HPS Lenzburg
«Damals mussten wir unten durch»

Liselotte Kunz hat im Kindesalter eine Hirnhautentzündung überstanden. Aber die Folgen der Krankheit und ihre Epilepsie-Anfälle haben ihren Geist eingeschränkt. Weil ihre Mutter sie bestmöglichst fördern wollte, grün- dete sie 1960 die Heilpädagogische Hilfsschule. Dies war der Grundstein für die HPS Lenzburg, wie man sie heute kennt.

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Lenzburger Bezirks-Anzeiger

Graziella Hartmann

Singt da jemand? Oder handelt es sich um eine Rezitation? Über das Gesicht von Betreuerin Verena Leistner huscht ein Lächeln. «Liselotte kommt vom Mittagessen.» Die 63-Jährige lebt seit gut 13 Jahren an der Zelgmatt 3 in einer Wohngruppe der Stiftung für Behinderte. «Sie ist eine sehr lebendige, kommunikative Frau», sagt Verena Leistner, und schon kommt Liselotte Kunz zur Tür herein.

Ihre verspätete Heimkehr hat einen Grund. Eine ihrer Bekannten ist überraschend verstorben und sie möchte sofort eine Beileidskarte schreiben. Während Verena Leistner im Büro nachsieht, macht Liselotte Kunz sich einen Kaffee. Sie nimmt ihren Sonnenhut ab, setzt sich an den grossen Wohnzimmertisch und atmet durch. Zeit für ein Gespräch über die HPS.

«Die Schule hat mir gut gefallen»

Sie erinnert sich an die Anfänge. «Wir waren zu fünft und meine Mutter hat uns zu Hause unterrichtet. Damals mussten wir unten durch.» Geld oder ideelle Unterstützung habe ihre Mutter nicht bekommen. Sie habe die Arbeit getan, weil sie von der Notwendigkeit überzeugt war. «Die Leute fanden die Sonderbehandlung unnötig, wir sollten einfach in die normale Schule gehen.»

Doch schon zwei Jahre später gingen 19 Schülerinnen und Schüler in die Klasse. Kanton und Gemeinden hatten das Projekt anerkannt.

Wie war es eigentlich, die eigene Mutter zur Lehrerin zu haben? Liselotte Kunz strahlt, als sie antwortet: «Das war schön. Die Schule hat mir gut gefallen. Auch wenn nicht alle gleich nett waren.» Manche Schüler hätten wegen ihrer Lernschwierigkeiten Aggressionen entwickelt. «Ich meine, damals hatte man auch noch nicht so viele Erfahrungen mit Kindern wie uns.» Ihre Mutter habe manches Mal mit sich gekämpft, wenn sie nicht helfen konnte. «Meine Epilepsie hat sie eingedämmt, aber wegzukriegen war sie nicht.» Liselotte Kunz schweigt einen Moment. «Heute hat sich die Situation für Behinderte schon verbessert. Die Leute haben mehr Verständnis.»

Nicht unnötig Steine in den Weg legen

Mehr als zehn Jahre lernte Liselotte Kunz bei ihrer Mutter. Mit dem Verlassen der Schule und dem Tod der Mutter endete Liselottes Beziehung zur HPS. «Über die Schule heute weiss ich nichts mehr, da kennen sich andere besser aus.» Das Thema Integration betrachtet sie vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen. «Man sollte Behinderten keine zusätzlichen Steine in den Weg legen.» Dabei erinnert sie sich an ihre Konfirmation, die sie in der reformierten Kirche nicht machen konnte. «In der Chrischona wurde es möglich.» Aber man dürfe auch nicht alle einfach gleich beurteilen, eine normale Schule komme nicht für jeden in Frage. Inzwischen ist der Kaffee ausgetrunken. Liselotte Kunz ruft nach Verena Leistner: «Hast du eine Karte gefunden?» Sie steht auf und räumt ihre Tasse in die Spüle. Liselotte Kunz hat noch viel vor.

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