Maienzug
Das Aarauer Fest der Lebensfreude

Immer am ersten Freitag im Juli ist in Aarau Maienzug. Dieses Jahr am 3. des Monats und am Programm gibt es auch nach 421 Jahren nichts zu rütteln.

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Maienzug

Maienzug

Stadtanzeiger Aarau

Marcel Suter

Ausnahmezustand der schönen Art in Aarau: Am Freitag in einer Woche ist Maienzug, das Kinderfest für Jung und Alt. Die Vorbereitungen laufen seit Wochen auf Hochtouren, die Maienzugsprüche über den Toren der Stadt sind geschrieben, das Menü des Festbanketts ist degustiert und die Pläne für die Blumenkränzchen liegen vor. Nichts mehr von Schweinegrippe in der Stadt, jetzt steigt das Fieber aus Vorfreude auf das Fest.

Die Ursprünge des Maienzuges liegen im Dunkeln. Auch seine Form hat sich im Laufe der letzten 400 Jahre verändert. Eines ist der Aarauer Maienzug jedoch stets geblieben: das Fest der Feste in Aarau. «An diesem Tag scheint in unserer Stadt die Zeit stillzustehen», schreibt Stadtammann Marcel Guignard im Vorwort der im Jahre 1988 herausgegeben Jubiläumsschrift «400 Jahre Maienzug».

Noch mehr: «Die Alltagssorgen werden beiseitegeschoben, und an ihre Stelle tritt ein befreiendes Glücksgefühl.» Der «Stadt-Ätti» gab seinerzeit der Hoffnung Ausdruck, dass das schönste Aarauer Fest auch in seinem 5. Jahrhundert den ursprünglichen Sinn behalten werde. Und es ist nicht beim Wunsch geblieben: Wer Vorschläge zur zeitgemässen Festgestaltung einbringt, den Bankett-Standort verschieben oder die Morgenfeier im Telli-Ring abschaffen will, wird abgeschmettert.

Schliesslich überstand der Maienzug glücklich das turbulente Revolutionsjahr 1798 und die kurzzeitige Ehre für Aarau, Hauptstadt der Helvetischen Republik zu sein, ohne äusseren Schaden.

Im 19. und 20. Jahrhundert hat sich der Maienzug weiter entwickelt. Im 19. Jahrhundert kamen nämlich die Kadetten dazu, die eine wichtige Rolle übernahmen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde diese Institution wieder abgeschafft - bis auf die Kadettenmusik, die bis heute existiert und an keinem Maienzug fehlt.

Immer, wenn in Aarau etwas ganz Besonderes los ist, erklingt das Carillon (Glockenspiel) zur festlichen Einstimmung vom Obertorturm. Ganz klar auch heuer am Maienzug, in der Regel nach dem Zapfenstreich und am Maienzug-Morgen vor Beginn des Umzuges.

Dank moderner Technik hat es die Wetterkommission heutzutage etwas einfacher. Sie kann zwar am Wetter nichts ändern, ist jedoch mit grosser Kompetenz betraut. Die Damen und Herren treffen sich am Maienzug-Morgen um 5.45 Uhr auf der Zinne bei der Stadtkirche, um über Schön- oder Schlechtwetterprogramm zu entscheiden. Die zum Fest geladene städtische Einwohnerschaft wird danach mit Böllerschüssen aus dem Schlaf gerüttelt. Weht dann auf der Stadtkirche die Schweizer Fahne, ist alles in bester Ordnung. Wird Grün-Weiss aufgezogen, läuft das Schlechtwetterprogramm.

Viele Mütter machen sich eine Ehre daraus, ihre Töchter mit einem Kränzli in den Haaren zu schmücken. Wunderschöne, leuchtende Krönchen aus blauen Kornblumen, weissem Schleierkraut und anderen Sommerblumen verwandeln die hübschen Mädchen in Prinzessinnen. Gut, hier bröckelt zwar die festgefahrene Tradition ein bisschen. Der Wandel von festlich gekleideten und blumig geschmückten Schülerinnen zum aktuell-trendig gestylten Teenager ist nicht übersehbar. Erfahrene Helferinnen zeigen jeweils am Vortag, wie das Kränzchenwinden geht.

Was den Mädchen das Kränzli, ist dem männlichen Geschlecht die Granate. Das Ritual mit dieser Ansteckblume wird allerdings lange nicht mehr so streng durchgeführt wie früher, als «bessere» Aarauer Familien im Treibhaus den eigenen Granatbaum zur rechten Zeit zum Blühen brachten. Heute kommen die Granaten weitgehend aus dem Tessin oder von weiter im Süden. Wer eine will, tut gut daran, sie im Blumengeschäft oder auf dem Markt zu bestellen.

Zu einer ganz besonders schönen Aarauer Maienzug-Tradition gehört das Schmücken der Brunnen im Stadtgebiet. Für diese Funktion gibt es in der Maienzugkommission mittlerweile eine Stelle, die von Veronika Zubler wahrgenommen wird. Die Dekoration wird von einer Gruppe von freiwilligen Frauen ausgeführt. Nicht nur die ausgewählten Objekte sind in einem Plan festgehalten, auch die Gestaltung und die Auswahl der Pflanzen und der Blumen werden minutiös vorbereitet. Einzelne Teams begeben sich am Vortag mit vorbereitetem Blumenschmuck, Leitern und Hilfsmaterial zum jeweiligen Brunnen, um diesen aufwendig zu dekorieren. Es gibt auswärtige Besucherinnen und Besucher, die am Maienzug nach Aarau kommen, um ausschliesslich die verschiedenen Standorte abzuwandern und die festlich geschmückten Brunnen zu bestaunen und zu fotografieren.

Den grossen Auftakt zum Aarauer Jugendfest bildet der Maienzug-Vorabend mit Unterhaltung in der Altstadt. Tausende werden wieder dabei sein und die Reinigungs-Equipe des städtischen Werkhofes in den frühen Morgenstunden zu einem Effort zwingen. Eine ganz besondere Rolle spielt dieses Jahr der neu «angestellte» Caterer, der für das Bankett auf der Schanz zu sorgen hat. Nach dem völlig untraditionsgemässen Flop vor einem Jahr hofft man nicht nur auf Besserung, sondern auch auf völlig kritiklose Diskussionen. Auf dass der Aarauer Maienzug 2009 das schönste Aarauer Fest bleibt.