Eichmeister
Damit nicht geschummelt wird

Tankstellen, Grossverteiler, Spitäler – und die eigene Küche. Über mangelnde Abwechslung im Berufsalltag kann sich Eichmeister David Straumann aus Subingen nicht beklagen. «Jeder Tag bringt neue Überraschungen», sagt der 54-Jährige.

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Solothurner Zeitung

Angelica Schorre

Tatort: eine Tankstelle. David Straumann lässt V-Power-Diesel in ein grosses Messgerät laufen. Der Liter-Zähler der Zapfsäule springt auf 30. Er stoppt und kontrolliert den Pegelstand des Benzins im Messgerät. «0,6 dl zugunsten des Kunden, das liegt innerhalb der Toleranzgrenze», ist er zufrieden. Er schüttet das Benzin zurück in die Tankanlage, wiederholt den Messvorgang, diesmal langsamer.

Dann ist das Bleifrei-Benzin an der Reihe. Alles in Ordnung. David Straumann plombiert die Zapfsäule, bringt die kleine rot-weisse Plakette an, die das «Verfalldatum» der Prüfung zeigt und dem Abgastest-Kleber am Auto ähnlich sieht.

Dann schliesst er die Abdeckung der Zapfsäule, füllt das Protokoll aus. Er hat schon erlebt, dass der Frankenzähler einer Zapfsäule mit einer falschen Kommastelle eingestellt war: «Eine Tankfüllung für 10 Franken! Das sprach sich unter den Chauffeuren schnell herum.» Nicht immer gehe also eine falsche Justierung zulasten des Kunden.

Ein hoheitlicher Akt

Eben, David Straumann justiert nicht, sondern eicht. «Das ist ein hoheitlicher Akt», hält er fest. Eine Eichung ist eine amtliche Prüfung und Bestätigung, dass ein einzelnes Messmittel den gesetzlichen Vorschriften entspricht. Denn der Bund, genauer das Bundesamt für Metrologie (Metas), legt diese Normen fest, vermittelt Masseinheiten, beaufsichtigt die Verwendung von Messmitteln und leitet den Eichdienst.

Der Kanton ist mit dem Vollzug beauftragt. Manche Kantone haben mehrere Eichmeister, für den Kanton Solothurn ist seit 1988 David Straumann zuständig, der vor kurzem vom Regierungsrat für eine weitere Legislatur gewählt worden ist. Er arbeitet als freier Unternehmer, ist aber der Handels- und Gewerbepolizei unterstellt.

Tatort: ein Grossverteiler. Straumann stellt sich bei der Filialleiterin vor; man kennt sich. Er will die Waagen in der Selbstbedienungsabteilung für Gemüse und Obst kontrollieren. Sie waren beanstandet worden und sollten vom Hersteller mittlerweile repariert sein. Jetzt wird Straumann zum Gewichtheber: Er setzt ein 5-Kilo-Gewicht in die Waagschale. Die Zahlen der Anzeige rasen auf exakt 5 Kilo. Nun wird das Gewicht in alle vier Ecken gesetzt - nichts klemmt.

Eine unbefriedigende Situation

«Wenn eine Bodenwaage in einer Ecke etwas festsitzt, kann die Fehlanzeige schnell mal eine halbe Tonne ausmachen», erklärt Straumann und setzt 10 weitere Kilo in die Schale, die bis 15 Kilo aushält. 14,99 Kilo - 1 Gramm zugunsten des Kunden. Die Toleranzschwelle liegt bei plus/minus 7,5 Gramm.

Straumanns Blick fällt auf ein Sonderangebot Cherry-Tomaten, die zu 300 Gramm in Plastikschälchen verpackt sind. Er legt ein Schälchen auf die Waage: 315 Gramm. David Straumann ist nicht zufrieden: «Die Verpackung allein wiegt 25 Gramm.»

Auch wenn man den Gewichts-Schwund von Gemüse nach ein paar Tagen miteinberechne - das sei zu wenig. Da die Tomaten aus Italien stammen, wird Straumann den Vorfall nicht dem Eichamt Bern melden, sondern dem Grossverteiler direkt. Und wenn der nichts unternimmt? «Das kann dann bis zu einer Verzeigung führen.»

David Straumann ist nicht nur mit den Tomaten unzufrieden, sondern vor allem mit den letzten Entwicklungen im Eichwesen: Seit dem bilateralen Abkommen mit der Europäischen Union zur «gegenseitigen Anerkennung von Konformitätsbewertungen im Bereich Messmittel und Fertigpackungen» von 2006 hat sich einiges geändert.

Neu ist, dass der Hersteller eines neu verkauften Messgerätes dieses nicht mehr dem Eichmeister melden und von ihm kontrollieren lassen muss. Vielmehr steht jetzt der Besitzer oder Pächter zum Beispiel einer Tankstelle in der Pflicht, das gekaufte Gerät dem Eichamt zu melden. «Das wissen viele nicht - die Situation ist unbefriedigend und bringt Mehraufwand», sagt David Straumann.

So muss der Eichmeister - und zwar auf Kosten des Kantons, sprich: der Steuerzahler - die nicht gemeldeten Geräte aufspüren. Andernfalls würden solche Messgeräte gar nicht mehr (nach)geeicht. Das aber ist nicht nur strafbar, sondern könnte auch fatale Folgen haben - zum Beispiel bei fehlerhaften Personenwaagen in Heimen und Spitälern. Einmal dem Eichamt gemeldete Waagen müssen in Intervallen von zwei Jahren - und zwar auf Kosten der Besitzer - nachgeeicht werden.

Geeichte Waage in der Küche

Dass David Straumann als eidgenössisch diplomierter Eichmeister gelegentlich bei «speziellen Kunden» nicht mit offenen Armen willkommen geheissen wird, liegt in der Natur der Sache und macht ihm nichts aus. «Man muss halt sauber kommunizieren.» Und in der Regel macht ihm der Kontakt zur «Kundschaft» Freude. Aber eben: Normen sind da, um eingehalten zu werden und dürfen

nicht der Interpretation jedes Einzelnen überlassen werden. Trotzdem: Ein «Tüpfli-Schiisser» sei er auf keinen Fall. «Ich bin dafür, grössere Unternehmen häufiger zu überwachen als etwa einen Imker mit einer kleinen Ernte.» Eicht er auch zu Hause seine Geräte? «Meine Frau, ohne die ich die Büroarbeit gar nicht bewältigen könnte, ist da heikel.» Das heisst, dass in der Küche der Familie Straumann eine geeichte Waage mit der kleinen rot-weissen Plakette steht.

Eichmeister David Straumann nimmt gerne auch Hinweise aus der Bevölkerung zu fehlerhaften Messgeräten entgegen: Tel. 079 631 80 89. www.metas.ch

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