schweizer Meisterschaften im beliebten Volkssport durchgeführt worden.

Nicht nur Kegler, so Bertha Richard, auch Hochzeitsgesellschaften hätten oft den Weg nach Unterengstringen gefunden. «Wir haben den grossen Saal renoviert. Er bot bis zu 140Gästen Platz. Daneben haben wir die beliebte Trottstube und den Speisesalon ‹Chez Oscar› eingerichtet», sagt Bertha Richard. Zu den Spezialitäten aus der Küche von Oskar Richard gehörten die einheimischen Güggeli, Forellen, Chateaubriand und Beefsteak Tartare.

Günstige Verkehrslage

«Neben dem guten Essen und dem vielen Platz kam uns entgegen, dass wir rund ums Haus viele Parkplätze anbieten konnten», erinnert sich Bertha Richard. Vor allem aus dem nahe gelegenen Schlieren seien unzählige Gäste angereist. «Es waren Direktoren der Waggonfabrik, der Färberei und des Gaswerkes», sagt Bertha Richard. Diese Klientel habe dem «Eckstein» den Ruf einer Herrenwirtschaft eingebracht.

Diskretion war oberstes Gebot

Eine Bezeichnung, die Bertha Richard nicht negativ interpretiert. «Unsere Gäste waren immer sehr angenehm. Wir haben sie aber auch gut behandelt. Es galt die Regel, dass die Gäste mit ihrem Titel, also mit Herr Direktor oder Herr Doktor angesprochen wurden.» Auf diesem Umgang mit den Gästen beruhe überhaupt der Erfolg eines gastronomischen Betriebes, ist sich Bertha Richard sicher. «Man muss seriös und diskret arbeiten. Man behält es für sich, wenn jemand mit einer anderen weiblichen Begleitungals der Ehefrau zu Besuch ist», so Bertha Richard.

Diese Diskretion bewahrten Bertha und Oskar Richard bis ins Jahr 1980. Dann verkauften sie das «Eckstein». «Wir wollten noch etwas vom Leben haben. Darum haben wir uns für den Verkauf entschieden», sagt Bertha Richard und fügt an: «Obschon es mitunter eine stressige Zeit war, würde ich wieder ein Gasthof wie den ‹Eckstein› übernehmen.»